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Lloyd’s of London Vom Kaffeehaustreff zur globalen Handelsplattform

 ·  In den neunziger Jahren stand Lloyd’s vor dem Kollaps. Nach entschlossenen Reformen sieht sich Londons Versicherungsmarkt für die Expansion gerüstet.

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Mittags halb zwölf in Londons Finanzdistrikt: James Convey hat sein Maklerbüro verlassen, eilt am Eingang von Lloyd’s of London an einem Sicherheitswärter in der traditionellen roten Livrée vorbei und taucht ein in das spektakuläre Gebäude des Architekten Richard Rogers. Der stählerne Koloss in der City ähnelt mit seinen Aufzügen, Leitungen und Luftröhren einer brodelnden Fabrik, in der das Gebräu des größten Versicherungsmarktes der Welt kocht. Lloyd’s ist eine Mischung aus Unternehmen und Handelsplattform, deren wechselvolle Geschichte ins Jahr 1688 zurückreicht.

Convey, ein junger Mann mit strengem Seitenscheitel und Nadelstreifenanzug, fährt mit der Rolltreppe auf die zweite Etage der mächtigen Halle, die an das Innere einer Kathedrale, jede Ebene einer Bibliothek erinnert. Nur wird laut gegen den Geräuschpegel von Hunderten von Versicherungsmaklern angeredet. Convey hat Termine mit Underwritern, spezialisierten Mitarbeitern von Versicherungsunternehmen, die Risiken zeichnen und Prämien verhandeln.

Buntes Treiben wie im Kaffeehaus

Er sucht einen Geldgeber, der bereit ist, eine Schweizer Bank gegen das Risiko abzusichern, dass ihre Mitarbeiter Kunden betrügen könnten. Gespräche mit mehreren Underwritern gingen bereits voraus, Vertragsinhalte wurden abgestimmt. Nun sitzt Convey in einer der rund 100 Boxen, die auf jedem Stockwerk für Underwriter reserviert sind. Der Gesprächspartner hat die Konditionen akzeptiert, jede Seite der Police abgestempelt und flink 331/3 auf die Seite geschrieben. Ein Drittel der Deckung trägt dessen Unternehmen. Nun muss Convey nach weiteren Versicherern suchen.

Lloyd’s ist eine einmalige Institution auf der Welt. Auf engstem Raum treffen Makler auf potentielle Geldgeber. 88 Syndikate, die auf eigene Rechnung Risiken abdecken, sind am Markt zugelassen. Die großen Versicherer wie AIG, Chartis oder Chubb sind vertreten. Der Rückversicherer Munich Re zeichnet über sein Watkins-Syndikat Risiken, die vom traditionellen Portfolio des Konzerns abweichen. Nicht allzu weit hat sich der Markt von der Grundidee fortbewegt, die im 17. Jahrhundert im Kaffeehaus von Edward Lloyd geboren wurde. Kaufleute trafen sich dort, um Geldgeber zu suchen, die ihre Schiffsladungen versicherten.

Schwere Zeiten

Dass es Lloyd’s überhaupt noch gibt, ist harten Einschnitten zu verdanken. Fehleinschätzungen über Folgeschäden von Asbest und über Naturkatastrophen hatten in den achtziger und neunziger Jahren zu fünf Jahresverlusten in Folge geführt. Leidtragende waren die privaten Geldgeber, sogenannte „Names“, die unbegrenzt hafteten. Viele von ihnen trieben die Verluste in den Ruin, einige begingen Selbstmord.

Ein Reformplan legte 1996 eine stärkere Kontrolle der Zeichnungspolitik der Syndikate fest. Seither agieren sie weiter autark, aber in Grenzen, die von der Lloyd’s-Führung gesetzt werden. „Damit stellen wir sicher, dass die Geschäftspläne der Syndikate in der Summe profitabel sind“, sagt Benno Reischel, Lloyd’s-Direktor für Nordeuropa. Die begrenzte Einschränkung der Autarkie war erfolgreich. „Sie führte zu einer signifikanten Verbesserung unserer Underwriting-Standards und bescherte uns eine recht erfolgreiche Zeit“, sagt John Nelson, seit vergangenem Jahr Chairman.

Erdbeben in China brachte Verluste

Zudem wandelte sich die Struktur der Geldgeber fundamental. 1993 hafteten noch 100 Prozent der Investoren unbegrenzt. Heute liegt dieser Anteil bei 3 Prozent, und der Großteil des Kapitals stammt von Institutionellen: 39 Prozent von britischen Versicherern und anderen Unternehmen.

Doch trotz der stärkeren Kontrolle gibt es immer wieder Jahre mit Verlusten. 2011 mit dem Erdbeben in Japan und vor allem den Fluten in Thailand, die viele Betriebsunterbrechungen verursachten, war für Lloyd’s heftig: 516 Millionen Pfund (620 Millionen Euro) Verlust brachten die Rekordauszahlungen von 13 Milliarden Pfund dem Versicherungsmarkt ein. „Doch in der Vergangenheit hatten schon schwächere Verlustjahre viel dramatischere Auswirkungen“, sagt Nelson. Lloyd’s ist mit einem Geschäftsanteil von 38 Prozent der insgesamt 23,5 Milliarden Pfund Beitragseinnahmen der fünftgrößte Rückversicherer der Welt. Langsam hat er sich auch in der Kapitalstärke wieder an Wettbewerber herangearbeitet. Die Ratingagentur Standard & Poor’s versah das „A+“-Rating in diesem Jahr mit positivem Ausblick.

Durch seine Zeichnungspolitik schneidet Lloyd’s in Jahren mit hohen Verlusten oft schlechter ab als andere Versicherer. Im vergangenen Jahr lag die maßgebliche Schaden-Kosten-Quote bei defizitären 113 Prozent, 2012 ist sie mit 89 Prozent derzeit besser als bei amerikanischen Schaden- und europäischen Rückversicherern. Nur die strategisch ähnlich aufgestellten Rückversicherer aus Bermuda schneiden nun wieder etwas besser ab.

Eine Glocke warnt vorm Unglück

Dass die Syndikate nicht unter der Last von Schadenzahlungen zerbrechen, dafür sorgt ein dreifaches Sicherheitsnetz, das ebenfalls Teil der Erneuerung nach 1996 war. Zunächst haften sie mit dem eigenen Kapital, das in der Summe 50 Milliarden Pfund ausmacht. Reichen diese Mittel nicht, kommt ein Mitgliederfonds ins Spiel, der gemeinsame Kapitalanlagen der Syndikate von 18 Milliarden Pfund verwaltet. Im schlimmsten Fall kann die Führung von Lloyd’s dann noch 3,7 Milliarden Pfund aus dem Zentralvermögen mobilisieren. „Das ist eine sehr effiziente Kapitalstruktur, die allen Syndikaten erlaubt, mit unserem guten Rating Geschäft zu zeichnen“, sagt Nelson.

“Nur durch Vertrauen konnten wir uns unserer Probleme entledigen“, sagt der ehemalige Banker Nelson mit Blick auf die Finanzkrise: „Banken sind zu stark zum Akteur geworden und haben Geld zum Nachteil ihrer Kunden eingesetzt. Wir brauchen einen vollständigen Fokus auf den Kunden.“ Unter seinen eigenen Führungskräften hat er den Anteil der Boni gekürzt.

Mittlerweile ist es ein Uhr Mittag, wie das mächtige Uhrwerk im Erdgeschoss des Handelssaals anzeigt. Es ist Ruhe eingekehrt. Im Herzen des Handelssaales glänzt die schwere Lutine Bell - eine Glocke, die einst aus einem Schiffswrack gehoben wurde und lange Zeit nach jedem Schiffunglück läutete, um den Markt vor Verlusten zu warnen. Noch heute werden die Havarien mit schwungvoller Schrift aus Federkiel in ein schweres Registerbuch eingetragen: „Weitere Berichte besagen, dass es sehr ernste Verluste an Leben gegeben hat“, warnt ein Eintrag im April 1912 bei der Havarie der Titanic.

Auch der Geruchsinn eines Parfumeurs will versichert sein

Bis heute lässt sich hier in London Versicherungsschutz organisieren, den andere Anbieter nicht bereitstellen: ob die Haare eines amerikanischen Footballstars, mit denen er Millioneneinnahmen durch Werbung erzielt, oder die Zunge des Kaffeetesters von Costa, ob Klavierspielerhände oder der Geruchsinn eines Parfumeurs. „Die speziellsten Deckungskonzepte kann man nur in direktem Kontakt aushandeln“, sagt der Italiener Nicola Forti, der für ein Private-Equity-Haus ein Team von einem Dutzend Underwritern anführt. „Wir benötigen handgefertigte Policen.“

Die kleinteilige Struktur der Risikoträger macht Lloyd’s zu einem Ort der Innovationen. Deckungen gegen Terrorismus wurden hier zuerst entworfen, auch Versicherungen gegen Cyberrisiken standen früh auf dem Plan. „Sie werden nirgends auf der Welt so viel Expertise für Spezialrisiken finden wie in den 800 Metern um uns herum“, sagt Chairman Nelson. Rund 50.000 Versicherungsfachleute sind in London beschäftigt. Der weltgrößte Makler Aon Benfield baut gerade auf der gegenüberliegenden Straßenseite seinen neuen Hauptsitz, der demnächst von Chicago hierherziehen soll.

London dürfte mit seinem weltweit anerkannten „English Law“ in Handel und Finanz das wichtigste Versicherungszentrum der Welt bleiben. Doch mit seiner Vision „Lloyd’s 2025“ hat Nelson einen neuen Schwerpunkt definiert. „80 Prozent unseres Kapitals stammen aus weitgehend gesättigten Märkten“, sagt er. „Künftig müssen wir mehr Geld aus Schwellenländern anziehen, um damit dort Geschäft aufzubauen.“ In den kommenden Jahren will er Aktivitäten in Zentralasien und Lateinamerika, die bislang 20 Prozent der Beitragseinnahmen ausmachen, kräftig ausbauen. Ob dies Lloyd’s of London gelingt? Die Konkurrenz ist hart. Da im Finanzwesen nach der Finanzkrise und angesichts der historisch niedrigen Zinsen nur noch geringe Renditen zu erzielen sind, sucht sich das Kapital seinen Weg in die Versicherungsmärkte. Wie schnell das neue Kapital reagiert, erlebte Lloyd’s, als der Rückversicherer Berkshire Hathaway von Warren Buffett in den thailändischen Markt Einzug hielt, als sich andere Rückversicherer mit Blessuren aus dem Markt zurückzogen.

Aber dies erschüttert Lloyd’s nicht, und Nordeuropa-Geschäftsführer Benno Reischel betont: „Die Strategie ist eine gemeinsame Vision des gesamten Marktes, die er in seinen Gremien entwickelt hat. Die Rolle der Lloyd’s-Führung ist es, den Markt dabei zu unterstützen, diese Vision 2025 zu verwirklichen“.

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Jahrgang 1977, Redakteur in der Wirtschaft.

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