Seltsame Dinge geschehen derzeit auf den Finanzmärkten. Risiko scheint inzwischen eine vernachlässigenswerte Größe zu sein, trotz der Erfahrungen aus dem Kursabsturz in den drei Jahren nach der Jahrtausendwende. Aktien werden wieder gekauft, währenddessen die großen Indizes ungeahnte Höhen erklimmen.
Der Renditeaufschlag von Unternehmensanleihen gegenüber sicheren Staatsanleihen läßt kaum noch eine nennenswerte Risikoprämie übrig. Gleiches gilt für Schuldtitel aus Schwellenländern. "Derzeit wird fast alles gekauft", stellt Richard Zellmann fest. Doch für den Marktstrategen der unabhängigen Frankfurter Fondsgesellschaft First Private hat das nichts mit einer Wiederkehr der Sorglosigkeit aus den Zeiten der Technologieblase zu tun. "Es sieht inzwischen so aus, als ob die Inflation aus dem Gütersektor in den Finanz- und Immobiliensektor übergegangen ist." Und das in einer Größenordnung, die er so noch nicht erlebt habe.
„Es gibt keinerlei ungesunde Entwicklungen“
Es ist also die immer noch vorhandene hohe Liquidität, die derzeit auf den Finanzmärkten den Eindruck aufkommen läßt, in der besten aller Welten zu leben. Dabei sollte der Effekt doch eigentlich schon längst ausgelaufen sein. Trotzdem macht Zellmann nicht den Eindruck allzu großer Besorgnis, daß nach dem Preisanstieg über alle Anlageklassen die große Korrektur bevorsteht. „In letzter Zeit hat sich so etwas wie eine globale Zweckgemeinschaft gebildet“, sagt er. „Man weiß, daß man aufeinander angewiesen ist.“ Auch sei nirgendwo eine Übertreibung wie vor fünf Jahren zu sehen. Statt dessen hangeln sich etwa die Aktienkurse vor dem Hintergrund einer skeptischen Grundstimmung nach oben, während die fundamentalen Daten stimmen.
Es ist also die immer noch vorhandene hohe Liquidität, die derzeit auf den Finanzmärkten den Eindruck aufkommen läßt, in der besten aller Welten zu leben. Dabei sollte der Effekt doch eigentlich schon längst ausgelaufen sein. Trotzdem macht Zellmann nicht den Eindruck allzu großer Besorgnis, daß nach dem Preisanstieg über alle Anlageklassen die große Korrektur bevorsteht. "In letzter Zeit hat sich so etwas wie eine globale Zweckgemeinschaft gebildet", sagt er. "Man weiß, daß man aufeinander angewiesen ist." Auch sei nirgendwo eine Übertreibung wie vor fünf Jahren zu sehen. Statt dessen hangeln sich etwa die Aktienkurse vor dem Hintergrund einer skeptischen Grundstimmung nach oben, während die fundamentalen Daten stimmen. "Es gibt keinerlei ungesunde Entwicklungen." Diese Aussage ist Zellmann wichtig.
Gleichwohl blendet er die Risiken nicht aus. Er begegnet ihnen nur mit einer gewissen Gelassenheit. "Viele Risiken für die Weltwirtschaft werden immer wieder besprochen, manche schon seit Jahren." Die Blase an den Immobilienmärkten nennt Zellmann, eine Ölpreiskrise, den islamistischen Terror. Wie erstaunlich gut sich die Märkte aber auf solch offensichtliche Risiken vorbereiten könnten, sei zuletzt bei der Aufwertung der chinesischen Währung Yuan zu beobachten gewesen. "Jahrelang wurde darüber diskutiert. Als sie dann kam, hielten sich die Ausschläge in Grenzen."
Die wahren Risiken seien jedoch die, über die man nicht spricht - die als böse Überraschungen die Stimmung unter Investoren nachhaltig vermiesen. Immerhin sind die Preise für alle gängigen Geldanlagen nach Ansicht von Zellmann inzwischen in einem Maße gestiegen, daß sie kein neues Risiko mehr vertragen könnten - "soweit sind wir jetzt".
Hohe Preise vertragen keine neuen Risiken
Welcher Art die unangenehmen Überraschungen sein könnten, da läßt der Marktstratege von First Private seine Phantasie spielen: "Eisigere Zeiten durch einen Konflikt zwischen Amerika mit Iran oder Nordkorea könnten zu einem ernsthaften Problem werden. Oder wenn China massiv an Schwung verliert - das würde die Weltwirtschaft runterziehen." Ansonsten gelte es, auf unscheinbare Warnsignale auf den Finanzmärkten zu achten. "Wenn Dinge nicht so funktionieren, wie man sich das vorstellt, wenn also Vorgänge beim ersten Hinsehen irrational wirken, dann könnte dies bei näherem Hinsehen eine Vorwarnung sein."
In der jetzigen Phase empfiehlt Zellmann eine konservative Anlagestrategie. Auf der Aktienseite sollten Titel gesucht werden, bei denen der Preis nicht nur wegen der hohen Liquidität gestiegen sei - Substanzwerte eben. Auf den Anleihemärkten plädiert er für eine abwartende Haltung. "Wenn Rentenmärkte totgesagt werden, müssen sie noch lange nicht tot sein." Im Zweifel sollte aber hier der Verkauf einem Neuengagement vorgezogen werden. "Nicht dem Herdentrieb folgen, sondern selektiv schauen", lautet sein Motto.
Bis Ende dieses Jahres erwartet Zellmann noch keinen Abschied von der besten aller Welten, er sieht sie allerdings auch nicht als Dauerzustand an. Die Liquiditätshausse erweise sich zwar als ungewöhnlich ausdauernder Langläufer. Aber dies bringe keine grundsätzlichen Veränderungen an den Finanzmärkten mit sich. "Diesmal ist nicht alles anders, es gibt aber zwei neue Zutaten - das Wachstum in China und die entspannte Geldpolitik der Zentralbanken trotz des Wirtschaftswachstums." Das habe den laufenden Gewinnzyklus verlängert, der sich nach dem Schulbuch eigentlich schon Anfang dieses Jahres hätte deutlicher verlangsamen müssen. Vielleicht ließen die beiden neuen Zutaten das heutige Finanzsystem anders erscheinen als früher, gesteht Zellmann den unverbesserlichen Optimisten zu. "Die Dinge werden sich jedoch wie ein neues Familienmitglied über kurz oder lang in den Familienverband einfügen." Steffen Uttich