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Lehman-Pleite Aus der Krise nichts gelernt

15.09.2009 ·  Die Insolvenz von Lehman Brothers jährt sich an diesem Dienstag zum ersten Mal. Doch nur ein Jahr nach der Pleite verkaufen die Banken wieder Zertifikate an ahnungslose Kunden, als ob nichts gewesen wäre. Die Vertriebsmaschine der Banken funktioniert weiter bestens.

Von Daniel Mohr
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Ein Jahr nach der Insolvenz der Ínvestmentbank Lehman Brothers läuft das Geschäft für die Zertifikatebranche fast wie zuvor. Ihr hauptsächlicher Vertriebskanal über die Bankfilialen funktioniert wieder bestens. Ein Jahr nachdem der amerikanische Emittent von Zertifikaten spektakulär zahlungsunfähig wurde, liegt das Marktvolumen in Deutschland mit knapp 90 Milliarden Euro im Juni deutlich über dem Tief von 78 Milliarden Euro im Februar. Durch die gestiegenen Aktienkurse dürfte das Marktvolumen derzeit um mehrere Milliarden Euro höher liegen. Zertifikate sind von einem Basiswert wie Aktien oder Rohstoffen abgeleitete Papiere, deren Wert sich in einer bestimmten Relation mit dem Basiswert verändert.

Da Zertifikate jedoch Inhaberschuldverschreibungen sind, können sie unabhängig von der Entwicklung des Basiswerts wertlos verfallen, falls der Emittent des Zertifikats, wie zum Beispiel die Investmentbank Lehman Brothers, insolvent wird. „Durch den bisher einzigen Insolvenzfall in der Zertifikategeschichte ist das Emittentenrisiko mehr in den Fokus gerückt als je zuvor“, sagt Stefan Armbruster, Leiter des Zertifikategeschäfts der Deutschen Bank, dem Marktführer in Deutschland. Sonst spiele die Insolvenz der amerikanischen Investmentbank allerdings keine Rolle mehr beim Vertrieb von Zertifikaten. „Ein Jahr später sieht die Welt auch für die Zertifikate wieder deutlich normaler aus, als wir dies vor einem Jahr noch erwartet hätten.“ Von einem Lehman-Faktor sei bei der Ausgestaltung und der Auswahl der Produkte nichts mehr zu spüren.

„Die Banken verdienen gut, also versuchen sie, zu verkaufen“

Nach einer Umfrage des Fachmagazins „Der Zertifikateberater“ bezeichnen mehr als 80 Prozent der Finanzberater und auch mehr als 80 Prozent der Emittenten von Zertifikaten die Vertriebssituation für Zertifikate wieder als zumindest zufriedenstellend. Im Oktober 2008 hatte niemand die Situation als gut oder sehr gut beurteilt, dafür hatten aber 85 Prozent der Berater und 96 Prozent der Emittenten von einer schlechten oder sehr schlechten Vertriebssituation gesprochen.

„Die Leute kaufen wieder Zertifikate, weil die Vertriebsmaschine der Banken weiter bestens funktioniert“, sagt Marc Tüngler, Geschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). „Kein Mensch hätte Zertifikate vermisst, wenn es sie nicht gegeben hätte, aber die Banken verdienen eben gut an den Produkten, also versuchen sie sie auch weiter mit Nachdruck zu verkaufen.“ Die Berater bestätigen in der Umfrage diese Einschätzung. 63 Prozent sagen, es habe seit der Lehman-Insolvenz keine Veränderungen in den Vertriebsvorgaben ihrer Bank gegeben. Der Vertriebsdruck sei unverändert hoch, meinen 55 Prozent, und 40 Prozent fühlen sich sogar stärker unter Druck gesetzt, Zertifikate verkaufen zu müssen. Nur gut 5 Prozent berichten von gelockerten Vorgaben und weniger Verkaufsdruck.

Lehman-Papiere fast ausschließlich auf Anraten der Banken gekauft

„Wir verteufeln Zertifikate nicht generell, aber sie sind eben nur etwas für Anleger, die die Funktionsweise der Produkte verstanden haben und die ganz bestimmte Anlageziele mit ausgewählten Zertifikatsstrukturen verfolgen wollen“, räumt Tüngler ein. „Leider haben nur wenige Anleger solch klar definierte Anlageziele und lassen sich daher eher von einem bestimmten Zertifikat überzeugen, das eigentlich gar nicht zu ihrem Kundenprofil passt.“

Auch die Zertifikate, die der Emittent Lehman Brothers in Deutschland auflegte, sind fast ausschließlich über die Beratung in der Bank an die Kunden gekommen und nur sehr selten auf einen eigenen Antrieb des Kunden zurückzuführen. Anders lässt sich kaum erklären, warum nach Erkenntnissen der DSW fast die Hälfte aller Lehman-Zertifikate bei Citibank-Kunden, ein Drittel bei Kunden der Dresdner Bank und ein Sechstel bei Kunden der Frankfurter und der Hamburger Sparkasse in den Depots lagen, aber nur 7 Prozent bei allen anderen Banken.

Als hilfreich beim Verkauf der Zertifikate schätzen Experten zudem ein, dass viele Zertifikate nicht mehr mit dem Etikett Zertifikat angeboten werden, sondern unter dem Namen Anleihe. Inflations-Anleihen, Zins-Anleihen, Europa-Anleihen, Aktien-Anleihen - dies alles sind ganz gewöhnliche Zertifikate, deren Wertentwicklung von einem bestimmten Basiswert abhängt und die im Insolvenzfall des Emittenten wertlos verfallen. Auch hat die Krise die Kreativität der Banken nicht gemindert, komplizierte Produktstrukturen zu entwickeln, deren Erfolg für den Anleger an eine Reihe von Bedingungen geknüpft ist. Allein seit der Insolvenz von Lehman Brothers sind mehr als 500.000 neue Zertifikate und Hebelpapiere emittiert worden.

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