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Mobiles Internet Die neue Smartphone-Welt

21.08.2011 ·  Jeder vierte Deutsche hat schon ein Alleskönner-Handy. Der Internet-to-go-Virus greift um sich. Kein Wunder, dass Google seinen Platz sichern will. Der Konzern übernimmt Motorola und fordert damit Apple heraus.

Von Nadine Oberhuber
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Es ist noch nicht lange her, da klang die Idee, von unterwegs E-Mails abzurufen, hoch exotisch. Da musste man sich, um etwas im Internet nachzusehen, noch an einen Tisch mit Computer setzen. Heute ist das Internet überall, und wir können uns das Leben „ohne“ kaum noch vorstellen: Wir checken unsere Mails in der U-Bahn, ergoogeln im Café flugs die Antworten, die unser Gesprächspartner aus dem Kopf nicht weiß, und können an jedem Punkt der Welt sagen, wann der nächste Bus nach Hause fährt – dem Smartphone sei Dank. Mobiltelefone, die das Internet aufs Handy holen, haben sich hierzulande so schnell verbreitet wie kaum irgendwo sonst. Und sie verändern unser Leben schneller, als wir es uns zu träumen gewagt hätten.

Jeder vierte Deutsche hat schon ein Alleskönner-Handy. Rund 20 Millionen davon stecken in unseren Hand- und Hosentaschen. Manchmal hat man den Eindruck, sie verbreiten sich schneller als Computer- oder Grippeviren. Hierzulande sollen allein dieses Jahr 10 Millionen neue Geräte verkauft werden, das infiziert Millionen neuer Nutzer mit dem Internet-to-go-Virus. Kein Wunder, dass sich Konzerne wie Google durch die Übernahme von Motorola einen Platz auf diesem Markt sichern wollen. Es wird nicht mehr lange dauern, bis fast jeder ein Smartphone hat und Standardhandys so vorsintflutlich wirken wie Wählscheibentelefone. Und viele andere Geräte ebenso.

Was die Besitzer so fasziniert, ist für Dirk Ziems von der Marktforschungsgesellschaft Conceptm schnell ausgemacht. Er untersucht tiefenpsychologisch, was Nutzer wirklich über Geräte denken: „Das Smartphone ist im Prinzip die Neuerfindung des Personalcomputers.“ Im wahrsten Sinne des Wortes. „Es ist ein persönlicher Taschencomputer, der durch die vielen Applikationen perfekt auf seinen jeweiligen Besitzer zugeschnitten ist. Apps sind in summa ein Spiegel der Persönlichkeit.“ Es sind die Spiele, mit denen wir uns die Zeit vertreiben; die sozialen Netzwerke, in denen wir Anschluss an den Rest der Welt suchen; Navigationsprogramme, die uns den Weg weisen; und die Bücher, Zeitungen oder Musikstücke, die wir mögen.

Wecker, Fotoapparat und Terminplaner

Früher brauchten wir Stunden, um uns die Megaprogramme auf unseren Computern zurechtzubasteln. „Apps sind da viel radikaler“, sagt Ziems. Mit ihnen kann man kinderleicht entscheiden, was das eigene Gerät alles können soll. Man kann sie austauschen, sooft man will, und neue laden, so viele man will. Im Schnitt gibt jeder Smartphonebesitzer 100 Euro für die Mini-Zusatzprogramme aus.

Am häufigsten nehmen wir unsere Handys nach wie vor zum Telefonieren und für SMS her. Aber gerade bei den Jüngeren hört jeder Zweite damit Musik. Mehr als jeder Dritte nutzt es als Wecker, Fotoapparat und Terminplaner. Jeder Fünfte ruft regelmäßig seine Mails ab, und jeder Sechste vertreibt sich mit Spielen die Zeit. Damit ist das Smartphone noch etwas anders geworden: die Zigarettenpause der Neuzeit. Denn Ziems hat in Nutzerstudien entdeckt: „Früher brauchte man eine Kippe, um cool zu sein, wenn man alleine irgendwo stand. Heute nimmt man das Handy zur Hand. In dem Umfang, in dem der Smartphone-Absatz steigt, geht der Zigarettenkonsum bei Jüngeren zurück.“

Dafür steigen die Ausgaben für die Programme rasant: Mehr als 13 Millionen Spiele-Apps haben die Deutschen 2010 geladen. 900 Millionen Mini-Programme insgesamt für 357 Millionen Euro. Die gesamte Smartphone-Branche dürfte inklusive Gerätehersteller, Netzbetreiber, App-Verkäufer und Software-Entwickler weltweit inzwischen 400 Milliarden Euro schwer sein. Größer als die deutsche Automobilindustrie. Nun könnte man meinen, dass der Boom die Elektronikbranche freut. Tatsächlich aber bangen einige um ihre Existenz. Denn je häufiger wir die Minicomputer zücken, desto eher lassen wir andere Geräte liegen.

Ein Grund zur Freude

Die Killer-App Smartphone könnte das Ende so mancher Geräteklasse sein. Gerade beklagten die Hersteller von Spielekonsolen auf der Messe Gamescom, dass ihr Umsatz einbricht, weil immer mehr Nutzer nur noch auf dem Handy daddeln. Nintendo senkt deswegen drastisch die Preise. Unterm Strich dürfte die Spieleindustrie durch das „Mobile Gaming“ aber gewinnen, sagt Markenstratege Johannes Schneider von Decode. Denn die Mikrospiele verleiten die Nutzer mit Minipreisen dazu, sich öfter mal ein neues herunterzuladen. In summa geben sie mehr aus bisher für Konsolenspiele.

Was sich bald auch überlebt haben dürfte, sind Musikspielgeräte. Dabei denken Experten nicht nur an Stereoanlagen oder an Radiowecker. Sondern selbst an MP3-Player. Weil man auf Smartphones sein gesamtes Musikarchiv unterbringt und es sich mit Ohrstöpseln oder Lautsprecher-Stationen auch anhören kann. Vergangenes Jahr hat sich die Menge an Musik und Videos, die wir aufs Handy geladen haben, im Vergleich zu 2009 vervierfacht. Allein 8 Millionen Songs haben wir auf Internetplattformen gekauft. Eigentlich ein Grund zur Freude für die Musikindustrie. Aber Marktforscher Schneider trübt sie ein: „Mit dem Handy ist Musik auch etwas Flüchtiges geworden. Sie ist nicht mehr anfassbar, deshalb geben die Leute weniger Geld aus, um sie zu besitzen.“

„Mobile Payment“-Lösungen

Wer ebenfalls heftig kämpft, sind die Navigationsgerätehersteller. Seit in Smartphones GPS-Empfänger stecken und Routenplan-Apps auch ohne permanente Internetverbindung den Weg ansagen, läuft das Handy dem Navi den Rang ab. Der Vorteil: Man hat es ohnehin dabei und lässt es auch nicht aus Versehen zu Hause oder im Zweitwagen liegen.

Unser Mobiltelefon ist uns inzwischen so ans Herz gewachsen, dass drei Viertel von uns keinen Schritt mehr ohne tun. Selbst im Bett muss es für viele in Reichweite sein. Die Folgen dieser innigen Beziehung: Wir telefonieren schon so viel mit dem Handy wie auf dem Festnetz, drei Stunden im Monat. Und wir werden – wenn die Marktforscher von Gartner recht haben – bis 2013 die 66-fache Datenmenge auf Mobilgeräte laden. Weil die Übertragungsraten schneller werden, die Geräte mehr und die Netzabdeckung besser. Dafür geben wir nicht einmal mehr Geld aus. Denn im Gegenzug werden die Tarife immer billiger. Für 10 Euro im Monat gibt es heute schon eine Daten-Flatrate.

Und wenn das Realität wird, woran die Branche derzeit bastelt, dann bezahlen wir nicht nur unsere Telefonrechnung bald mit dem Smartphone, sondern auch unsere Alltagseinkäufe. Viele Netzbetreiber arbeiten derzeit an „mobile Payment“-Lösungen, mit denen das Handy bald sogar die Kreditkarte ersetzen könnte. Mit dem Konto verknüpft ist es ja bereits. Und zücken können wir es meist auch schneller als den Geldbeutel.

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Jahrgang 1973, freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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