20.11.2008 · Der Direktor der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht verlangt Auskunft über die Lage der Lebensversicherer in der Krise. Bis Ende November müssen die Gesellschaften antworten. Kunden müssen mit einer sinkenden Verzinsung rechnen.
Von Stefan RuhkampDie meisten Kunden der deutschen Lebensversicherer werden erst im Laufe des Dezember erfahren, wie hoch ihre Guthaben im nächsten Jahr verzinst werden. Der Direktor der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) Thomas Steffen, Deutschlands oberster Versicherungsaufseher, wird dagegen schon in einigen Tagen ein genaues Bild der Branche haben. Er hat die Lebensversicherer zur Auskunft über ihre Standfestigkeit in der Finanzkrise und ihre Pläne für die Verzinsung aufgefordert. Bis Ende November müssen die Gesellschaften antworten und offenlegen, wie hart sie von der Krise betroffen sind und ob sie einen weiteren Kursverfall auf den Aktienmärkten aushalten können.
Wenn die angekündigte Verzinsung der Kundenguthaben in einem Widerspruch zur wirtschaftlichen Lage eines Unternehmens steht, werde die Bafin sich dazu äußern, kündigte ein Sprecher der Behörde an. Bisher sind mit einer Ausnahme nur Gesellschaften an die Öffentlichkeit gegangen, die ihre laufende Verzinsung unverändert halten wollen. Die Lebensversicherer garantieren ihren Kunden eine Mindestverzinsung, die je nach Vertragsgeneration 2,25 bis 4 Prozent beträgt. Darüber hinaus können sie frei über zusätzliche Zinsen entscheiden.
Überschüsse sind dem Sparer sicher
Dazu zählt die Überschussbeteiligung. Einmal gutgeschrieben, sind die Überschüsse bis zum Vertragsende mit der Zinsgarantie ausgestattet und dem Sparer sicher. Zusätzlich können die Versicherer dem Kunden noch Schlussgewinne und einen Anteil an Bewertungsreserven in Aussicht stellen. Diese Zinsbestandteile können in schwierigen Situationen aber auch wieder gestrichen werden. Weil das für die Überschussbeteiligung nicht gilt, dringt die Bafin auf Zurückhaltung bei der - für den Vertrieb wichtigen - Deklaration der Überschüsse.
Zu den Gesellschaften, die trotz dieser Vorbehalte die Verzinsung aus Garantieverzinsung plus Überschussbeteiligung unverändert lassen, zählen Debeka, Signal Iduna und Asstel. Seine Gesellschaft sei eine der Ausnahmen in der Branche, sagt Asstel-Vorstand Helmut Hofmeier. Es werde damit gerechnet, dass die Wettbewerber die Verzinsung senken werden. Der Direktversicherer Europa hat das als bisher einzige Gesellschaft angekündigt, bleibt allerdings für 2009 mit 5 Prozent über dem Marktdurchschnitt, der zuletzt bei 4,35 Prozent lag. Reiner Will, Geschäftsführer der Ratingagentur Assekurata, erwartet, dass viele Lebensversicherer die Verzinsung senken werden. Die Allianz hat bereits einen derartigen Schritt angedeutet. Die Zinspolitik des Marktführers gilt als Richtschnur.
Keine ausgeprägte Bewegung nach unten
„Ohne guten Grund wird kein Lebensversicherer die Zinsen hoch halten, zu schwierig ist die Lage auf den Kapitalmärkten“, sagt Reiner Will. Zwar sind die Aktienquoten der Versicherer niedrig und werden auf durchschnittliche 5 bis 8 Prozent geschätzt. Viele Gesellschaften dürfen wegen ihrer mäßigen Finanzkraft nur wenige riskante Anlagen tätigen. Aber auch die beschränkten Aktienanlagen führen bei Wertverlusten von mehr als 40 Prozent in diesem Jahr zu empfindlichen Einbußen. Schwerer noch wiegt der niedrige Zins bei der Neuanlage in Anleihen. Derzeit versprechen Bundesanleihen mit einer Laufzeit von zehn Jahren nur noch 3,4 Prozent Rendite. Das entspricht der Garantie, mit der die gut 90 Millionen Policen der deutschen Lebensversicherer im Durchschnitt verzinst werden. Pfandbriefe ermöglichen zwar höhere Erträge. Viele Versicherer wollen sich aber nicht mehr so bedenkenlos wie in der Vergangenheit auf die Anleihen der Banken verlassen.
Wegen der schwierigen Lage auf den Kapitalmärkten werde es in der Tendenz zwar zu einer Absenkung der laufenden Verzinsung kommen, sagt Kurt Wolfsdorf von der Unternehmensberatung Deloitte. Der ehemalige Ergo-Vorstand erwartet aber keine ausgeprägte Bewegung nach unten. Besonders die Gesellschaften, deren laufende Verzinsung nahe an 4 Prozent liegt, dem höchsten Garantiesatz, würden eine Absenkung nach Möglichkeit vermeiden. Möglicherweise wirkt auch die Umfrage der Bafin disziplinierend. Allerdings handelt es sich dabei noch nicht um den jährlichen Stresstest, dessen Ergebnisse die Gesellschaften erst im Februar der Bafin zeigen müssen. Auf Basis der zum Jahreswechsel bilanzierten Zahlen müssen die Lebens- und Krankenversicherer nachweisen, dass ihr Kapital für vier Stressszenarien ausreicht: 1. ein Kursverlust der handelbaren Zinstitel von 10 Prozent, 2. ein Kursverlust der Aktien von 35 Prozent, 3. ein Aktienminus von 20 und Anleihenminus von 5 Prozent, 4. Aktienminus von 20 und Immobilienminus von 10 Prozent.
Zur Zusammenarbeit mit den Aufsehern gezwungen
Mancher Vorstand dürfte bei dem Gedanken an diesen Stresstest schon jetzt ins Schwitzen geraten. In der Branche wird kolportiert, die Aufsicht habe drei Kranken- und drei Lebensversicherer im Visier, die als Testversager in Frage kommen. Details und Namen sind im Umfeld der Aufsicht allerdings noch nicht zu hören. Wer den Test nicht aushält, ist zur Zusammenarbeit mit den Aufsehern gezwungen. Unwillige bekommen die Instrumente gezeigt: Die Bafin kann bei finanzschwachen Gesellschaften riskante Geschäfte untersagen. Sie kann zur Aufnahme von Kapital auffordern oder die Suche nach einem strategischen Partner anregen.
Gelingt das im weiteren Verlauf einer Krise nicht, kann das Neugeschäft untersagt werden, der Vorstand ausgewechselt und ein Sonderbevollmächtigter entsendet werden. Und am Ende stehen die Schließung und die Auffanggesellschaft Protektor. Noch ist die Lage nicht so ernst, aber die bevorstehenden Tests werden viele Manager mit Grausen an den Verlauf der letzten Anlagekrise in den Jahren 2002 und 2003 erinnern. Der Stress hat längst begonnen.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |