21.08.2010 · Die Möglichkeit eines „Japan-Szenarios“ wird in der Versicherungsbranche nicht abgestritten. Sie versetzt die Assekuranz aber nicht in Angst.
Von Philipp KronDas „Japan-Szenario“ ist ein geflügeltes Wort in der Versicherungsbranche geworden. Ob in den Vorstandsetagen, unter den Vertriebsmitarbeitern oder in der Aufsichtsbehörde Bafin - zumindest in Halbsätzen wird regelmäßig über diese Gefahr gesprochen.
Der Begriff steht für die ungünstigsten Marktbedingungen, unter denen die Unternehmen leiden könnten und die aktuell nicht völlig unrealistisch sind. Er spielt auf die Situation in Japan ab Mitte der neunziger Jahre an. Für Versicherer kam damals das Ungünstigste zusammen, was möglich ist: Die Aktien- und Immobilienmärkte brachen ein. Um die Konjunktur zu beleben, senkte die Notenbank den Zins auf null Prozent, die Deflation setzte ein und hielt lange an.
Japanische Verhältnisse sind unbekömmlich
Den japanischen Versicherern ist diese Entwicklung nicht gut bekommen. Zwischen 1997 und 2001 gingen sieben mittelgroße Marktteilnehmer pleite. Sie hatten ihren Kunden in Boomzeiten hohe Garantien von bis zu 6 Prozent versprochen. Als der Markt das nicht mehr hergab, mussten sie ihre Reserven anzapfen. Manchen wurde das zu viel, und sie mussten aus dem Markt ausscheiden.
Davon sind die deutschen Versicherer noch weit entfernt. Aber auch sie leiden unter der lang anhaltenden Niedrigzinspolitik, die ihren Schwestern, den Banken, helfen soll, sich zu sanieren. Anders als in Großbritannien oder Amerika, wo Kunden vielfach selbst das Risiko der Kapitalanlage in Vorsorgeprodukten tragen, ist das deutsche Modell sehr verwandt mit dem japanischen.
Gegenüber den fondsgebundenen Policen dominieren die klassische Kapitallebensversicherung und die private Rentenversicherung weiterhin den Markt. Rechnet man alle alten und neuen Verträge zusammen, müssen die Versicherer Garantien von gut 3,4 Prozent erfüllen - mehr als eine zehnjährige Bundesanleihe derzeit abwirft.
Auf 20 Jahre gerüstet
Gut 85 Prozent ihrer Anlagen haben die Lebensversicherer in festverzinslichen Papieren angelegt, die geringere Renditechancen haben. „Der Druck auf die Unternehmen wird größer. Wer aber clevere Produkte, geringe Kosten und hohe Reserven hat, ist im Vorteil“, sagt Reiner Will von der Versicherungs-Ratingagentur Assekurata.
Die Stabilität, die sie ihren Kunden versprechen, müssen die Unternehmen auch gegenüber der Bafin belegen. Vorsorglich lässt die schon einmal ausrechnen, wie sich die Wettbewerber in einem möglichen Japan-Szenario schlagen würden.
Zwei Jahrzehnte, lautet die Antwort von Andreas Gruber, dem Kapitalanlagechef der Allianz Leben. „Dass wir so lange aushalten würden, hat mit unserer Anlagestrategie zu tun und mit unserer komfortablen Reservesituation“, sagt er.
Gute Streuung. hohe Reserven
Wegen der unsicheren Marktentwicklung setzt er derzeit auf eine sogenannte „Barbell-Strategie“. Das bedeutet, dass die Fälligkeiten seiner Anlagen breiter gestreut sind als im Regelfall. Die langen Laufzeiten bringen Verzinsungen über dem erforderlichen Garantieniveau, die kurzen Laufzeiten lassen die Flexibilität, auch auf Zinssteigerungen oder einen Börsenboom zu reagieren.
Wegen der guten Reservesituation erlaubt sich Gruber immerhin auch noch die marktweit höchste Aktienquote von 8,5 Prozent. „Noch stärken die Versicherer die recht hohen Zinsen der Vergangenheit. Dreht sich die Zinslage aber, können sie nicht unmittelbar von der neuen Situation profitieren“, sagt Assekurata-Chef Will.
Weil die Versicherer Ausschläge nach oben genauso wie nach unten glätten, können sie in der Krise zwar vergleichsweise attraktive Überschussbeteiligungen von durchschnittlich 4,2 Prozent bieten. Dreht sich dagegen der Markt, können sie etwa mit flexibleren Investmentprodukten nicht mehr mithalten.
Andere Risikoklassen
Wichtig sei es, dass man den Kunden eine attraktive reale Verzinsung bieten könne, sagt Gruber. Insofern sei das derzeitige Zinsniveau verkraftbar, weil die Inflation ebenfalls sehr niedrig ist. „Wir sichern die Hälfte unserer Kapitalanlagen sehr langfristig über feste Zinsvereinbarungen ab. In der anderen Hälfte mischen wir kürzerfristige Anlagen mit Aktien, Immobilien und anderen höherverzinslichen Titeln“, erklärt Gruber.
Auch Lothar Jeck aus dem Kapitalanlageteam der R+V-Versicherung sieht sich weiterhin in der Lage, die Garantien zu erwirtschaften, die für Neuverträge dem Höchstrechnungszins von inzwischen nur noch 2,25 Prozent entsprechen.
„Auch in der Krise lassen sich attraktive Investmentformen finden, nehmen wir nur zum Beispiel Unternehmensanleihen oder Anlagen in Schwellenländern“, sagt er. Besonders Unternehmensanleihen stünden inzwischen stärker im Fokus bei ihm und seinen Kollegen als früher.
Neue Produkte
Durch die ungewisse Marktlage haben besonders große Versicherer umgedacht. Nach amerikanischem und irischem Vorbild bieten sie alternative Formen, Garantien bereitzustellen, oder arbeiten Konzepte für solche Produkte unter dem Oberbegriff „Variable Annuities“ aus.
´„Mit neuen Produkttypen bereitet sich die Branche zumindest gedanklich auf eine neue Lage an den Kapitalmärkten vor“, sagt Jeck. Die Produkte sollen es Kunden ermöglichen, von einem Börsenboom zu profitieren, und gleichzeitig eine Garantie bieten.
Anders als in herkömmlichen Policen wird die Garantie nicht über ein Sicherungsvermögen bereitgestellt, sondern über Derivate. Oft ist auch nicht der Versicherer der Garantiegeber, sondern ein externer Produktpartner. In der Finanzkrise zeigte sich, dass diese Garantien deutlich teurer werden können, als manches Unternehmen ursprünglich einmal erwartet hatte.
Damoklesschwert Solvency II
Ein weiterer Faktor, der die herkömmlichen Garantien verteuern könnte, sind die neuen Aufsichtsregeln, die von 2013 an gelten sollen. Sie könnten dazu führen, dass die Versicherer ihre Verbindlichkeiten noch stärker mit Eigenkapital unterlegen müssen.
„Solvency II stellt einzelne Versicherer vielleicht sogar vor die Frage, ob sie an dem Segment festhalten oder doch stärker ins Geschäft mit fondsgebundenen Policen gehen“, sagt Torsten Utecht, Finanzvorstand der Generali Deutschland. Selbst wenn es aber zu Marktaustritten käme, die Garantien ihrer Bestandskunden müssten die Unternehmen weiter erfüllen - und sei es, indem sie auf ihre Reserven zurückgreifen.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |