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Schiffsfonds : Krise der Schifffahrt trifft Anleger mit Wucht

Ende eines Schiffslebens: An einem Strand in Bangladesch werden Schiffe verschrottet. Bild: AFP

Viele Schiffsfonds stehen vor der Insolvenz. Anleger und Banken drehen den Hahn zu. Doch im nächsten Jahr soll alles besser werden.

          Es ist noch nicht lange her, da konnten die deutschen Reeder gar nicht genug neue Schiffe auf die Reise schicken. Heute sind sie froh um jeden Frachter, der aus dem Verkehr gezogen wird: „Im Moment ist noch jedes Schiff, das im Hochofen landet, ein gutes Schiff“, sagt Bernd Kortüm. Als Eigentümer der Norddeutschen Reederei H. Schuldt ist Kortüm Herr über mehr als 100 Containerschiffe. Die Raten, zu denen er die Frachter an Linienreeder wie Hapag-Lloyd vermietet, sind zwar nicht so katastrophal wie im großen Krisenjahr 2009. Aber Freude bereiten sie Körtum auch nicht. Daher hofft er, dass möglichst schnell noch möglichst viele Schiffe verschrottet werden, damit das Überangebot an Transportplätzen endlich verschwindet.

          Seit Ende 2011 geht es mit den Charterraten bergab.
          Christian Müßgens

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Tatsächlich sind die berüchtigten Abwrackstrände in Indien und Bangladesh, wo Einheimische in ganzen Hundertschaften ausgemusterte Pötte aus aller Welt zerlegen, derzeit sehr gut gefüllt. Schließlich liegt der Markt so sehr darnieder, dass sich die Verkaufspreise vieler Schiffe nur noch auf der Höhe ihres Schrottwerts bewegen. Je mehr Frachter im Hochofen enden, umso schneller entschärft sich das Problem der Überkapazitäten, das Reedern rund um den Globus Verluste beschert. In den Boomjahren bis 2007 hatten sie - befeuert mit dem Geld von Kapitalanlegern und Banken - weit über den eigentlichen Bedarf hinaus Schiffe bestellt, die nun auf den Markt drängen. Da zugleich die Nachfrage nach Transportplätzen konjunkturbedingt weniger stark steigt als erwartet, sind die Mietpreise für Schiffe (Charterraten) auf einem erbärmlichen Niveau. Dies gilt insbesondere für kleinere Containerschiffe und Massengutfrachter (Bulker).

          Mehr als 100 geschlossene Schiffsfonds Pleite

          Dies trifft nicht nur die Reeder, sondern auch die Anleger, die deren Schiffe maßgeblich finanziert haben. Nach Marktschätzungen haben in den vergangenen Jahren mehr als 100 geschlossene Schiffsfonds Insolvenz angemeldet. Denn vielfach reichen die erzielbaren Mietpreise nicht aus, um die Betriebskosten zu bezahlen, den Zins- und Tilgungsdienst zu leisten und die Rechnung für die Klassenerneuerung - eine Art TÜV für Schiffe - zu begleichen. Viele Anleger mussten schon Kapital nachschießen. Doch nun ist ihre Zahlungsbereitschaft erschöpft: „Die meisten Anleger wollen mit Schiffen nichts mehr zu tun haben“, stellt Reeder Kortüm nüchtern fest.

          Tatsächlich ist diese Anlageklasse inzwischen nahezu erledigt. Im letzten Boomjahr 2007 sammelten Emissionshäuser wie Nordcapital, Conti, MCE, HCI und MPC für ihre Schiffsfonds mehr als 3 Milliarden Euro ein, im Jahr 2011 waren es gerade noch etwas mehr als 400 Millionen Euro. Hinzu kamen rund 100 Millionen Euro aus den Nachschüssen der Anleger. Das geht aus Daten des Verbands Geschlossene Fonds (VGF) hervor. Insgesamt aber lag der Bestand aller in Deutschland aufgelegten Schiffsfonds Ende des vergangenen Jahres bei rund 52 Milliarden Euro. Damit waren diese unternehmerischen Beteiligungen noch immer die wichtigste Anlageklasse nach geschlossenen Immobilienfonds, die mit 72 Milliarden Euro gefüllt waren.

          Blinder Bestellwahn der Reeder in Boomphase

          Nach Einschätzung von Thomas Mattheis, Partner der Hamburger Wirtschaftsprüfungsgesellschaft TPW, kämpfen rund 800 Fondsschiffe mit finanziellen Schwierigkeiten. „Das sind mehr als 20 Prozent der in Deutschland registrierten Schiffe“, sagt Mattheis, der einige Krisenfonds als Berater begleitet. Auch er rechnet in den nächsten Monaten noch mit einer ganzen Reihe von Insolvenzen, zumal viele Banken am Ende ihrer Geduld sind.

          Die deutschen Kreditinstitute hatten den blinden Bestellwahn der Reeder einst munter mit Darlehen flankiert und befeuert. Insofern trifft sie eine Mitschuld an der Krise. Dafür kamen sie den Reedern und Fondsgesellschaften zunächst mit Tilgungsstundungen entgegen. Doch spätestens seit die Commerzbank den Rückzug aus der Schiffsfinanzierung angekündigt hat, dürfte so mancher Sanierungsplan gefährdet sein. Auch die HSH Nordbank, der weltgrößte Schiffsfinanzier, muss auf Geheiß der EU-Kommission ihr Schiffsbuch stark beschneiden und wird daher jedes neue Rettungskonzept mit sehr spitzen Fingern anfassen.

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