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Persönliche Finanzplanung : „Zu viele haben sich auf den Staat verlassen“

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Günter Schmidt: „Persönliche Finanzplanung hat auch viel mit Mathematik zu tun” Bild: privat

Günter Schmidt von der Universität des Saarlandes im FAZ.NET-Interview über persönliche Finanzplanung mit „finanziellen Lebenslinien“ und die Frage, wann man sich ein Jahr Auszeit nehmen kann.

          Günter Schmidt ist Professor am „Lehrstuhl für Informations- und Technologiemanagement“ der Universität des Saarlandes. Mit FAZ.NET spricht er über persönliche Finanzplanung mit „Lebenslinien“ und die Frage, wann man sich ein Jahr Auszeit nehmen kann.

          Herr Schmidt, wann kann ich aufhören, für meinen Lebensunterhalt zu arbeiten?

          Diesen Zeitpunkt können Sie berechnen. Ich nenne ihn den FF-Punkt. FF steht für „finanzielle Freiheit“ oder „financial freedom“.

          Sie schreiben in Ihrem jüngsten Buch mit dem Titel „Persönliche Finanzplanung“ von „Lebenslinien“. Wo sich diese kreuzen, liege der FF-Punkt. Entschuldigung, aber das klingt ein wenig esoterisch.

          Ist es aber nicht. Der Grundgedanke ist ganz einfach: Eine Linie, beginnend bei der Geburt, repräsentiert das Geld, das wir im Leben brauchen, es ist das Konsumkapital. Jeder Punkt auf dieser Linie gibt an, wieviel Geld wir von diesem Zeitpunkt aus bis zum Ende unseres Lebens noch verbrauchen werden. Die andere Linie repräsentiert das Sparkapital, auch ihr Beginn und Ende werden durch Geburt und Tod markiert. Jeder Punkt auf dieser Linie gibt an, wieviel Geld wir zu diesem Zeitpunkt gespart haben.

          Das müssen Sie erläutern.

          Ein Beispiel: Ein dreißigjähriger Mann mit einem Nettovermögen von einer Million Euro erwartet, weitere 40 Jahre zu leben. Sein angestrebter zukünftiger Lebensstandard läßt sich mit durchschnittlich 2.000 Euro monatlich in heutiger Kaufkraft finanzieren. Bei durchschnittlich drei Prozent Inflation ergibt sich ein Konsumkapital von knapp 1,9 Millionen Euro. Ohne weitere Einnahmen würde seine Versorgungslücke also etwa 900.000 Euro betragen. Sein Konsumkapital wäre also wesentlich größer als sein schon aufgebautes Sparkapital.

          Wenn er weiter Geld zur Seite legt, schneiden sich aber irgendwann die beiden Linien. Hat unser Kandidat dann die finanzielle Freiheit erreicht?

          So ist es. Wenn unser Dreißigjähriger seine Sparbeträge in der Zukunft genauso steigern würde wie in der Vergangenheit, wäre der FF-Punkt mit etwa 55 Jahren erreicht. Das ist natürlich ein sehr vereinfachtes Beispiel. Die realen Lebenslinien haben mitunter Brüche und verlaufen alles andere als linear. Eine Erbschaft etwa kann das Sparkapital mit einem Schlag kräftig anheben. Das Prinzip ist aber das gleiche: Irgendwann ist der FF-Punkt erreicht. Dann haben Sie genug Geld zur Seite gelegt, um Ihren Lebensstandard zu halten.

          Eigentlich ist das nichts Neues. Jeder gute Finanzberater sollte mit seinem Kunden besprechen, wie viel er zurücklegen muß, um im Alter seinen Lebensstandard halten zu können.

          Wenn Ihr Anlageberater Ihnen das vorrechnet, ist schon viel gewonnen. Meistens geht es in Beratungsgesprächen aber nur um ein konkretes Sparziel: das Eigenheim zum Beispiel, die Rente oder die Berufsausbildung der Kinder. Aber diese Sparziele sollten simultan gemanagt werden. Die Modelle der Anlageberater sind außerdem oft sehr einfach gestrickt: Sie berechnen zum Beispiel, wie viel Geld sie zurücklegen müssen, um mit dem Renteneintritt 75 Prozent des jetzigen Einkommens zur Verfügung zu haben.

          Ihr Modell kann mehr?

          Wir arbeiten an einem Programm, daß wesentlich komplexere Eingaben erlaubt: teure Hobbys, größere Anschaffungen oder eine Weltreise. Der Nutzer gibt seine Konsumwünsche und Einnahmen möglichst detailliert ein, der Computer bricht das alles auf zwei einfache Linien herunter. Die Software berechnet dem Anwender damit auch, welchen Lebensstandard er sich leisten kann: Ist ein Jahr Auszeit vom Beruf drin oder rutscht mein FF-Punkt damit zu weit in die Zukunft?

          Zukunft ist ein gutes Stichwort. Die läßt sich bekanntlich nicht vorhersagen, auch von Ihrer Software nicht. Wie gehen Sie mit Unsicherheiten aller Art um? Lebensdauer, Sparbeträge, Steuersatz, Zinsen, Inflationsrate - nichts läßt sich heute für die kommenden Jahre sicher festschreiben.

          Klar. Im Nachhinein lassen sich die Lebenslinien einfach zeichnen. Beim Blick in die Zukunft müssen wir dagegen Annahmen treffen, die auf Durchschnittswerten basieren. Zur Lebenserwartung zum Beispiel gibt es recht präzise Schätzungen. Bei der Inflationsrate können Sie den langjährigen Schnitt nehmen. Damit werden Sie die tatsächliche Inflation nicht genau treffen, aber Sie kommen ziemlich nahe ran. Außerdem lassen sich mit der Software die Planungen dauernd überprüfen: Wenn sich zum Beispiel ein Ziel oder die Sparrate ändert, verschieben sich die Lebenslinien. Auf diesem Weg können vorsichtige Menschen auch Sicherheitspuffer einbauen und „Worst case“-Szenarien durchrechnen.

          Ein ganzes Leben in zwei Linien darstellen - das klingt nach jeder Menge Datenverarbeitung. Liegt das Projekt darum am „Lehrstuhl für Informations- und Technologiemanagement“?

          Genau. Persönliche Finanzplanung hat auch viel mit Mathematik und Informatik zu tun. In der Literatur schlummert vieles, was noch nicht in die Praxis umgesetzt wurde. Die meisten Menschen haben aber nur wenige betriebswirtschaftliche Kenntnisse und das nötige methodische Wissen. Deshalb versuchen wir, dieses Wissen über eine einfache Oberfläche zugänglich zu machen - und in Form der leicht verständlichen „Life Charts“ zu präsentieren.

          Einige werden sagen, sie kennen Ihren FF-Punkt schon: den Beginn des Rentenalters. Sie arbeiten bis 65 oder bald bis 67, danach sorgt der Staat für sie.

          In der Vergangenheit haben sich viele auf den Staat verlassen. Langsam wächst das Bewußtsein dafür, daß in Zukunft die staatliche Rente nicht reichen wird, um den Lebensstandard zu halten. Die „Life Charts“ sagen ihnen, was sie sich leisten können und was sie dafür zu tun haben.

          Wissen Sie, wer etwas gegen Ihr Modell haben könnte, wenn es zu gut funktioniert?

          Nein, warum?

          Die Erben. Wenn die Rechnung Null auf Null aufgeht, bleibt für sie nichts mehr übrig.

          (Lacht.) Das stimmt. Obwohl jedem frei steht, in der Planung so viel Sparkapital übrig zu lassen, daß den Erben oder einer Stiftung etwas bleibt.

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