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Start-ups in Deutschland : Es ist zum Heulen

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Delivery Hero: Nur eine Internetplattform, die Verluste macht, also heiße Luft? So viel Unverständnis tut weh, findet unser Autor Christoph Gerlinger. Bild: dpa

Ein Start-up-Pionier attackiert deutsche Investoren und Medien: Ihr versteht das Thema Tech nicht und verspielt mit eurer Miesepeterei die Zukunft! Ein Weckruf.

          Die deutsche Misere lässt sich anhand von zwei prominenten Börsengängen darstellen, wo Tradition (Old Economy) und Zukunft (New Economy) frontal aufeinandergetroffen sind – und das auch noch in ein und derselben Branche, im Ernährungsbereich. Ende Juni sind zwei Firmen an der Börse gestartet, Vapiano, eine klassische Pizza-Kette, und Delivery Hero, eine Essensplattform im Internet. Der Tenor deutscher Investoren und Finanzmedien im Vorfeld lässt sich wie folgt zusammenfassen: „Vapiano ist etwas Solides, das kann man sehen und anfassen – Delivery Hero dagegen ist nur eine Internetplattform, die Verluste macht, also heiße Luft.“ So viel Unverständnis tut weh! Es ist zum Heulen.

          Denn worum geht es? Vapiano ist ein herkömmliches Systemgastronomiemodell für italienische Küche, aufgezogen als Franchisekette. Dasselbe Geschäftsmodell gibt es seit den 50er Jahren: Innovation? Sehr gering. Unterscheidungskraft? Praktisch null. Ein solches Modell mag vielleicht risikoarm sein, chancenarm ist es in jedem Fall.

          Delivery Hero dagegen ist eine Internetplattform für Essenslieferungen, mit der ebenfalls an Mahlzeiten verdient wird, allerdings ohne jeglichen materiellen Einsatz, sprich, ohne Wareneinsatz, ohne Teig, ohne Restaurants, ohne Köche, ohne Kellner und sogar – mit Ausnahme einer Tochterfirma – ohne Fahrer und Fahrzeuge. Dies ähnelt den Geschäftsmodellen von Uber, dem weltgrößten Personenbeförderungsunternehmen, und Airbnb, dem weltgrößten Personenbeherbergungsunternehmen. Autos beziehungsweise Hotels besitzen beide nicht.

          Delivery Hero betreibt also nur eine Online-Plattform, um hungrige Menschen schnell und bequem mit Liefer-Restaurants zusammenzubringen. Damit ist weit mehr zu verdienen als mit dem Ausrollen von Pizzateig: Die Plattform kassiert für sich eine Vermittlungsgebühr von bis zu 20 Prozent des Essenspreises – ganz ohne den Herd anzudrehen.

          Wer verdient bislang an solchen unternehmerischen Tech-Pionierleistungen?

          Ein solches Geschäftsmodell ist um ein Vielfaches leichter zu vervielfältigen, größenskalierbar heißt der Fachbegriff, als eine physische Restaurantkette. Die Delivery Hero Holding, erst 2011 von Serienunternehmern in Berlin gegründet, beschäftigt folglich schon mehr als 1000 Mitarbeiter allein am Hauptsitz, ist in mehr als 40 Ländern aktiv und wächst stark – allein vergangenes Jahr um knapp 80 Prozent. Eine tolle deutsche Erfolgsgeschichte, oder?

          Der Ton in der öffentlichen Debatte in Deutschland ist ein anderer. Obwohl der kleinere Wettbewerber Takeaway.com in den Niederlanden bereits mit großem Erfolg an die Börse gegangen war, lamentierte die „Wirtschaftswoche“ noch im Mai in einer Titelstory über den ebenfalls öffentlich weithin unverstandenen Serienunternehmer Oliver Samwer, der mit seiner Start-up-Schmiede Rocket Internet maßgeblich an Delivery Hero beteiligt ist: „Delivery Hero scheint noch nicht reif für die Börse zu sein: Zusammen kamen die beiden Unternehmen auf ein Minus von 117 Millionen Euro.“ Am 30. Juni ist Delivery Hero, allen Unkenrufen zum Trotz, an die Börse gegangen und seither mit fast fünf Milliarden Euro bewertet – immerhin rund die Hälfte der mehr als 100 Jahre alten Lufthansa.

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