04.08.2009 · Experten halten den Kursaufschwung für übertrieben. Langfristig sehen sie jedoch gute Chancen für eine überdurchschnittliche Wertentwicklung der osteuropäischen Aktienmärkte. Eine Kursrally ist jedoch nicht zu erwarten.
Von Daniel MohrAn den osteuropäischen Aktienmärkten sind die Aktienkurse im Jahresverlauf deutlich gestiegen. In Euro gerechnet, gewann der ungarische Aktienmarkt mehr als 40 Prozent an Wert, der polnische, der ukrainische und der tschechische je rund 30 Prozent. Die Aktien in den zumindest teilweise in Osteuropa liegenden Ländern Türkei und Russland gewannen sogar rund 60 Prozent an Wert. Zum Vergleich: der Dax legte gut 13 Prozent zu.
Osteuropas Börsen sind damit nach einer monatelangen Talfahrt mit Kursverlusten vom Hoch zum Tief von durchschnittlich etwa 75 Prozent nun wieder die renditestärksten in Europa. „Die Kurse werden von der globalen Entwicklung getrieben“, sagt Christian Keller, für Osteuropa zuständiger Volkswirt von Barclays. „Die allgemeine Risikoneigung hat sich wieder erhöht und davon profitieren riskantere Anlageregionen wie Osteuropa eben immer besonders.“ Eine Wiederaufnahme der Kursrally, wie sie vor der Finanzkrise stattfand, sei gleichwohl nicht zu erwarten. „Das Modell der Konvergenz der osteuropäischen Volkswirtschaften ist längerfristig zwar nicht kaputt“, sagt Keller. „Durch die Krise wird der Aufholprozess aber sehr viel langsamer gehen.“ So sei das Potentialwachstum Ungarns auf nur noch 2 bis 2,5 Prozent im Jahr gesunken. „Bei der Umsetzung umfangreicher Reformen kann dies natürlich wieder mehr werden, das aber jetzt schon in die Aktienkurse einzupreisen ist gewagt“, sagt Keller.
Als ob die Krise schon überstanden sei
Auch Sebastian Kahlfeld, Fondsmanager für osteuropäische Aktien bei der DWS, sieht die Aktienkurse der Realität momentan entlaufen. „Die Kurse spielen ein Szenario, als ob die Krise schon überstanden ist“, sagt Kahlfeld. „Von einem Tag auf den anderen kann sich die Stimmung am Markt aber auch wieder ändern, und dann wird das nun in die osteuropäischen Aktienmärkte geflossene Kapital auch schnell wieder abgezogen.“ Gleichwohl seien die längerfristigen Perspektiven an den osteuropäischen Aktienmärkten überdurchschnittlich gut. „Die Steuern sind oft niedriger, die Arbeitskosten ebenso, so dass bei qualifiziertem Personal die Produktionsbedingungen sehr gut sind“, sagt Kahlfeld.
Wer als deutscher Privatanleger Geld in Osteuropa anlegen will, kann auf zahlreiche Zertifikate und Fonds zurückgreifen. So gibt es auf die meisten Länderindizes Indexzertifikate. Wer zum Beispiel dem polnischen Aktienmarkt eine besonders gute Entwicklung zutraut, erhält bei der Hypo-Vereinsbank ein Indexzertifikat auf den Wig 20 (Isin DE000HV2AX05), das sich genau wie der Index entwickelt. Kahlfeld sieht gerade in den größeren osteuropäischen Ländern wie Polen besonders gute Kapitalmarktperspektiven: „Polen hat die Rezession nicht so gespürt wie andere Länder und wird durch einen starken heimischen Konsum gestützt.“
Es gilt mehr als das Währungsrisiko zu beachten
Es gibt von der Hypo-Vereinsbank aber auch Zertifikate auf den Istanbul Stock Exchange National 30 Index (Isin DE000HV5YFA3) oder den rumänischen Bet-Index (Isin DE000HV555X2). Überhaupt verfügt die zur stark im Osteuropa-Geschäft engagierten Unicredit-Gruppe gehörende Bank über eine breite Palette an Zertifikaten auf osteuropäische Indizes. Aber auch die Royal Bank of Scotland verfügt traditionell über eine Vielzahl an Index-Zertifikaten, zum Beispiel auf den ungarischen Bux (Isin DE0003937512).
Bei allen Produkten muss der Anleger jedoch beachten, dass die Indizes und Aktienkurse in Landeswährung berechnet werden, die Zertifikate jedoch in Euro. Im vergangenen Jahr haben Währungen wie der Zloty oder der Forint deutlich an Wert verloren, was dem Anleger zusätzlich zu den Aktienkursrückgängen Verluste beschert hat. Kommt es jedoch zu Kursgewinnen der lokalen Währungen, dann profitiert er davon.
Bei den baltischen Staaten ist Vorsicht geboten
Neben dem Währungsrisiko sollten Anleger auch das Emittentenrisiko von Zertifikaten beachten. Wird die das Zertifikat begebende Bank zahlungsunfähig, ist die Gefahr groß, dass der Anleger sein eingesetztes Kapital verliert. Anders ist dies hingegen bei Fonds. Hier ist das Vermögen als Sondervermögen auch bei einer Zahlungsunfähigkeit der Fondsgesellschaft geschützt. Indexfonds gibt es zum Beispiel von der zur Commerzbank gehörenden Comstage auf den MSCI Emerging Marktes Eastern Europe (Isin LU0392495379), der auch Dividendenzahlungen berücksichtigt. Die größten Werte des Index stammen aus Russland.
Ebenfalls russische Aktien sind die größten Werte im MSCI Osteuropa, auf den iShares einen Indexfonds aufgelegt hat (Isin DE000A0HGZV3). Auf Werte aus Tschechien, Ungarn und Polen setzt der Lyxor Indexfonds Eastern Europe (Isin FR0010204073 ). Auch gibt es zahlreiche Branchenindizes und aktiv gemanagte Osteuropa-Fonds, die allerdings höhere Verwaltungsgebühren erheben als Indexfonds.
Anleger sollten zudem beachten, dass die Region Osteuropa nicht homogen ist. Die Aktienindizes in Lettland, Bulgarien und Serbien notieren seit Jahresanfang im Minus. Experten verweisen auf die erheblichen Probleme gerade der baltischen Staaten. Von dem wenig liquiden bulgarischen Aktienmarkt wird ebenfalls eher abgeraten, auch wenn der neue Finanzminister, kaum dass er eine Woche im Amt ist, die Euro-Einführung für sein Land im Jahr 2012 als Ziel formuliert hat. Alleine die Phantasie auf eine Angleichung an das westeuropäische Wohlstandsniveau reicht den Börsianern offenbar nicht mehr.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |