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Aufstrebende Märkte : Das Comeback der Schwellenländer

Die Börse in Bangkok Bild: AFP

Nirgendwo haben sich die Börsen 2016 so stark entwickelt wie in den Schwellenländern. Wie lange wird das weitergehen? Besonders in Brasilien und der Türkei bereiten politische Unruhen Sorgen.

          Brexit? Was wurde nicht alles über die Folgen des britischen Votums im Juni spekuliert: Weltweite Finanzturbulenzen, Rezession in Großbritannien, noch mehr Streit in Europa. Nun, fast drei Monate später, lässt sich ein kleines Zwischenfazit ziehen: Die Kursverluste an den Börsen wurden in wenigen Tagen wieder aufgeholt, und die Banken brauchten keine Notfallhilfe der Notenbanken.

          Dyrk Scherff

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Und Europa hat sich bisher nicht mehr zerfleischt als zuvor. Die britischen Exportfirmen freuen sich über den gesunkenen Pfund-Kurs, eine Rezession ist nicht in Sicht. Es gibt sogar Gewinner der Brexit-Entscheidung, an die man nicht sofort gedacht hätte: die Schwellenländer.

          Aktuelle Zahlen des Vermögensverwalters Amundi zeigen: Bei Aktien ist seit Ende Juni in keine Anlageregion so viel Geld geflossen wie in die Schwellenländer, während es vor allem aus Europa abwanderte. Auch bei Staatsanleihen konnte keine Region mehr Kapital anziehen. Viele Anleger, das zeigt die Auswertung, haben dafür Staatsanleihen aus dem Euroraum verkauft.

          Aufstrebende Märkte in Asien sowie Süd- und Mittelamerika

          Damit verstärkt sich seit der Brexit-Volksabstimmung ein Trend, der schon das ganze Jahr andauert: Die Anleger schichten ihr Geld kräftig in die aufstrebenden Märkte in Asien sowie in Süd- und Mittelamerika um.

          Dabei hatten sie mit Aktien seit 2011 nichts mehr mit dem einstigen Mega-Anlagethema verdient, zuletzt sogar deutlich verloren. Bei Anleihen endete der Aufschwung Ende 2012. Die Länder belasteten damals hohe Leistungsbilanzdefizite, die die Angst vor Staatspleiten nährten. Hinzu kamen hohe Inflation, schwache Währungen und eine geringe Wettbewerbsfähigkeit.

          Zudem saugte 2013 die Diskussion über eine Zinswende in Amerika Kapital aus den Schwellenländern nach Übersee ab. Der starke Rückgang der Rohstoffpreise traf wichtige Ölexportländer wie Russland und Brasilien.

          Reformen der jeweiligen Staaten sorgen für gute Wirtschaftslage

          Die Wende kam im Februar. Seitdem beeindrucken viele Märkte mit kräftigen Kurssteigerungen, die die Industrieländer weit abhängen: Anleihen aus den Schwellenländern legten, in Dollar gerechnet, 2016 im Schnitt um 16 Prozent zu, Aktien sogar um 25 Prozent. „Die langfristigen Wachstumsvoraussetzungen haben sich in vielen Schwellenländern seit 2013 wieder verbessert.

          Bild: F.A.Z.

          Mit dem Brexit-Votum kam zudem die Erwartung, dass die negativen Auswirkungen auf das Wachstum in Europa die Zinsen niedrig halten“, sagt Elke Speidel-Walz, die Chefökonomin für Schwellenländer bei der Deutschen Asset Management, der Vermögensverwaltung der Deutschen Bank. „Das heißt, die Schwellenländeranleihen behalten ihren Zinsvorsprung vor den westlichen Ländern.“

          Dass sich die wirtschaftliche Lage der Schwellenländer verbessert hat, liegt an Reformen in den Staaten, die zum Beispiel Subventionen für Lebensmittel und Energie abbauten, an gesunkenen Haushaltsdefiziten und einer strikten Geldpolitik vieler Zentralbanken in Asien, die die Inflation drückten.

          Politische Unruhen bereiten Sorgen

          Länder wie Indonesien reduzierten die Abhängigkeit vom Öl. Jetzt trägt der Konsum stärker zum Wirtschaftswachstum bei. Das Ende des Preisverfalls bei Rohstoffen stabilisierte die Ölexportländer. Starke Abwertungen der Währungen machten Exportaktien attraktiver. Zudem sind die Sorgen, dass Chinas Wachstum zu stark zurückgeht, bisher unberechtigt.

          Für Unsicherheit könnte derzeit neben der Entwicklung in der Türkei vor allem Brasilien sorgen. Der kräftige Kursaufschwung in diesem Jahr basiert vor allem auf der Hoffnung auf ein Ende der Rezession und auf Reformen durch den neuen Präsidenten Michel Temer, nachdem die bisherige Präsidentin Dilma Rousseff gerade ihres Amtes enthoben wurde.

          Die wirtschaftliche Lage ist hingegen weiter kritisch. Und die politischen Hoffnungen könnten enttäuscht werden. Dann würden die Kurse einbrechen. Denn bald sind Kommunalwahlen, und im kommenden Jahr werden die Präsidentenwahlen 2018 ihren Schatten vorauswerfen. Es bleibt wenig Zeit für unpopuläre Reformen.

          Die breiten Schwellenländer-Indizes, in die Privatanleger gut mit Indexfonds investieren können, dürfte ein solcher Einbruch in Brasilien nicht belasten. Es gibt genügend andere Staaten, die das wiedergutmachen können.

          Es bestehe die Hoffnung, dass ein neuerlicher Aufschwung in den Schwellenländern ein paar Jahre trägt, sagt Elke Speidel-Walz. „Vor allem in Asien.“ Eine Zinserhöhung der amerikanischen Notenbank dürfte die Schwellenländer nicht so treffen wie die Diskussion 2013 über eine Zinswende. „Irgendwann werden die Zinsen angehoben, damit rechnen alle.

          Das belastet kaum mehr, solange sie moderat und nicht zu schnell steigen.“ Danach sieht es derzeit aus. Attraktiv seien Aktien und die Anleihen in harter Währung, also meist in Dollar. Anleihen in lokaler Währung seien weniger aussichtsreich. Aber die kaufen ohnehin die wenigsten.

          Quelle: F.A.S.

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