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Krisenstimmung Große Angst geht um

 ·  Nach Jahren der Krise hat die Sorge ums Geld die normalen Leute erfasst. Sie halten ihr Geld zusammen. Und die Reichen stürzen sich auf Immobilien.

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Der Physiotherapeut hat gerade den blockierten Lendenwirbel zurecht geschoben, anschließend ein paar Übungen für daheim erklärt. Jetzt ist die Behandlung zu Ende, Frank P. könnte zum Abschied ein paar Sätze zum Wetter über den Tresen seiner Praxis rufen, den miesen Sommer beklagen und die herbstliche Kälte. Statt dessen fragt er: „Was wohl aus dem Euro wird?“ Er erwartet keine Antwort, er will nur ein zustimmendes Nicken seines Gegenübers - ein Zeichen, dass er, der sich über sein Auskommen selten Gedanken machte, mit seiner Angst um sein kleines Vermögen nicht ganz allein ist.

Inzwischen hat viele Deutsche die Angst ums Geld gepackt. Sie ist in den vergangenen Monaten in alle Gesellschaftsschichten hineingekrochen. Selbst das verbeamtete und ökonomisch desinteressierte Lehrerpaar im Freundeskreis, das die erste Phase der Finanzkrise noch kaum zur Kenntnis nahm, ist nun in Sorge. Nach einer Umfrage des britischen Vermögensverwalters Schroders ist die Euro-Krise für 48 Prozent der deutschen Privatanleger der größte Angstfaktor. Im Vergleich zum Vorjahr bedeutet das einen Anstieg von 20 Prozent - während sich die Stimmung in anderen europäischen Ländern eher beruhigte. Laut Infratest kann sich jeder fünfte Deutsche vorstellen, dass es den Euro in fünf Jahren nicht mehr gibt.

Die Strategien der Ängstlichen

Sparen beruhigt

Bei dem Physiotherapeuten wären rund 100.000 Euro gefährdet, die er über die Jahre zurücklegte und nach guter deutscher Tradition als Festgeld aufbewahrte: „Jeder weiß, wie mühsam sich so eine Summe zusammenspart.“ Ähnlich denken viele Deutsche, und sie haben viel zu verlieren. Das Geldvermögen der privaten Haushalte betrug nach Berechnungen der Bundesbank im vergangenen Jahr 4,7 Billionen Euro.

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Aus lauter Angst um ihr Geld horten die Deutschen immer mehr davon. Den gefürchteten „Bank Run“ gibt es hierzulande nur in umgekehrter Richtung: Allein im vorigen Jahr sind die Ersparnisse um fast 150 Milliarden Euro gestiegen, trotz Kursverlusten und geringer Zinsen. Die Deutschen haben immer gespart, vor allem in Krisen. Das Sparen war und ist ihr Handlungsparameter, ihre Reaktionsmöglichkeit auf Verhältnisse und Umstände, die sie kaum beeinflussen können. Sparen beruhigt und bedient das Sicherheitsbedürfnis einer besorgten Nation.

Gegen eine Entwertung des Euro würde auch das Horten nicht helfen

Jetzt aber steht die Währung selbst in Frage. Das war zu Beginn der unsicheren Zeiten noch anders, die mit dem Zusammenbruch der Lehman-Bank im Herbst 2008 begannen. Die Krise betraf seinerzeit die internationalen Finanzmärkte und hatte massive Auswirkungen auf die deutsche Realwirtschaft. Die große Sorge der Sparer richtete sich auf einen möglichen Zusammenbruch der Banken. Daher konnte die Garantie der Spareinlagen durch die Kanzlerin und ihren Finanzminister die Stimmung beruhigen. Die Angst, das Ersparte sei auf dem Konto womöglich nicht mehr sicher, blieb trotzdem unterschwellig bestehen. Das hatte die erfreuliche Konsequenz, dass die Deutschen ihr Geld lieber ausgaben. Die starke Inlandsnachfrage half der Wirtschaft über den Exporteinbruch hinweg. Das könnte den heimischen Firmen auch diesmal wieder helfen.

Damals konnte man das Geld immerhin noch abheben und unter die heimische Matratze stecken. Gegen eine Entwertung des Euro würde auch das nichts mehr helfen. Im kollektiven Bewusstsein der Deutschen ist die Krise deshalb eine Zäsur. „Die Suche nach Sicherheit“, überschrieb der Marburger Historiker Eckart Conze seine „Geschichte der Bundesrepublik“, die kurz nach dem Ausbruch der Finanzkrise erschien. Sechs Jahrzehnte lang strebte das Land danach, Ängste zu bekämpfen und Sicherheit zu finden. Ging es am Anfang um die schiere Existenz, kamen später die Sorgen um den Sozialstaat, den Weltfrieden oder die Umwelt hinzu.

Hysterische Hypersensibilität

Bedroht war dieses Sicherheitsgefühl auch früher schon. Während der Berlin- oder der Kuba-Krise stand die Welt am Rande des Atomkriegs. Auch RAF-Terrorismus und „Heißer Herbst“ 1977 galten seinerzeit als existenzgefährdend für die Bundesrepublik. Der Fall der Mauer 1989 war ebenfalls ein Ereignis, das zunächst nicht unbedingt beherrschbar schien - und viele Menschen tief verunsicherte. Solche Angstgefühle sind also nicht neu, aber sie beherrschen die Politik der westlichen Demokratien in zunehmendem Maß. „Wir sind heute von einer Hypersensibilität gegenüber Veränderungen geprägt“, sagt der Soziologe und Angstforscher Frank Furedi.

In solchen Situationen halten sich die Deutschen gern an Politikern fest, die ein Sicherheitsgefühl ausstrahlten: der alte Konrad Adenauer, der dicke Ludwig Erhard mit Zigarre, der kühle Helmut Schmidt, der Aussitzer Helmut Kohl. Figuren wie der leidgeprüfte SPD-Chef Kurt Schumacher nach dem Krieg oder sein zappeliger Nachfolger Sigmar Gabriel kommen in der Krise weniger gut an. Das mag die Popularität Angela Merkels erklären, die in Analogie zu Adenauer „keine Experimente“ will.

Warum macht sich keine Panik breit?

Bislang bleiben die Deutschen trotz aller Ängste erstaunlich ruhig. Warum macht sich keine Panik breit? Warum handeln die Deutschen nicht? Warum legen sie ihr Geld nicht anders an als in gewöhnlichen Bankeinlagen? Dabei gäbe es doch Alternativen, zu denen einige Vermögensverwalter raten: Gold, Immobilien, Anlagen in anderen Währungsräumen. Aber so einfach ist das eben nicht. Der normale Privatanleger hat nicht viele Möglichkeiten. Das durchschnittliche Geldvermögen privater Haushalte in Deutschland liegt bei rund 120.000 Euro, aber es ist sehr ungleich verteilt: Die reichsten zehn Prozent vereinen gut 60 Prozent des Kapitals auf sich. Die Ersparnisse der Durchschnittsbürger sind viel geringer - und damit auch ihre Optionen. Wer „nur“ 50.000 Euro auf der hohen Kante hat, kann kaum eine werthaltige Immobilie kaufen und sein Vermögen auch nicht diversifizieren.

Dazu kommt paradoxerweise die Abneigung der Deutschen gegen Risiken. Das meiste, was Experten als sichere Fluchtburg vor Geldentwertung gilt, erscheint ihnen schon zu riskant. Dass Geld an sich kein Wert ist, sondern letztlich nur ein geistiges Konstrukt, ist ihnen selbst in der Währungskrise nicht bewusst. Trotz ihres angeblichen Inflationstraumas halten sie sich an den Zahlen fest, die sie schwarz auf weiß im Kontoauszug lesen können. Das immaterielle Geld erschien ihnen immer als eine unverrückbare Größe, die in jeder Lebenslage hilft - psychologisch und faktisch. Das ist bis heute so.

Deutsche setzen wenig auf Sachwerte

Die Angst vor Inflation ist nur in Italien ähnlich ausgeprägt wie hierzulande. Das mag daran liegen, dass die Italiener ebenfalls sehr hohe Geldvermögen besitzen. Allerdings ist der Anteil der Haushalte, die über eigene Immobilien verfügen, südlich der Alpen weit höher als in der Bundesrepublik, dem Land der Mieter.

Dass sich im Risiko der verschiedenen Vermögensarten durch die krisenhafte Zuspitzung im Euroraum gerade ein Paradigmenwechsel vollzieht, ist den Deutschen kaum beizubringen. Sie haben seit jeher auf Geld gesetzt, im internationalen Vergleich eher wenig in Immobilien investiert und auch den Aktienmarkt gemieden. Sachwerte spielen im Privatvermögen des Durchschnittssparers kaum eine Rolle.

Viele fragen sich, ob es für den Hauskauf schon zu spät ist

Nach den Zahlen der Bundesbank horten die heimischen Sparer 1,9 Billionen Euro in gewöhnlichen Bankeinlagen und 1,4 Billionen Euro in Lebensversicherungen. Alle übrigen Anlageformen spielen nur eine untergeordnete Rolle - ob es nun Anleihen sind oder Aktien, Investmentfonds oder Betriebsrenten. Die schlechten Erfahrungen mit überteuerten Telekom-Aktien, die viele Anleger vor gut zehn Jahren auf dem Höhepunkt des Börsenbooms kauften, haben die meisten noch immer nicht verdaut. Das Interesse an privater Altersvorsorge geht sogar zurück, weil niemand mehr an Renditeversprechen über derart lange Zeiträume glaubt. Das hat das Allensbach-Institut im Januar ermittelt. Immerhin: Aus den Schatzbriefen und Obligationen des Bundes, die praktisch keine Zinsen mehr abwerfen, sind die Verbraucher dann doch geflüchtet. Deshalb schafft Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) die Möglichkeit des Direkterwerbs jetzt ab.

Gelähmt beobachten die Deutschen den Krisenverlauf, der in sich keine Zäsur und damit keinen festen Anlass bietet, sich mit seinem Geld davonzumachen. Viele fragen sich auch, ob es für Investitionen in Sachwerte nicht längst zu spät ist. Die Immobilienpreise in deutschen Großstädten haben Wohlhabendere und vor allem auch ausländische Investoren längst in Höhen getrieben, die manche schon von einer Blase sprechen lassen - schlecht für all jene, die eine Wohnung gar nicht als Investment suchen, sondern tatsächlich eine Bleibe brauchen. Auch beim Gold drohen Verluste, falls die Währungskrise am Ende doch glimpflicher ausgeht als befürchtet. Für viele Investitionen könnte es schon zu spät sein.

So konkret wird das Gespräch in der Praxis von Frank P. gar nicht erst. Es geht um diffuse Ängste, nicht um konkrete Tipps. „Schwierig“, bekommt der Physiotherapeut von seinem Gegenüber mit dem maladen Lendenwirbel nur zu hören, „ich weiß es auch nicht.“ Beide verabschieden sich - mit der Angst im Rücken.

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Jahrgang 1969, Korrespondent für Wirtschaftspolitik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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Jahrgang 1964, Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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