Vor dem Hintergrund der in den zurückliegenden Monaten eingetretenen Eintrübung des weltwirtschaftlichen Ausblicks mag es überraschen, dass es noch immer Schwellenmärkte gibt, die einen näheren Blick wert sind. Eine Eigenschaft, die potenzielle Investoren dabei allerdings im laufenden Jahr oder vielleicht in den kommenden zwei Jahren mitbringen sollten, ist „aggressive Geduld“. Diese Märkte sind derzeit besonders schwankungsanfällig und korrelieren stark mit den Aktienmärkten der Vereinigten Staaten und anderer Industrienationen. Im Laufe der Zeit werden die Fundamentaldaten der Schwellenländer, insbesondere ihre im Vergleich zu den entwickelten Staaten höheren Wachstumsraten, allerdings Wirkung zeigen.
Eines vorweg: Die meisten internationalen Aktienmärkte - egal, ob in Schwellen- oder Industrieländern - mussten dem Wirtschaftsabschwung Tribut zollen. Einigen wenigen Einzelwerten wie etwa Wal-Mart gelang es zwar, sich dem Abwärtssog seit Jahresbeginn zu entziehen, in ihrer Breite wurden jedoch alle Märkte in Mitleidenschaft gezogen.
Anleger, die von den für ihren Lebensabend zusammengetragenen Ersparnissen leben und mit dem verbliebenen Rest haushalten müssen, werden allenfalls mit Bargeld oder mit kurz laufenden Staatspapieren ruhig schlafen können. Doch für diejenigen unter uns, die vom Ruhestand noch einige Jahre entfernt sind und sich langfristigen Anlagezielen verschrieben haben, geht es darum, sich für jene Märkte zu entscheiden, deren Verluste im Vergleich mit anderen geringer ausfallen.
Osteuropa im Strudel der Finanzwerte
Im Jahresverlauf bis zum 27. Februar lag der Russell Emerging Markets Index mit 12 Prozent im Minus, während der Russell Developed Index im gleichen Zeitraum um 17,4 Prozent zurückging. Die bessere Entwicklung der Schwellenmärkte seit Jahresbeginn könnte auf die Tatsache zurückgehen, dass sie im vergangenen Herbst sehr viel stärker einbrachen als die Märkte der Industriestaaten. Anlegern sei jedoch zur Vorsicht geraten: Es besteht eine erhebliche Disparität zwischen den größeren und stärkeren Schwellenmärkten wie China und den kleineren, schwächeren Märkten der meisten osteuropäischen Länder.
Allen kleineren und am schlechtesten abschneidenden Staaten sei gemeinsam, dass ihre Volkswirtschaften eine Übergewichtung an Finanztiteln und eine Untergewichtung an Energie- und Technologiewerten aufwiesen, sagt Rob Balkema, Portfolioanalyst bei Russell Investments. So liege der Anteil von Finanzwerten in den Aktienindizes von Rumänien, Polen und Bulgarien mit 67, 39 und 37 Prozent merklich über dem in Brasilien verzeichneten Anteil von 20 Prozent, so Balkema. Energie- und Technologieaktien machten dagegen 27 Prozent des brasilianischen und 21 Prozent des chinesischen Index' aus, während sie im bulgarischen Index mit Null gewichtet seien, ergänzt er.
Aktien osteuropäischer Länder gerieten in dieser Woche unter zusätzlichen Druck, nachdem die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union am 1. März ein milliardenschweres Rettungsprogramm für Osteuropa ablehnten, das von verschiedenen Ländern Osteuropas nach dem starken Verfall ihrer lokaler Währungen gefordert worden war.
Einige Märkte weisen solide Bankwerte auf
Eine moderate Beimischung von Schwellenmarktaktien sei zwar nach wie vor sinnvoll, Anleger sollten sich jedoch bewusst sein, dass die Weltwirtschaft weiterhin vor enormen Problemen stehe und dass sich die Abwärtsrevisionen der Gewinnschätzungen noch intensivieren dürften, mahnt George Hoguet, Investmentstratege bei State Street Global Advisors in Boston. Zu diesen Problemen zählten nicht zuletzt weitere Abschreibungen auf faule Vermögenswerte innerhalb des Bankensystems, die sich nach Hoguets Prognosen auf eine Billion Dollar summieren könnten.
Banken in Schwellenländern haben sich zumeist gut geschlagen, was sich in erster Linie auf einfache Bankgeschäftsmodelle, gute Kapitalausstattung, geringeren Fremdkapitalanteil und die Vermeidung übermäßiger Kreditvergabe in den vergangenen Jahren zurückführen lässt. Ihr größter Vorteil gegenüber ihren Pendants in den Industrienationen bestehe jedoch in ihren weitaus geringeren Beständen an „toxischen“ Finanzprodukten, sagt Nick Beecroft, Portfoliospezialist bei T. Rowe Price International in London. Eine zentrale Ausnahme bildeten indes die Banken in Osteuropa, wo der Wertverlust der Währungen das Problem steigender Verschuldung verschärft habe und die Rückzahlung ausländischer Schulden erheblich erschwere, so Balkema von Russell Investments.
Dies ist jedoch kein zwingendes Argument gegen ein Engagement in Schwellenländern. Helen Modly, stellvertretende Vorstandsvorsitzende von Focus Wealth Management in Middleburg (Virginia), geht davon aus, dass sich die Vereinigten Staaten schneller erholen sollten als die Schwellenmärkte, doch „da Schwellenländer in unseren Portfolios in der Regel nur einen ziemlich geringen Anteil von etwa drei bis fünf Prozent ausmachen, lassen wir unsere Positionen derzeit einfach laufen, anstatt sie abzustoßen.“
Gelegenheit zum Einstieg in der Talsohle
Nick Chaime, Leiter der Schwellenländeranalyse bei RBC Capital Markets in Toronto, ist kurzfristig orientiert und prophezeit für die Schwellenmärkte als Ganzes im laufenden Jahr ein Wachstum nahe Null, wobei die rückläufigen Raten der meisten Länder nur durch das anhaltende Wachstum Chinas kompensiert würden. Doch auch die Wachstumsrate im Reich der Mitte wird mit einem geschätzten Rückgang auf 6,5 Prozent nur noch halb so hoch ausfallen wie 2007. Und selbst dieser Wert dürfte größtenteils von dem massiven Konjunkturpaket des Landes abhängen, dessen Volumen mit sieben Prozent des chinesischen Bruttoinlandsprodukts veranschlagt werde und sich über die kommenden zweieinhalb Jahre erstrecke, so Chaime.
Beecroft von T. Rowe Price zeigt sich auf längere Sicht optimistischer. Er geht davon aus, dass 2009 von langfristig orientierten Investoren in drei Jahren rückblickend als ein Jahr mit großartigen Anlagemöglichkeiten auf Schwellenmärkten betrachtet werde.
„Wenn man die Hausse 2003-2007 verpasst oder das eigene Portfolio in Schwellenländeraktien gegenwärtig untergewichtet hat, dann bietet sich 2009 eine gute langfristige Gelegenheit zum Einstieg in diese Anlageklasse, sofern man die nötige Geduld mitbringt“, sagt er. Allerdings sind auf diesen Märkten bis Jahresende nach wie vor neuerliche Tests der im vergangenen Oktober markierten Tiefs möglich, und Beecroft hält sich unter dem Eindruck extremer Volatilität mit Prognosen einer Bodenbildung zurück.
„Nach unserer Ansicht sollten Anleger ihr Engagement im Laufe der Zeit schrittweise ausbauen, um dieser Volatilität entgegenzuwirken“, rät Beecroft. Er empfiehlt die Anlage in aktiv verwaltete Fonds mit erfahrenen Managern beim Aufspüren erstklassiger Unternehmen. Im vergangenen Jahr schnitten die Portfolios dieser Manager allerdings ziemlich schlecht ab, als der Handel auf den Märkten stärker von makroökonomischer Nachrichtenlage und allgemeiner Risikoaversion als von unternehmensspezifischen Fundamentaldaten getrieben wurde.
Auf BRIC-Staaten setzen
Brasilien, China und Indien, die drei großen Schwellenländer innerhalb der BRIC-Staaten, scheinen am besten gerüstet zu sein, um den globalen Abschwung zu überstehen. Ein wachsender Unsicherheitsfaktor ist allerdings weiterhin, ob China im laufenden Jahr ein Wachstum von 6,5 Prozent erreichen wird. Für chinesische Verhältnisse würden Wachstumsraten unter 6,5 Prozent bereits eine Rezession signalisieren, sagt Hoguet von State Street. Er geht jedoch davon aus, dass das Land eine Rezession umschiffen könne, da die flexible Fiskalpolitik und die Devisenreserven in Höhe von zwei Billionen Dollar die Möglichkeit zur Finanzierung eines effektiven Konjunkturprogramms eröffneten. Hoguet sorgt sich stärker um einige asiatische Ausfuhrländer wie Taiwan, die stark auf die Konsumnachfrage aus Europa und den Vereinigten Staaten ausgerichtet seien, und die in großem Stil in Produktionskapazitäten investiert und erhebliche Devisenreserven aufgebaut hätten.
Aktien aus Indien seien stets geringfügig teurer als Papiere aus anderen Teilen Asiens, da indische Unternehmen in der Regel profitabler seien und etwas höhere Eigenkapitalrenditen aufwiesen als die Nachbarstaaten, sagt Beecroft. Das durchschnittliche Kurs-Buchwert-Verhältnis in Indien liege auf Basis des für 2010 geschätzten Buchwerts mit aktuell 1,5 jedoch am unteren Ende der historischen Bandbreite, was nach Ansicht Beecrofts äußerst attraktiv sei. In Zeiten unsicherer Gewinnschätzungen ist das Kurs-Buchwert-Verhältnis eine zuverlässigere Bewertungskennzahl.
In Brasilien produzierte Agrarrohstoffe litten weniger unter dem Wirtschaftsabschwung
Anleger sollten sich vor voreiligen Schlüssen auf Basis falscher Annahmen hüten. Während beispielsweise die Nachfrage nach Erdöl und Grundstoffen stark eingebrochen sei, hätten etwa die in Brasilien produzierten Agrarrohstoffe weniger unter dem Wirtschaftsabschwung gelitten, sagt Will Landers, Manager des BlackRock Latin America Fund und des Emerging Markets Fund. Brasilien verfüge über ein solides Bankensystem mit vergleichsweise geringer Verschuldung, das von einer wachsenden Inlandsnachfrage nach Verbraucher- und Geschäftskrediten profitiere, sagt Landers. Daneben stieg die Fahrzeugproduktion Brasiliens im Februar zum dritten Mal in Folge. Der Anteil brasilianischer Aktien im BlackRock Latin America Fund wurde vom hohen 60-Prozent-Bereich Ende 2008 auf mittlerweile 72 Prozent angehoben.
Ihre Bereitschaft, sich in einer von anhaltend hoher Unsicherheit geprägten weltwirtschaftlichen Lage wieder ein wenig oder auch etwas stärker in Schwellenmärkten zu engagieren, dürfte letztlich von Ihrer Einschätzung der Bewertungsniveaus abhängen, die ihrerseits wiederum auf die Entwicklung der Unternehmensgewinne im laufenden und im kommenden Jahr zurückgehen.
Das auf Basis der Gewinnschätzungen für 2009 errechnete KGV von neun falle gegenwärtig zwar höher aus als in dem einen oder anderen früheren Konjunkturzyklus, doch „für Langfristanleger ist dies kein unattraktiver Zeitpunkt für den Einstieg in Schwellenmärkte“, sagt Hoguet. „Ich denke jedoch, dass infolge der hohen Korrelation der Schwellenmärkte mit den entwickelten Märkten, insbesondere den amerikanischen, eine weitere Schwäche der Vereinigten Staaten einen Ausverkauf der Schwellenmärkte nach sich ziehen dürfte. Vielleicht bietet sich innerhalb den kommenden zwei oder drei Monate ein attraktiverer Zeitpunkt für den Markteinstieg an.“
Ja hört das denn nie auf?
Alexis Schweitzer (alexisschweitzer)
- 08.03.2009, 11:45 Uhr