24.12.2002 · Die Weltbörsen mussten 2002 im dritten Jahr in Folge Verluste hinnehmen. In der FAZ.NET-Aktienmarktprognose finden Sie, wie die Karten für 2003 gemischt sind.
Von Jürgen BüttnerDie Bilanz ist ernüchternd. Die wichtigsten Weltbörsen mussten 2002 im dritten Jahr hintereinander Verluste hinnehmen. Aus der von den meisten Analysten und Strategen versprochenen Wende zum Besseren wurde nichts. Statt Gewinnen gab es teilweise so herbe Verluste, dass sich vermutlich inzwischen nicht wenige Börsianer enttäuscht von Aktien abgewandt haben.
Zurzeit ist noch nicht eindeutig erkennbar, ob die Abtrünnigen ihren Schritt bald bereuen werden oder nicht. Die aktuelle Ausgangslage beinhaltet so viele widersprüchliche Signale, dass im Jahr 2003 viele Entwicklungen an den Aktienmärkten denkbar sind.
Wie schwierig die Situation einzuschätzen ist, zeigt sich am Zwischenstand eines von uns durchgeführten Votings. Auf die Frage, ob es am deutschen Aktienmarkt 2003 wieder aufwärts geht, antworteten 43,51 Prozent der Nutzer mit Ja und 43,41 Prozent mit nein. Außer einem hohen Maß an Verunsicherung lassen sich daraus aber keine brauchbaren Schlüsse ziehen. Früher lag der Anteil der Optimisten zwar stets deutlich über dem der Pessimisten, aber nach drei Baissejahren in Folge müsste die Zahl der Skeptiker eigentlich eindeutig überwiegen. Von einem als Kontraindikator zu wertenden tiefsitzenden Pessimismus kann deswegen noch immer nicht wirklich die Rede sein.
Blick in die Vergangenheit macht Mut
Das zeigt sich auch daran, dass die Aktienstrategen der Banken mehrheitlich erneut steigende Kurse versprechen. Argumentiert wird dabei oft wie folgt: Die Weltwirtschaft befindet sich auf einem moderaten Wachstumspfad und zusammen mit den im Vergleich zur Endphase des Bullenmarktes gesunkenen Bewertungen ist dies ein guter Nährboden für Kursgewinne. Zumal auch andere Anlageformen, wie etwa der Rentenmarkt mit seinen rekordniedrigen Renditen keine wirklich lukrativen Alternativen böten.
Mit Blick auf die Leitbörse Wall Street wird im Übrigen viel Honig aus historischen Erfahrungen gezogen. In den USA war es nämlich oft so, dass die Märkte alle vier Jahre ein zyklisches Tief erreicht haben. Läuft es auch dieses Mal wider genauso, hätte der Markt im Oktober 2002 sein Tief gesehen. Etwas Vertrauen einflößend ist es auch, dass die Wall Street im dritten Jahr einer Legislaturperiode seit 1939 nicht mehr gefallen ist. Genau genommen stiegen die Kurse im dritten Jahr der Amtszeit eines Präsidenten seit 1928 im Schnitt um 14 Prozent und damit am stärksten.
Auch gute Gründe für weiter fallende Kurse
Zudem werden vier Verlustjahre in Folge oft als ausgesprochen unwahrscheinlich bezeichnet. Als der US-Aktienmarkt von 1939 bis 1941 zum letzten Mal drei Jahre hintereinander gefallen ist, ging es danach in den nächsten vier Jahren im Schnitt um 19 Prozent nach oben. Doch bei allen diesen Punkten handelt es sich um sehr weiche Argumente und nicht um wissenschaftlich exakte Begründungen. Verlässt man sich auf solche Dinge zu sehr, kann dies zu einem bösen Erwachen führen. Denn wer erinnert sich nicht daran, dass auch Ende 2001 viele Experten behaupteten, drei Verlustjahre in Folge seien kaum zu erwarten.
Es scheint deshalb durchaus ratsam, auch die Argumente für fallende Kurse wachsam im Auge zu behalten. Gegen ein baldiges Ende der Baisse spricht unter anderem der drohende Krieg gegen den Irak sowie die anhaltende Gefahr von Terroranschlägen, die sicherlich auch einen dämpfenden Einfluss auf das Wirtschaftsgeschehen hat.
Vermutlich entscheidend für die Jahrestendenz wird es letztlich sein, ob die Blasen, die sich in den USA am Immobilienmarkt und bei der Verschuldung der privaten Haushalte gebildet haben, demnächst platzen oder nicht. Die genaue Bestimmung eines Zeitpunktes, wann das passiert, lässt sich zwar nur schwer vorhersagen, aber wenn es demnächst passiert, dann ist wegen der Leithammelfunktion der Wall Street weltweit nicht daran zu denken, mit Aktien Geld zu verdienen.
Noch keine Kaufsignale von der Charttechnik
Ohnehin ist es so, dass sich der US-Aktienmarkt zumindest aus unserer Sicht bewertungstechnisch gesehen noch immer in keiner komfortablen Ausgangslage befindet. Am Ende eines Bärenmarktes waren die Bewertungen in der Vergangenheit stets deutlich niedriger, als sie es derzeit sind. Und auch jetzt gibt es gute Gründe anzunehmen, dass das Pendel nach den zuvor über viele Jahre hinweg hohen Bewertungen nun über einen längeren Zeitraum in die andere Richtung ausschlägt. Dafür spricht auch, dass sich wie eingangs erwähnt viele Börsianer vom Markt abgewendet haben und die Risiken an den Märkten nach den vielen Skandalen eigentlich nur mit einem Bewertungsabschlag abzudecken sind.
Grünes Licht für steigende Kurse kommt derzeit auch von der Chartttechnik noch nicht. In den USA konnten die Indizes bisher ihren Bodenbildungsversuch noch nicht vollenden und auch beim Dax hat sich mit der Verletzung der Unterstützung bei 3.000 Punkten die Lage wieder eingetrübt.
Nur mit Sondersituationen winken Gewinne
Aus aktuellem Blickwinkel scheint deshalb ein vehementer Aufruf zum Einstieg in Aktien argumentativ nicht ausreichend begründet zu sein. Vielmehr spricht vieles für ein weiter schwieriges Geschäft, wobei die Wall Street wegen der Bewertungsbedenken und dem möglicherweise zur Schwäche neigenden Dollar gegenüber den europäischen Märkten in einer ungünstigeren Ausgangslage zu sein scheint.
Möglicherweise wird es zu einem Tradermarkt kommen, bei dem die Kurse in einer breiten Spanne volatil hin und her schwanken. Erfolgreich werden dann nur jene Anleger sein, die mit einer aktiven Anlagestrategie die Kauf- und Verkaufszeitpunkte richtig erwischen.
Echte Aufwärtstrends werden sich eventuell wie schon 2002 in ausgewählten Emerging Markets ergeben. Im internationalen Vergleich dürften dabei wegen der EU-Erweiterung auch die Aktienmärkte der EU-Beitrittskandidaten gute Kurschancen haben.
Erfolg versprechend wird natürlich wie immer auch gezieltes Stock-Picking bleiben. Als besonders lukrativ könnte es sich dabei erweisen, auf Übernahme- und Squeeze-Out-Kandidaten zu setzen. Wer diese Taktik anwandte, konnte nämlich selbst im schwierigen Börsenjahr 2002 den ein oder anderen Erfolg verbuchen.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |