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Kursrutsch an Wall Street Ein Zeichen der Schwäche

08.11.2007 ·  Den fünftgrößten Kursrutsch erlebten die Standardwerte an Wall Street am Mittwochabend - ohne dass es einen spektakulären Anlass gegeben hätte. Doch immer stärker wird die Stimmung durch Faktoren belastet, die die amerikanische Wirtschaft nachhaltig schwächen können.

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Die Zinssenkung durch die amerikanische Notenbank Fed, auf die die Börsianer in der vergangenen Woche noch alle Hoffnung gesetzt hatten, dass sie die Wirtschaft beflügeln und die Kurse treiben möge und deren Wirkungen schon tags darauf verpufften, scheint sich endgültig als kurz wirkendes Rauschmittel erwiesen zu haben.

Denn seitdem die Hoffnung erfüllt und der Zinsschnaps ausgetrunken ist, haben die Anleger festgestellt, dass die Sorgen dadurch nicht geringer geworden sind - vielleicht sogar im Gegenteil. Das zeigte sich am Mittwochabend in aller Deutlichkeit an der Kursentwicklung an Wall Street.

Fünftstärkster Rückgang des Jahres

Der 30 Werte enthaltende, renommierte Leitindex Dow Jones Industrial fiel um 2,6 Prozent oder 361 Punkte auf 13.300 Zähler. Dies war der fünftstärkste Rückgang an einem Tag in diesem Jahr. In der bis 1896 zurückreichenden Geschichte des Dow rangiert dieser Tag damit auf Platz 15. Allerdings muss man einschränkend hinzufügen, dass der prozentuale Rückgang keinerlei Rekordverdacht erregen kann.

Der marktbreite S&P-500-Index fiel noch stärker um 2,9 Prozent oder 45 Punkte auf 1.476 Stellen. Das war der zweitgrößte Punktverlust des Jahres und mithin der zehngrößte seiner bis 1950 zurückreichenden Berechnung. Der Composite-Index der Technologiebörse Nasdaq verlor 2,7 Prozent oder 76 Punkte auf 2.749 Zähler.

Es war eine Kombination von Hiobsbotschaften, die die Aktien bereits zum Start unter Druck brachte. Zum einen hatte der Dollar neue historische Tiefstände erreicht. Am Donnerstag hat er sich zwar etwas erholt, dennoch kostet ein Euro immer noch 1,4643 Dollar. Das verbilligt zwar amerikanische Exporte und wirkt somit tendenziell dem immensen Leistungsbilanzdefizit des Landes entgegen. Gleichzeitig aber begünstigt es Geldanlagen in Fremdwährung. Was Wunder also, wenn die Börsianer weltweit ihre Mittel derzeit weniger gern in den Vereinigten Staaten anlegen - ganz abgesehen einmal von dem Zeichen der Schwäche, das die größte Volkswirtschaft der Erde damit ausstrahlt.

Starkes Öl und schwacher Dollar

Diese Wirkungen wurden am Mittwoch dadurch verstärkt, dass Aussagen zu hören waren, wonach China seine Währungsreserven weiter diversifizieren will. Das würde angesichts des hohen Bestands des Landes weiter massiven Druck auf den Dollar ausüben.

Zudem verzeichnete der Ölpreis ein neues Hoch. „Die Energiepreise scheinen außer Kontrolle zu sein“, sagte Cummins Catherwood von Rutherford, Brown & Catherwood. Mittlerweile glauben immer weniger Anleger, dass die Weltwirtschaft die steigenden Rohstoffpreise noch so einfach wegstecken kann. Überdies mehren sich die Inflationssorgen, allzumal die Fed mit ihren Zinssenkungen diese nunmehr begünstigt und nicht gegensteuert.

Inwieweit in diesem Zusammenhang Kommentare aus den Reihen der Zentralbank nützen, dass sich das Wachstum in den Vereinigten Staaten nur kurzfristig verlangsamen werde und die Bank mit Blick auf die Rekordstände beim Öl nicht überreagieren solle, wie es Fed-Gouverneur Frederic Mishkin tat, ist fraglich. Vielmehr kann dies auch als Unterschätzung der Inflationsgefahr gewertet werden.

Kreditkrise belastet

Wenngleich es keine neuen Erkenntnisse zum Thema Hypothekenkredite gab, schwebt die Krise doch weiter latent über den Finanzmärkten, wie Händler sagten. Marktbeobachter halten weitere milliardenschwere Abschreibungen im Finanzsektor in den kommenden Wochen und Monaten für wahrscheinlich.

Die Aktie von Morgan Stanley etwa verlor 6,1 Prozent auf 51,19 Dollar. Beobachter halten es für möglich, dass die Investmentbank im vierten Quartal 3 bis 6 Milliarden Dollar abschreiben könnte.

Die Investmentbank Merrill Lynch, die bereits im dritten Quartal immens Abschreibungen getätigt hatte, revidierte ihre früheren Angaben zu ihrem Engagement in komplexe Schuldverschreibungen und zweitklassigen Hypothekenkrediten um 6,3 Milliarden Dollar nach oben. Insgesamt summierten sich die Geschäfte des Konzerns mit diesen Finanzinstrumenten nun auf 27,2 Milliarden Dollar.

Zudem warnte die größte amerikanische Sparkasse Washington Mutual, die Probleme am Immobilienmarkt in den Vereinigten Staaten würden auch 2008 anhalten, die Kreditausfälle zunehmen und die Hypothekenvergabe auf ein Acht-Jahres-Tief fallen.

Nicht helfen konnten in diesem Spannungsfeld überraschend positive Konjunkturdaten. Sowohl die Produktivität als auch die Lohnstückkosten haben sich im dritten Quartal besser als erwartet entwickelt. Auch die Daten zu den Lagerbeständen im Großhandel für September
spielten nur eine untergeordnete Rolle.

Schlechte Unternehmensnachrichten

Aus dem Unternehmenssektor gab es obendrein schlechte Nachrichten. Der angeschlagene Autobauer General Motors hat ungeachtet eines Rekordumsatzes von 43,1 Milliarden Dollar im dritten Quartal einen Nettoverlust von 39 Milliarden Dollar verbucht. Dieser wirkt sich zwar nicht auf die Liquidität aus, weil die Ursache in 38,6 Milliarden Dollar schweren Abschreibungen auf latente Steuern zu suchen ist. Nichtsdestoweniger war dies ein schwerer Rückschlag auf dem Sanierungskurs. Für die Aktie ging es daher um 6,1 Prozent auf 33,95 Dollar nach unten.

Auch nach Börsenschluss beruhigte sich die Lage nicht. Enttäuschend fielen die Ergebnisse des Netzwerkausrüsters Cisco Systems aus. Mit Äußerungen über Probleme auf dem amerikanischen Markt angesichts „dramatischer Rückgänge“ der Aufträge von amerikanischen Finanz- und Autofirmen schockierte der Konzern die gebeutelten Anleger. Im nachbörslichen Handel brach der Aktienkurs von Cisco um neun Prozent ein.

Nachhaltige Schwäche

Da die wahren Ursachen des Kursrutsches tiefer liegen und kein einmaliger Anlass der Auslöser war, könnten die Kursverluste vom Mittwoch nicht nur ein vorübergehender Einbruch bleiben. Dazu müsste erst der Dollar eine Kehrtwende machen. Doch aufgrund seines mittlerweile eingetreten Bedeutungsverlusts als Weltleitwährung ist hier keine nachhaltige Wende in Sicht, allzumal die europäische Wirtschaft keine nennenswerte Schwäche zeigt.

Auch die Ängste aus der Hypothekenkrise werden sich frühesten im kommenden Jahr verflüchtigen, wenn die Abschreibungen im vierten Quartal geringer als erwartet ausfallen sollten. Denn leider haben die Banken die Krise zulange herunter gespielt und dann oft erheblich mehr Kredite abgeschrieben als sie ursprünglich behauptet hatten tun zu müssen. Das hat das Vertrauen in die ausgewiesenen Geschäftszahlen nachhaltig beschädigt.

Am ehesten könnte noch der Ölpreisanstieg enden, der vor allem von politischen Unsicherheiten und dem fallenden Dollar getrieben wird, seine Ursachen aber auch in Spekulationen auf Knappheiten hat, die nach dem Dafürhalten zahlreicher Beobachter so gar nicht existieren. Ob das indes für eine Wende ausreichen würde, ist offen. „Es wird ein paar fiese Tage in den Vereinigten Staaten geben“, sagt auch Paul Xiradis von Ausbil Dexia.

Ansteckung in Asien

Die Schwäche der amerikanischen Börsen wirkt sich auch auf die Aktienmärkte in anderen Teilen der Welt aus. So riss sie zunächst die asiatischen Börsen klar ins Minus, an denen vor allem Finanzwerte zu den Verlierern zählten und Exporttitel unter dem infolge der Dollarschwäche starken Yen litten.

In Tokio rutschte der Nikkei-Index mit einem Minus von 2,02 Prozent auf 15.771 Zähler und damit den niedrigsten Stand seit zwei Monaten. Der breiter gefasste Topix-Index gab 2,55 Prozent auf 1.516 Punkte nach. Auch die Märkte in Seoul, Singapur, Schanghai, Taiwan und Hongkong erlitten größtenteils deutliche Verluste.

Besonders hohe Abschläge mussten Unternehmen wie Honda hinnehmen, deren Geschäftsentwicklung auch vom Markt in Übersee abhängt. Die Aktie des Autobauers gab 2,91 Prozent nach. Die Titel des Konkurrenten Toyota verbilligten sich gar um knapp 4,2 Prozent - trotz des am Dienstag vorgelegten Rekordergebnisses. Auch andere Schwergewichte wie Sony büßten an Wert ein.

Gute Zahlen könnten dem Dax nicht helfen

Auch die europäischen Aktienmärkte werden schwächer erwartet. Zur Eröffnung sagen Banken und Broker einen Abschlag im Dax von etwa 1,2 Prozent auf 7710 Punkte voraus. Helfen könnten indes die am Morgen vorgelegten Quartalszahlen einer ganzen Reihe von Unternehmen, die Händlern zufolge alles in allem relativ gut ausfielen.

Andererseits aber überwiegt die schlechte Stimmung und angesichts der starken Zahlen könnte sich sogar die Sorge vergrößern, das eine starke europäische Wirtschaft den Dollar weiter schwächt und dies über den Wechselkurs zu ihren eigenen Lasten geht. „An normalen Tagen würde das den Markt stützen, aber heute könnten sie Opfer einer echt miesen Stimmung werden“, warnt ein Börsianer mit Blick auf die Zahlen.

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