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Länderanalyse Indische Börse nach Gipfelsturm nicht mehr günstig

10.03.2006 ·  Dank einer Kursverdreifachung glänzt die indische Börse mit einem imposanten Aufwärtstrend. Für das Land spricht zudem die konjunkturelle Dynamik. Doch zunehmend stört die inzwischen sehr anspruchsvolle Bewertung.

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In Indien wächst das Bruttoinlandsprodukt nun schon seit 1994 im Schnitt mit mehr als sechs Prozent im Jahr. Wenn es nach dem Willen der Regierung geht, dann sollen die Wachstumsraten in den kommenden Jahren sogar noch etwas höher ausfallen. Im laufenden Fiskaljahr, das im März endet, dürfte sich das Konjunkturplus auf gut acht Prozent belaufen.

Als wichtiges Indiz für den konjunkturellen Schwung kann das Kreditwachstum herangezogen werden. Dieses dürfte 2005/2006 über 32 Prozent betragen, was die stärkste Zunahme seit dem Jahr 1971 wäre, dem Jahr also, in dem die Notenbank begonnen hat, eine Kreditstatistik zu führen (siehe Grafik).

Bei einer derartigen Wirtschaftsdynamik wundert es nicht, daß viel Geld ins Land strömt. Das Kapital fließt dabei natürlich auch in den Aktienmarkt. Im Vorjahr belief sich der Wert der ausländischen Aktienkäufe auf den Rekordwert von netto 10,7 Milliarden Dollar. Und in diesem Jahr wurden auch schon wieder gut drei Milliarden Dollar investiert.

Deutlich höhere Bewertung als an anderen Schwellenländer-Börsen

Die ausgeprägte Kaufbereitschaft der Investoren hat dem Sensex-Index, der die 30 größten Börsenwerte des Subkontinents beinhaltet, in weniger als drei Jahren zu einer Verdreifachung verholfen. Beeindruckt von dieser glänzenden Performance und den Wachstumschancen, die eine Bevölkerungszahl von 1,1 Milliarden und eine sehr junge Altersstruktur bietet (70 Prozent der Menschen sind jünger als 35 Jahre), sprechen die Experten der österreichischen Raiffeisen Capital Management fast schon schwärmerisch von einem Eldorado für Investoren.

Da die sich bietenden Chancen längst aber kein Geheimnis mehr sind, bekommt man die Eintrittskarten auf den indischen Markt nicht mehr zu Schnäppchenpreisen. Im Gegenteil: Wie auch Raiffeisen Capital Management-Fondsmanager Cyrus Golpayegani eingestehen muß, ist der indische Aktienmarkt „keineswegs mehr billig.“ Seinen Angaben zufolge werden die im Sensex enthaltenen Aktien im Durchschnitt zum 17,6fachen des erwarteten Gewinns gehandelt. Dieser Wert liegt somit deutlich über dem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 12,8, das dem MSCI Emerging Markets Index zugebilligt wird.

Albert Edwards, Stratege bei Dresdner Kleinwort Wasserstein, zeigt sich angesichts solcher Bewertungsrelationen und dem anhaltend starken Kapitalzufluß zunehmend skeptisch. Ihn erinnere der indische Aktienmarkt an die thailändische Börse des Jahres 1997, also jenem Zeitpunkt unmittelbar bevor diese kollabierte. Zwar hätten sich die volkswirtschaftlichen Rahmenbedingungen in Schwellenländern wie Indien zuletzt deutlich verbessert, aber wenn die derzeit noch üppig vorhandene Liquidität auszutrocknen beginne, könne sich die Stimmung trotzdem schnell drehen.

Trotz der Risiken dürfte das Kaufinteresse zunächst nicht nachlassen

Und die weltgrößte Demokratie steht zudem vor gewaltigen Herausforderungen. Gelingt es nicht, das angestrebte Wirtschaftswachstum von über acht Prozent zu erreichen, wird auch das Ziel nicht erreicht werden, jedes Jahr zwölf Millionen neue Arbeitsplätze zu schaffen, um die 300 Millionen in Armut lebenden Inder, die über weniger als einen Dollar am Tag verfügen, an die Mittelklasse heranzuführen.

Negative Einflüsse könnten zudem laut Golpayegani von weiteren Zinserhöhungen der Notenbank ausgehen. Die größte Gefahr für die Stabilität sieht er aber in den defizitären Staatsfinanzen. Das Budgetdefizit falle nur sehr langsam auf gut vier Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Einschließlich der ausgabefreudigen Bundesstaaten betrug es 2005 noch 8,4 Prozent, bei einer Staatsverschuldung von 90 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Trotz der damit verbundenen Gefahren und des Reformbedarfs in vielen Bereichen schätzt Golpayegani die gesamtwirtschaftlichen Aussichten positiv ein. Speziell Technologie- und Softwaretitel sollten nach seiner Ansicht „in den nächsten Quartalen überdurchschnittliches Gewinnwachstum erzielen.“ Und auch ein Ende des Zustroms internationalen Kapitals sei nicht abzusehen. Das sieht auch Murthy Nuni von Marshal Fund Partners so: „Das Wirtschaftswachstum und die steigenden Unternehmensgewinne werden weiter ausländische Gelder anlocken. Die Bewertungen sind hoch, aber sie könnten noch höher werden.“

Auch der intakte charttechnische Aufwärtstrend spricht dafür, daß Nuni mit seiner Einschätzung Recht behält. Das spricht dafür, zunächst am Ball zu bleiben. Wer mitmischt, sollte aber bedenken, daß die hohe Bewertung irgendwann mit Sicherheit ihren Tribut fordern wird.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.

Quelle: @JüB
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