31.08.2007 · Die Hypothekenbranche und ein schwächer Konsum werden das amerikanische Wirtschaftswachstums bremsen.
Von Michael EnglundWie ein Wirbelsturm fegt die Kreditklemme über die amerikanische Wirtschaft hinweg. Die Märkte warten unterdessen auf erste Erkenntnisse bezüglich der negativen Auswirkungen des damit verbundenen Zinsanstiegs auf das Wirtschaftswachstum.
Im Rahmen der von Action Economics vorgenommenen Schätzungen des amerikanischen Bruttoinlandsprodukts (BIP) betrachten wir die Kreditklemme als einmaliges Ereignis, vergleichbar mit einem Sturm, der sich wieder legt, sobald die Renditen festverzinslicher Wertpapiere sinken. Sollte die Korrektur auf dem Rentenmarkt jedoch auf sich warten lassen, aktualisieren wir unsere Annahmen und nehmen eine entsprechende Abwärtsrevision der Wachstumszahlen vor.
Hausverkäufe gehen zurück
Die größten Auswirkungen der Turbulenzen auf den Kreditmärkten in den vergangenen zwei Wochen sollten im Auge des Wirbelsturms - bei der amerikanischen Hypothekenbranche selbst - auftreten. Die Verkaufszahlen neuer Häuser gingen 2006 um 18 Prozent zurück, und für 2007 gehen wir von einem ähnlich starken Rückgang aus, wobei wir vor allem mit einem schweren Schlag auf die Verkaufszahlen im August und September rechnen, da sich die Störungen auf dem Hypothekenmarkt fatal auf zahlreiche Immobilienverpflichtungen auswirken dürften.
Ähnliches wird bei den Verkäufen bestehender Häuser erwartet; nach einem Vorjahresminus von acht Prozent prognostizieren wir für 2007 einen Rückgang in vergleichbarer Größenordnung. Nach unserer Einschätzung wird ein starker Druck auf die Baubeginne zu einem Rückgang von 23 Prozent im Jahr 2007 führen, wobei wir gegenwärtig mit einem Septembertief von annualisiert 1,25 Millionen Einheiten rechnen.
Wohnbau wird schrumpfen
Zwar könnten die Turbulenzen auf dem Markt für großvolumige Hypothekenkredite („Jumbo Loans“) zu starken Auswirkungen in einigen Gebieten geführt haben, es ist jedoch zu beachten, dass sich die Zahl der Baubeginne insbesondere im Süden und Mittleren Westen der Vereinigten Staaten konzentriert, wo Jumbo Loans unüblich sind, was mit Blick auf die Häuserverkaufszahlen nicht unerheblich sein dürfte.
Unter Berücksichtigung dieser Annahmen zum Immobilienmarkt gehen wir für die meisten Wohnungsbauindikatoren (beispielsweise die Monatsberichte über die Bauausgaben und die Wohnungsbaudaten in den BIP-Zahlen) weiterhin von einem Rückgang zwischen zehn und fünfzehn Prozent aus.
Bei den vierteljährlich veröffentlichten Wohnungsbaudaten rechnen wir für das dritte und vierte Quartal mit einem Rückgang von 16 Prozent, ähnlich dem Minus von 16,3 Prozent im ersten Quartal und dem von uns bei der nächsten BIP-Revision für das zweite Quartal erwartenden Verringerung von 14 Prozent. An diesem Punkt erwarten wir eine relativ stetige Abschwächung der Wohnungsbauaktivität bis Ende 2007, da Bauträger ihre Produktionstätigkeiten zurückfahren, um ihre Bestände an unverkauften Häusern zu reduzieren.
Rückgang bei Großanschaffungen
Obwohl sich die Kreditklemme am stärksten über den Häusermarkt auf das BIP auswirken dürfte, könnte im August und vielleicht auch im September zusätzlich ein Rückgang bei Großanschaffungen seitens der Verbraucher eintreten, mit entsprechenden Folgen für die Automobilabsätze, die Einzelhandelsumsätze und das Konsumwachstum.
Gegenwärtig rechnen wir für August mit einer Fortsetzung der schwachen Fahrzeugabsätze vom Juli und mit mageren Einzelhandelsumsätzen von 0,3 Prozent für August und September. Glücklicherweise dürften sinkende Benzinpreise für ein Konsumwachstum von real 2,5 Prozent im dritten Quartal sorgen, nach einem Wachstum von 1,5 Prozent im zweiten Quartal, das möglicherweise noch nach oben revidiert wird. Für das vierte Quartal prognostizieren wir einen stärkeren Anstieg des realen (inflationsbereinigten) Konsumwachstums von etwa 3,5 Prozent.
Zwar waren in den bisherigen wöchentlichen Absatzzahlen für August nur geringe Störungen auszumachen, Berichte lassen jedoch für den Gesamtmonat auf schwächere Fahrzeugabsätze schließen.
Die Auswirkungen der Kreditklemme dürften zu einer Erhöhung der Lagerbestände der Unternehmen führen, da mit einer stärkeren Beeinträchtigung der Absätze im August und September zu rechnen ist. Dieser Anstieg der Lagerbestände folgt einer nach unserer Einschätzung starken Aufwärtsrevision der Lagerbestandszahlen für das zweite Quartal, wodurch der Lagerbestandsabbau im vierten Quartal 2006 und im ersten Quartal 2007 teilweise kompensiert wird.
Vertrauen bislang wenig getrübt
Die Auswirkungen der Kreditklemme könnten in den kommenden Monaten auch beim Vertrauen der Wirtschaft sichtbar werden. Wir stellen jedoch fest, dass sich der Geldmarkt für kurzfristige Titel für Unternehmen aus dem Nicht-Finanzbereich in der vergangenen Woche rasch vom Schock Anfang August erholte, und die Zahl der von amerikanischen Banken gewährten gewerblichen Kredite im August kräftig anstieg.
Darüber hinaus sind die Angaben über geplante Investitionen im Empire-State-Index und im Philadelphia-Fed-Index solide, was auch auf die Mehrzahl der übrigen Komponenten der Indizes und auf andere Berichte über die Stimmung im Verarbeitenden Gewerbe zutrifft. Dies lässt den Schluss zu, dass die Stimmung in der Wirtschaft zumindest bislang wenig getrübt ist.
Die Anlageinvestitionen der Unternehmen dürften im zweiten Quartal infolge der nach oben revidierten Zahlen des Industrie- und Gewerbebaus leichten Aufwind erhalten. Für das dritte und vierte Quartal gehen wir nach wie vor von einem respektablen fünf- bis sechsprozentigen Wachstum aus. Der Bericht über die soliden Auftragseingänge für langlebige Wirtschaftsgüter im Juli deutet auf eine robuste Entwicklung bei den Investitionsausgaben und den Aktivitäten des gesamten Verarbeitenden Gewerbes für das dritte Quartal hin.
Langsameres Wachstum
Alles in allem rechnen wir damit, dass sich das BIP-Wachstum im dritten und vierten Quartal auf etwa 2,8 Prozent verlangsamt, dem ein nach unseren Erwartungen deutlich nach oben revidiertes BIP-Wachstum für das zweite Quartal von 4,3 Prozent vorausgeht (vorläufiger Wert des Vormonats: 3,4 Prozent).
Unsere Abwärtsrevision des BIP-Wachstums für das vierte Quartal 2007 spiegelt die von uns angenommenen moderaten Auswirkungen für den Fall wider, dass die Kreditklemme in der letzten Augustwoche und der ersten Septemberwoche an Kraft verliert. Sollte sich die Entwicklung allerdings ändern und die Lage eher in Richtung einer Verschlechterung tendieren, dann werden wir unsere BIP-Prognosen weiter nach unten korrigieren.
Wenn sich die Kreditklemme entsprechend unseren Erwartungen entwickelt, dann wird sich die amerikanische Notenbank einem deutlich geringeren Druck gegenübersehen, die geldpolitischen Zügel auf der Sitzung des Offenmarktausschusses am 18. September lockern zu müssen, auch wenn die Marktteilnehmer mit Nachdruck das Gegenteil propagieren.
Wirtschaftswachstum hier und dort
Gerhard Dünnhaupt (dunnhaupt)
- 02.09.2007, 20:21 Uhr
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