12.09.2009 · Die Technische Analyse ist vielfältig verwendbar und erlaubt auch eine Prognose des Ergebnisses der Bundestagswahl. Sie zeigt: Angela Merkel und Guido Westerwelle werden regieren, die Linke hat ebenfalls gute Chancen und der SPD droht ein Drama.
Von Wieland StaudVersuchungen gibt es sehr, sehr viele auf dieser Welt. Neben den allzu bekannten, auf die hier nicht näher eingegangen werden
soll, auch diejenigen, die ich "Nischenversuchungen" nennen möchte. Die kennt zwar kaum einer, aber für die Menschen, die von ihnen erfasst werden, haben sie zumindest manchmal nicht unerhebliche Bedeutung.
Kaum ein Chart ist vor einer „Interpretation“ sicher
Ich spreche von der Versuchung des Technischen Analysten, für alles, aus dem sich ein Chart fertigen lässt, auch gleich eine Prognose bereitzuhalten. Ohne dieses "Outing" zu weit zu treiben: Ich kann seit Jahrzehnten keinen Chart mehr anschauen, ohne unmittelbar eine Vorstellung von dessen künftiger Weiterentwicklung zu haben. Ob das die Entwicklung von Populationen, die Ausbreitung von Pandemien oder eben auch die typischen Umfrageergebnisse von Parteien betrifft: Kaum ein Chart ist vor mir sicher.
Es geht um die Interpretation von Wahlumfragen - im konkreten Fall um Daten der Forschungsgruppe Wahlen seit dem Jahr 1994 - mit Hilfe der Regeln der Technischen Analyse. Was sich zunächst vielleicht wie ein reines Spaßprojekt anhört, hat zumindest die Experimentierphase überwunden und in meinen Augen auch einen wenigstens bedingt begründeten Hintergrund. Denn ebenso wie Finanzmarktcharts werden auch "Parteiencharts" von Menschen gemacht. Auch Umfragecharts spiegeln menschliche Verhaltensmuster wider. Sie kennen zum Beispiel Trends und Trendwenden. Auch Indikatoren wie zum Beispiel das Momentum lassen sich auf sie anwenden. Das ergibt Sinn. Denn wenn eine Entwicklung erst einmal in Schwung gekommen ist, wenn also die Zustimmungsrate wie beispielsweise für die FDP beschleunigt nach oben zeigt, dann ist ein Einbruch zwar jederzeit möglich, aber eben wie bei einem Aktienchart zunächst nicht wahrscheinlich.
Beschleunigte Bewegungen verkehren sich nahezu nirgendwo auf dieser Welt einfach mir nichts, dir nichts in ihr Gegenteil. Das widerspricht allen Trägheitsmomenten, die in unserer physischen wie auch psychischen Welt überall eingebaut sind. Wenn sich also Umfragecharts zumindest bedingt wie Aktiencharts analysieren lassen: Wer wird aus deren Sicht am 27. September der Gewinner sein? Wer hat momentan die besseren Karten?
Auffällig sind zunächst die "kleinen" Parteien. Sie sehen längerfristig alle besser aus als die beiden "Großen". Besonders auffällig ist die Entwicklung der "Linken". Die fiel zwar vor wenigen Monaten unter ihren Aufwärtstrend zurück. Aber die Entwicklung seit dem Jahrestief bei 8 Prozent macht nachdenklich und ist analytisch erstaunlich gut. Dieser Chart deutet auf eine aus der Sicht ihrer Anhänger positive Überraschung hin.
Vergleichbares gilt für die FDP. Sie notiert in einem ungebrochenen dynamischen Aufwärtstrend. Weil dessen Fortsetzung zu allen Zeiten wahrscheinlicher ist als seine Umkehr, ist aus technischer Sicht am 27. September ein Ergebnis auf oder über dem momentan letzten von der Forschungsgruppe Wahlen publizierten Umfragewert von 15 Prozent deutlich wahrscheinlicher als darunter. Die Grünen schließlich bewegen sich aktuell mit Werten von 11 bis 12 Prozent im Bereich ihrer bislang historisch höchsten Zustimmungsrate. Dieser Widerstand dürfte in den nächsten Wochen nur schwer zu überwinden sein. Allerdings spricht auch einiges dafür, dass es nur eine Frage der Zeit und nicht eine grundsätzliche ist, bis das geschehen wird. Ohne mich zu sehr in das Fach der Wahlforscher zu begeben: Die Grünen scheinen latent immer mehr Zustimmung zu ernten, die sich aber bis zur Wahl nicht in Stimmen niederschlagen wird. Sie sollten am Wahltag eher unterhalb ihrer bisherigen Werte notieren.
Der SPD-Chart ist ein einziges Drama. Wäre dies ein Chart aus der Welt der Finanzmärkte, dann könnte das Anlageurteil aus analytischer Sicht nur "Verkaufen" lauten. Die Umfragewerte für die SPD haben den magischen Schwellenwert von 25 Prozent unterschritten. Sie notieren darüber hinaus im Abwärtstrend auf einem neuzeitlichen Allzeittief, und sie haben auch noch ein abwärtsgerichtetes Momentum. Solche Aktien bereiten ihren Besitzern im Regelfall alles Mögliche, nur keine Freude. Es wäre deshalb einigermaßen überraschend, wenn die SPD sich bis zum Wahltag auf dem Niveau der aktuellen Umfragen halten könnte.
Positives Überraschungspotential für die Linke und die FDP, drohene Abschläge für SPD und Grüne
Die CDU/CSU schließlich notiert aktuell mit den hier gezeigten 37 Prozent oberhalb der bedeutenden Unterstützung von 35 Prozent. Gemeinsam mit dem einst vor etwa drei Jahren gebrochenen Abwärtstrend halten sich damit die Risiken für die Union charttechnisch in überschaubaren Grenzen. Ein Wahlergebnis unter 35 Prozent ist unwahrscheinlich. Analytisch unbefriedigend ist allerdings, dass ein solcher Chart im Regelfall Schwung nach oben aufzunehmen pflegt. Aber genau darauf deuten die in der nun zu Ende gehenden Woche veröffentlichten Zahlen der anderen Institute nicht hin.
Man kann die Ergebnisse so zusammenfassen: Für die Linke und die FDP existiert ein positives Überraschungspotential. Der SPD und den Grünen drohen eher Abschläge. Dazu kommt ein Ergebnis für die Union von nicht unter 35 Prozent. Damit scheint ein knappes Wahlergebnis bevorzustehen, das keine Unruhe in unsere Republik bringen wird.
Damit zurück in die eher profanen Alltagsniederungen eines Technischen Analysten. Der Euro-Kurs hat mit Werten über 1,4450 Dollar eine wichtige Barriere hinter sich gelassen und ist jetzt wahrscheinlich schon in den nächsten Wochen reif für Kurse knapp um oder sogar über 1,50 Dollar. Vergleichbares gilt für die Feinunze Gold, seit sie Kurse über rund 980 Dollar erzielen konnte. Auch wenn die nächsten beiden Wochen noch ein wenig wackelig werden könnten: Das Ziel sind mittelfristig Kurse um 1100 Dollar je Unze.
Der Dax hat sich in den vergangenen beiden Wochen erst ein wenig schwach und dann wieder fester gezeigt. Zu Buche steht insgesamt ein leichter Kursanstieg. Auch wenn die Dynamik nicht aufrechtzuerhalten sein wird und auch wenn die Volatilität insgesamt zunehmen wird: Ich gehe davon aus, dass der Dax in den kommenden Wochen weitere Jahreshochs erzielen wird. Mittelfristig bleibt es bei meinem Kurszielbereich von 5750 bis 6100 Punkten und auch bei dem genannten Stop-Loss von in der nächsten Woche rund 5100 Punkten. Sollte überraschenderweise der dort notierende langfristige Aufwärtstrend gebrochen werden, erschlösse sich allerdings ein erhebliches Abwärtspotential.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.692,96 | −1,41% |
| FAZ-INDEX | 1.495,13 | −1,32% |
| TecDAX | 769,89 | −0,43% |
| MDAX | 10.249,10 | −1,04% |
| SDAX | 4.985,13 | −0,71% |
| REX | 421,06 | −0,02% |
| Eurostoxx 50 | 2.480,76 | −1,65% |
| F.A.Z. EURO INDEX | 80,01 | −1,60% |
| Dow Jones | 12.801,20 | −0,69% |
| Nasdaq 100 | 2.547,32 | −0,65% |
| S&P500 | 1.342,64 | −0,69% |
| Nikkei225 | 8.999,87 | +0,59% |
| EUR/USD | 1,3239 | +0,01% |
| Rohöl Brent Crude | 118,24 $ | +0,29% |
| Gold | 1.711,50 $ | −2,09% |
| Bund Future | 138,62 € | +1,01% |