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Zweifelhafte Finanzforschung : Keine Ahnung haben und trotzdem Guru sein?

Mit oder ohne Finanzforschung: Warren Buffett (rechts, hier mit Bill Gates) gilt als Guru in der Investment-Szene. Bild: AP

Am Schluss mehr Glück als Wissenschaft: Finanzprofessor und Statistiker Campbell Harvey kritisiert die Finanzforschung. Kann man auch ohne große Kenntnisse zum Finanzguru werden?

          „Meiner Meinung nach sind mehr als die Hälfte aller Forschungsartikel zu Finanzmarktfragen fehlerhaft“, sagt Campbell Harvey, Finanzprofessor an der Duke University in Durham, North Carolina. Das sitzt erst einmal. Dann legt Harvey nach: „Aus meiner Sicht bedeutet dies, dass mehr als die Hälfte der Finanzprodukte, die auf Basis solcher Studien einen positiven Ertrag bringen sollten, auf falschen Voraussetzungen beruhten.“ Das erklärt natürlich, warum manches hochgepriesene Produkt die Erwartungen nicht erfüllt.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Harvey ist Spezialist für Portfolio- und Risikomanagement. Sein Urteil beruht auf Überlegungen der Wahrscheinlichkeitsrechnung. „Ganz grundsätzlich gilt: Wenn man viel versucht, klappt irgendetwas rein zufällig. Damit ein Ergebnis signifikant ist, sollten ausreichend hohe Hürden aufgebaut werden.“ Das aber sei in der Finanzforschung eher weniger oft der Fall.

          Harvey verdeutlicht das an einem Beispiel: Man gebe 10.000 Anlegern eine Indexprognose. Der einen Hälfte prophezeie man steigende, der anderen fallende Kurse. Wenn man dieses System zehn Monate gegenüber denjenigen beibehalte, denen man das Richtige gesagt habe, gelte man nach zehn Monaten bei immer noch rund zehn Anlegern als allwissender Guru. Ohne dass man auch nur den Hauch einer Ahnung hätte – es sei reine Statistik.

          Höhere Schranken für Finanzprodukte

          Bei seriösen Forschungsarbeiten ist die Sache etwas komplizierter. Der Grund, warum erfolgversprechende Handelsstrategien öfter fehlschlagen als berechnet, liegt in einer falschen Methodik, sagt Campbell. Das Phänomen ist eigentlich bekannt, und zwar als sogenannte Alphafehler-Kumulierung. „Einfach gesagt: Wenn Sie die Daten auf eine Hypothese hin testen, passt noch alles. Wenn Sie aber mehrere Hypothesen testen – und bei der Suche nach einer Handelsstrategie testen Sie sehr viele –, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass eine zufällig erfolgreich war.“

          Das Problem unzureichender Tests ist nicht auf die Finanzforschung beschränkt. Schon vor zehn Jahren kritisierte der Mediziner John Ioannidis, dass die meisten medizinischen Forschungsergebnisse nur herrschende Vorurteile bestätigten. In der Physik oder der Biomedizin hat man die Testschranken schon deutlich erhöht, in der Finanzforschung nicht.

          „Es gibt keinen Grund, anzunehmen, dass es einen Unterschied zwischen der natur- und der finanzwissenschaftlichen Forschung gibt“, sagt Harvey. „Meiner Ansicht nach sollte die Art und Weise verändert werden, in der Forschung betrieben wird.“ Nach Harveys verschärften Testmethoden haben von 296 Erkenntnissen aus der Finanzwissenschaft seit 1964 höchstens drei Viertel, eher nur die Hälfte Bestand.

          Glück statt Forschung

          Und was heißt das? Harvey, der nicht nur Professor ist, sondern auch den Hedgefonds-Anbieter Man Group in der Investmentstrategie berät, hat zwei Tipps parat. Professionelle Investoren sollten in Qualität investieren, meint er, und Portfoliomanager wählen, die größere Hürden bei der Auswahl ihrer Investmentstrategie anlegen. Privatanleger sollten sich ein diversifiziertes global aufgestelltes Depot zulegen und damit zufriedengeben, was der Markt hergibt.

          „Die Forschung zu Investmentfonds in Amerika hat bisher noch keinen Beweis erbringen können, dass es möglich ist, systematisch besser abzuschneiden als der Markt. Wenn das gelungen ist, war es meiner Forschung nach in der Regel nur Glück.“ Und ja, börsengehandelte Indexfonds seien eine gute, preiswerte Möglichkeit, dies umzusetzen.

          Keine reine Absicherung?

          Unter Diversifizierung versteht Harvey nicht nur die Absicherung gegen Schwankungen. „Man sollte nicht nur die normalen Schwankungen im Auge behalten, sondern auch das, was an den Rändern passieren kann.“ Herkömmliche Portfoliomodelle gehen von einer Normalverteilung der Erträge aus.

          Das heißt, diese schwanken mit einer Wahrscheinlichkeit von 99,97 Prozent in einem relativ engen Bereich um den Durchschnitt. „Aber die Wirklichkeit ist nicht normal verteilt“, sagt Harvey. „Man weiß eigentlich nicht, was Risiko oder was Volatilität ist. Gerade in der Finanzkrise sind die Randrisiken enorm gestiegen.“

          Quelle: F.A.Z.

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