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Schwellenländer „Die Rally in China wird so schnell nichts stoppen“

22.01.2007 ·  Timothy Moe, Asienstratege von Goldman Sachs, über den Aktienboom in China, die Krise in Thailand, Indiens Börse und die Frage, welche Rendite Anleger in diesem Jahr erwarten können.

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Timothy Moe, Asienstratege von Goldman Sachs, über den Aktienboom in China, die Krise in Thailand, Indiens Börse und die Frage, welche Rendite Anleger in diesem Jahr erwarten können.

Herr Moe, der größte chinesische Versicherer China Life hat gerade einen spektakulären Börsenstart hingelegt: Der Wert seiner Aktien verdoppelte sich in Schanghai auf einen Schlag. Ist der steile Kursanstieg nicht beängstigend?

Anleger haben einen sehr hohen Preis gezahlt. Deshalb mischen sich in den Jubel über den Kurssprung auch kritische Stimmen. China Life ist allerdings ein extremes Beispiel. Die Bewertung der Aktie an den Börsenplätzen im Festland ist völlig überzogen. In Hongkong wird das Papier mit einem Abschlag von 50 Prozent gehandelt.

Es ist also alles im Lot?

Wir beobachten die Spekulationswelle in Schanghai und Shenzen sehr aufmerksam. In Hongkong, wo auch viele ausländische Anleger handeln, sind chinesische Aktien allerdings nach wie vor vernünftig bewertet - auch wenn sie längst nicht mehr so günstig sind wie vor einem Jahr.

Die Aktienkurse eilen also weiter von Rekord zu Rekord?

Ob es gefällt oder nicht: Es gibt sehr viel Liquidität in China. Ich sehe nichts, was die Rally so schnell stoppen könnte. Die Chinesen haben sehr hohe Ersparnisse und nur wenig davon am Aktienmarkt investiert.

Versucht die Regierung nicht zu bremsen?

Es wird darüber diskutiert: Investmentfonds haben in kurzer Zeit enorm viel Kapital eingesammelt, zuletzt fünf Milliarden Dollar in einer halben Stunde. Deshalb wird überlegt, ob es nicht schwieriger werden soll, neue Fonds aufzulegen, um so den Kapitalstrom an die Börse zu drosseln.

Viele Anleger hoffen auf einen Kursaufschwung in China, der nur mit anderen Spekulationswellen verglichen werden kann wie die Hausse in Japan in den 80er Jahren oder dem Internethype der 90er Jahre. Was glauben Sie?

Das ist in der Tat gut möglich. Wir haben schon früher spekulative Blasen in China gesehen: 1997 und 2001. Aber so weit sind wir noch nicht. Die Bewertung der Aktien ist weiterhin durch das Wachstum der Unternehmensgewinne gerechtfertigt, ein irrationaler Überschwang ist nicht zu spüren. Die Hausse in China ist zweifellos noch lange nicht vorbei.

2006 mussten Asien-Investoren vor allem zwei Dinge tun, um erfolgreich zu sein: Japan untergewichten und verstärkt auf China wetten. Was entscheidet 2007 über Erfolg und Misserfolg?

Entscheidend ist, dass Anleger dort investieren, wo das Gewinnwachstum der Unternehmen ist: in China und Indien. Dort fühlen wir uns wohl. Die anderen Favoriten sind Taiwan und die Philippinen.

Sie rechnen damit, dass die Nachzügler Taiwan und Südkorea in diesem Jahr aufholen?

Taiwan und Südkorea könnten in der zweiten Jahreshälfte gut laufen. Dafür gibt es zwei Gründe: Erstens finden in beiden Ländern Wahlen statt. Ein Regierungswechsel wäre bei Anlegern willkommen und gut für die Stimmung an der Börse. Zweitens: Wenn richtig ist, dass sich die amerikanische Wirtschaft nach einem schwierigen erstes Halbjahr in der zweiten Hälfte erholt, kommt das den beiden Märkten zugute, denn Taiwan und Korea stellen viele Halbleiter, Flachbildschirme und elektronische Bauteile her, die in Amerika gefragt sind.

Die stärksten Hoffnungen der Anleger ruhen derzeit wohl auf Vietnam, das sich gerade dem Weltmarkt öffnet. Die Aktienkurse beeindruckten in diesem Jahr mit einem steilen Kursanstieg. Sollten Anleger jetzt noch einsteigen?

Es gibt dort mit Sicherheit eine Menge aufstrebende junge Unternehmen, die noch ein starkes Wachstum vor sich haben. Vietnam zählt zu den Volkswirtschaften, die in Zukunft ähnlich wie die BRIC-Länder Brasilien, Indien, Russland und China mit hohem Wachstum glänzen könnten. Für Anleger ist es aber sehr schwer, diesen Anlagetraum in die Realität umzusetzen. Der Aktienmarkt ist sehr illiquide und unterentwickelt. Er hat nur eine Marktkapitalisierung von vier Milliarden Dollar. Das entspricht dem Bruchteil eines Dax-Unternehmens. Es ist deshalb sehr schwierig, dort Geld anzulegen.

Welche anderen asiatischen Länder haben das Zeug, so wachstumsstark wie China zu werden?

Südkorea, die Philippinen und Indonesien zählen dazu - und vielleicht Pakistan.

Längst nicht alle Länder leuchten: In Thailand brachen die Aktienkurse ein, als die Notenbank kurzerhand versuchte, spekulative Geldzuflüsse zu regulieren. Zudem erschütterten Bombenanschläge in Bangkok die Anleger. Geht das Kursbeben weiter?

Bezüglich Thailand bleiben wir sehr vorsichtig. Bevor das Gewinnwachstum nicht anzieht, sich das Konjunkturklima nicht bessert und sich vor allem die politische Lage nicht deutlich stabilisiert, empfehlen wir nicht, dort zu investieren.

Thailand war das Epizentrum der asiatischen Finanzkrise, die vor zehn Jahren ausbrach. Sehen Sie Parallelen zu 1997?

Die Situation ist heute eine völlig andere. Die meisten asiatischen Schwellenländer stehen viel besser da, was Verschuldung, Wechselkursregime, Währungsreserven oder Leistungsbilanzen angeht. Gleichzeitig weisen die Unternehmen der Region die solidesten Bilanzen der Welt aus. In Thailand hat die Politik zwar Fehler gemacht. Was dort geschieht, wird sich aber nicht wie ein Flächenbrand auf andere Länder ausbreiten.

Indien war 2006 nach China der spannendste Markt. Werden Anleger hier auch 2007 viel Geld verdienen?

Bestimmt. Anders als die meisten Strategen bin ich nicht der Meinung, dass indische Aktien überteuert sind und Anleger jetzt verkaufen sollten. Ich bin überzeugt, dass Indiens Wirtschaft weiter stark wachsen wird und dass auch die Unternehmen ein kräftiges Gewinnwachstum von annähernd 20 Prozent erzielen werden. Dann ist auch die Bewertung gerechtfertigt und der Aktienmarkt sollte gut laufen.

Aber es kann auch schiefgehen?

Es lauern zwei Gefahren: erstens Inflation und steigende Zinsen. Zweitens: enttäuschende Quartalsberichte. Anleger sollten wachsam sein.

Sollten sie auf starke Kursschwankungen gefasst sein?

Schon 2006 war recht volatil: Vom Hoch- zum Tiefpunkt fielen die Kurse um 30 Prozent. Das war die schärfste Korrektur, die ein asiatischer Markt im vergangenen Jahr erlebt hat. Ich glaube nicht, dass es wieder so schlimm kommt. Turbulent kann es allerdings schon werden.

Asiens Märkte haussieren seit vier Jahren. Wie viel ist in diesem Jahr noch drin?

Trotz des Kursaufschwungs im Dezember sind noch immer bis zu 20 Prozent Rendite möglich: 15 Prozent Kursgewinn plus Dividendenrendite plus Wechselkursgewinne.

Asien - was sonst?

Timothy Moe ist Chefstratege für die Aktienmärkte in Asien bei Goldman Sachs - nur nicht für Japan. Er und sein Team wurden von der Fachzeitschrift „Institutional Investor“ und von Greenwich Associates als beste Strategen der Region ausgezeichnet. Moe begann seine Karriere bei der amerikanischen Investmentbank 2002 im Büro in Hongkong. 2006 wurde er Partner. Ins Berufsleben startete Moe 1983 bei Jardine Fleming in Hongkong, wo er zuletzt das Asien-Research leitete. Es folgten drei Jahre bei Salomon Brothers, bevor Moe nach New York zog, wo er als Partner der Hedgefonds-Gesellschaft Omega Advisors arbeitete. Moe hat einen MBA in Finance von der Stern School of Business, New York, und einen Bachelor of Arts in Geschichte und Ökonomie der New York University.

Das Gespräch führte Catherine Hoffmann.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 21.01.2007, Nr. 3 / Seite 49
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