Sportreporter würden jubeln, der Ball liegt auf dem Elfmeterpunkt, man muss den Elfmeter nur noch verwandeln. Und Finanzreporter? Die sind bass erstaunt. Seit Jahren beharken sich Fonds und Versicherungen, wer die besseren Langfristspar-Verträge bietet und mehr für den Kunden leistet. Richtig vergleichbar waren ihre Produkte aber nie.
Das liegt zum einen daran, dass Fonds naturgemäß aufs reine Geldvermehren abzielen, während Versicherungen auch Risiken absichern: das Risiko, dass der Sparer zu früh stirbt oder zu lange lebt, jedenfalls länger, als sein Geld ohne Versicherung reichen würde. Zum anderen legen weder Fonds noch Versicherungen allzu offen dar, wie viel sie vom Anlegergeld über die Jahre abknapsen. Und jetzt das: Genau das soll sich ändern.
Die magische Vergleichszahl
Beide Seiten unterstützen nun, dass eine Kennziffer eingeführt wird, mit der sich die Kosten der Produkte vergleichen lassen. Das hört sich so an: „Wir können sehr gut damit leben, künftig diese Kennziffer anzugeben, weil sie eine Rendite angibt, die wirklich nach allen Kosten übrig bleibt“, sagt Andreas Fink vom Fondsverband BVI.
Und Una Großmann vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) sagt: „Wir begrüßen die Kostentransparenz, vor allem, wenn sie alle gleichermaßen betrifft.“ Gut, richtige Begeisterung klingt ein bisschen anders, aber: So viel Einmütigkeit gerade bei diesem Thema war nie. Deswegen hoffen viele, dass die Kennziffer nun eingeführt wird.
Das geht wohl nicht ohne den Gesetzgeber, aber der will ja auch mehr Kostentransparenz. Auslöser war nämlich eine Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) im Auftrag des Bundesfinanzministeriums, die klären sollte, wie mehr Transparenz in die Altersvorsorge käme und sich die Riester-Produkte besser vergleichen ließen.
Mehr Transparenz beim Riestern
Beim Riestern konkurrieren ja Fondssparpläne, Rentenversicherungen und fondsgebundene Rentenversicherungen unmittelbar um die Kunden. Das Ergebnis der Studie lautete: Die bisherigen Angaben machen einen Vergleich der Produkte unmöglich. Über die sehr langen Sparphasen von meist 30 Jahren ließen sich Renditen nicht sinnvoll vorhersagen, und zudem erschweren die unterschiedlichen Rendite-Risiko-Profile, Garantien und Kostenstrukturen den Vergleich.
Die Folgerung lautete entsprechend: Es sollte wenigstens eindeutig erkennbar sein, was nach Abzug aller Kosten übrig bleibt. Die geeignete Kennziffer dazu sei nach Meinung der Fonds und der Versicherungen die „Reduction in Yield“, die Renditeminderung - also der Anteil, um den die Kosten die Rendite mindern.
Das klingt sperrig, ist aber im Grunde ganz einfach: Wenn ein Kunde liest, dass er bei Produkt A und einem Marktzins von 4 Prozent einen Renditeabschlag von 0,6 Prozent hinnehmen muss - und dass es bei Produkt B 1,3 Prozent sind, dann weiß er, dass bei A mehr übrig bleibt. Bisher war es nicht so eindeutig. Da wiesen Anbieter oft nur die Hälfte ihrer Kosten offen aus.
Nur teilweise transparent
Zum Beispiel die Fonds: Die nennen gern ihre „Gesamtkostenquote“, die Total Expense Ratio (TER), aber genauso gern erwähnen sie nicht, dass weder Ausgabeaufschlag noch die Transaktionskosten des Fonds in diese Quote eingehen. Die schmälern das Vermögen der Fondsanleger noch zusätzlich.
Oder die Versicherer: Die sind zwar per Gesetz zum Offenlegen ihrer Abschluss- und Vertriebskosten gezwungen. Da heißt es bei einer fondsgebundenen Rentenpolice etwa: Für die Vertriebskosten fallen 3511 Euro an, zudem betragen die Verwaltungskosten 132 Euro pro Jahr, insgesamt also 0,77 Prozent jährlich. Klingt nach wenig. Ist aber längst nicht alles.
Nicht aufgeführt werden die Kosten der Kapitalanlage, also die Managementgebühr für die Fonds in der Police. Dass das für große Versicherer noch einmal locker 2,3 Prozent sind, hat das ZEW errechnet. Tatsächlich läge die Renditeminderung also bei 3,11 Prozent. Und die muss eine Versicherung erst mal erwirtschaften.
Weniger Kosten, mehr Rendite - alles auf dem Papier
Wenn in den Vertragsunterlagen trotzdem Beispielrechnungen stehen, die von einer Rendite von 6 Prozent ausgehen, heißt das: Die Versicherung müsste vor Kosten ganze 9,11 Prozent erwirtschaften. Ist das realistisch? Daran haben nicht nur die Autoren der Studie Zweifel.
Warum die Versicherer nur die eigenen Verwaltungskosten nennen, liegt auf der Hand: So fällt beim Rechnen die prognostizierte Ablaufsumme größer aus - und das ist das Hauptkriterium, nach dem die Kunden entscheiden. Denen ist meist nicht klar, dass das nur unverbindliche Hochrechnungen sind.
Es ist bezeichnend, wenn die Zuständigen aus Fonds- und Versicherungsbranche zu mehr als 90 Prozent zustimmen, dass der Kunde bei den Produkten jeglichen Überblick verliert. Versicherungen sagen das sogar zu 100 Prozent. Mehr als die Hälfte aller Befragten votierte deshalb für die Einführung der Renditekennziffer, und die Branchenverbände schließen sich dem offen an.
Der Fonds rechnet sich langfristig weniger
Das ist nicht ganz verwunderlich, denn die Kennziffer sagt erstmals klarer denn je, wo beide Produkte ihre Vorteile bei den Kosten haben: Bei kurzen Laufzeiten liegen die Fonds ganz klar vorne. Über zehn Jahre, so die ZEW-Studie, fressen die Kosten eines Standardfonds 1,9 Prozent der Rendite. Bei einer Standardversicherung sind es sogar 3,7 Prozent.
Hält man aber 30 Jahre durch, zwackt die Versicherung nur noch 0,6 Prozent ab, weil die in den letzten 20 Jahren kaum noch etwas kostet. Die Fonds dagegen streichen jährlich einen Teil des anschwellenden Vermögens ein und mindern die Rendite so um 1,3 Prozent. Sie schlagen die Versicherung erst dann, wenn sie mehr als 6 Prozent Jahresrendite am Markt erwirtschaften.
Egal, für welchen Vertrag sich der Kunde mit dem Wissen über die Kosten entscheidet: Das endlich mal so offen vorgerechnet zu bekommen hilft ihm auf jeden Fall. Man kann also nur hoffen, dass die Politik es bald schafft, den Elfmeter auch wirklich ins Tor zu bringen.
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Thomas Weber (internetweber)
- 02.08.2010, 19:17 Uhr
ETFs
Kurt Michler (Kurt.Michler)
- 02.08.2010, 20:38 Uhr
Worum es wirklich geht...
Norman Argubi (argubi)
- 03.08.2010, 18:13 Uhr
@Herr Weide
Kurt Michler (Kurt.Michler)
- 03.08.2010, 19:07 Uhr