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Kommentar Fondsumfragen haben nur bedingt Aussagekraft

03.11.2003 ·  Umfragen unter Fondsmanagern erfreuen sich starker Beachtung. Verspricht man sich davon doch Hinweise auf die Marktverfassung. Doch die Ergebnisse dieser Umfragen sind streng genommen mit Vorsicht zu genießen.

Von Hanno Beck
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Der britische Ökonom John Maynard Keynes hat den Aktienmarkt einmal mit einer Schönheitskonkurrenz verglichen: Wer wissen wolle, welche der Damen (in unserem aufgeklärteren Zeitalter: der Herren) denn diesen Wettbewerb gewinnen werde, solle nicht danach fragen, welche der Damen (respektive der Herren) denn an Schönheit den Rest des Feldes aussteche, sondern welche der Schönheiten denn in den Augen der Juroren das Rennen machen werde.

So ähnlich ist es an den Kapitalmärkten: Wer hier gewinnen will, muß sich nur fragen, was denn die Mehrheit der Anleger für das attraktivste Engagement hält - und dann die Spitze der Herde anführen. Nun wollen Fondsgesellschaften selbstverständlich gerne wissen, wo denn in den Augen der Kapitalmarktmehrheit die größte Renditeschönheit schlummert, weswegen sie zu einem Mittel greifen, das auf einer Schönheitskonkurrenz nicht gut ankommen würde: Sie befragen die Jury.

Zahlreiche Umfragen versuchen die Stimmung der Anleger zu ergründen

Die Ergebnisse dieser Befragungen nennen sich dann "Confidence-Barometer", "Investor-Confidence-Index" oder "Online-Voting", und wem die Sprachverballhornungsgötter keinen schicken Anglizismus vor die Füße werfen, der nennt seine Befragung dann schlicht Umfrage.

Diese Umfragen gibt es grob gesprochen in drei Kategorien: Umfragen unter Anlegern bezüglich ihrer Einschätzung der Märkte, Umfragen unter Fondsmanagern bezüglich ihrer Einschätzung der Märkte und Umfragen unter Anlegern bezüglich ihrer Produkteinschätzungen.

Die Ergebnisse dieser Aktivitäten lesen sich dann in etwa wie folgt: Man erfährt, daß sich "die Stimmung unter den Fondsmanagern in Deutschland . . . im Oktober" getrübt hat, die "Mehrheit der Anleger in Deutschland" immer noch positiv gestimmt ist oder ostdeutsche Frauen "sensibler mit dem Thema Altersvorsorge umgehen als westdeutsche Frauen". Ein echter Erkenntniszuwachs?

Denkt man an das keynessche Diktum von der Schönheitskonkurrenz, so leuchten Kategorie Nummer eins und zwei unmittelbar ein: Wenn man weiß, was die Mehrheit der Anleger und Fondsmanager als attraktivstes Investment einschätzt, so kann man mit diesem Wissen bewaffnet doch sicher einen guten Schnitt an den Kapitalmärkten machen.

Wie ehrlich sind die Antworten

Doch der Teufel liegt wie immer im Detail, und zuerst findet man den Beelzebub bei der Art und Weise, wie die Umfrage durchgeführt wird: „"Die Umfragemethode spielt eine große Rolle für die Ergebnisse", sagt Kai Stahr, Marktforscher von der Fondsgesellschaft Union Investment. Ob der Befragte die Antworten kurz halten könne, ob das Interview persönlich, in Gruppen, am Telefon oder schriftlich erfolge - das alles habe nachhaltigen Einfluß auf die Ergebnisse der Befragung. „Da kann es Ihnen rasch passieren, daß Sie bei den Leuten eher Wunschdenken als Einschätzungen abfragen", sagt Bert Flossbach, Vermögensverwalter aus Köln.

Noch dicker kommt es, wenn man statt der Anleger in Kategorie zwei die Fondsmanager befragt, sagt Thomas Portig von HCM: „Kein Fondsmanager wird öffentlich ausposaunen, was er plant oder gerade tut - damit würde er sich ins eigene Fleisch schneiden", erläutert er das Problem der befragten Fondsmanager.

„Ich kenne niemanden, der auf diese Fragen ehrlich geantwortet hätte", spottet ein Fondsmanager, der häufiger solche Fragebögen auf den Tisch bekommt. Und selbst wenn die Fondsmanager ehrlich antworten - was wir zu ihrer Ehre einmal unterstellen wollen -, so muß man sich fragen, ob man auf dem berufsimmanenten Optimismus der Branche eine komplette Anlagestrategie aufbauen will.

Mittelflüsse lassen verlässlichere Schlüße zu

Viele Experten behaupten, daß man Umfragen unter Privatanlegern und Fondsmanagern durchaus nutzen kann - nämlich als Kontraindikator. Wenn die Mehrheit der Befragten in einer Vermögensklasse, einer Region oder einer Branche engagiert sei, so sei dies das sichere Zeichen dafür, daß hier nicht mehr viel Spaß beim Investieren aufkommen werde - wenn alle investiert seien, wer solle dann, bitte schön, noch investieren? Das gelte auch für die strategischen Antworten der befragten Fondsmanager: „Wenn ein Fondsmanager ankündigt, in den ein oder anderen Markt einzusteigen, dann können Sie davon ausgehen, daß er dies bereits getan hat", sagt ein Beobachter.

Unter dieser Perspektive können solche Stimmungsindikatoren durchaus zusätzliche Informationen liefern, wenngleich man keine Anlagestrategie darauf bauen sollte, wie Flossbach meint: „Sämtliche Klimaindikatoren, auch solche, die auf Befragungen beruhen, eignen sich allenfalls, um das Bild der aktuellen Wirtschaftslage abzurunden. Eine Investmentstrategie, die sich auf solche Dinge stützt, würde auf lockerem Fundament stehen", sagt Flossbach.

Wer sich ein - allerdings ebenfalls nur prozyklisches - Bild von aktuellen Marktstimmungen machen will, sollte auch auf die Mittelflüsse blicken, die ihm in zahlreichen Statistiken, beispielsweise beim Bundesverband Investment und Asset-Management, geboten werden: Hier kann man ersehen, in welche Anlageklassen Anleger investieren und wohin in den vergangenen Monaten das meiste Geld geflossen ist.

Manche Umfrage dient auch der Marktforschung bei den Kunden

Bleibt noch Kategorie Nummer drei der Umfragen, nämlich die Frage nach bevorzugten Produkten. Bei näherem Hinsehen offenbaren diese Umfragen in der Tat etwas interessantes, nämlich warum viele Fondsgesellschaften so gerne Umfragen machen: Eine Umfrage bringt Wissen über das Verhalten und die Wünsche der Kunden, und zumeist erregt sie auch das Interesse der Medien, die gerne darüber berichten, daß etwa „. . . die Kunden in Zukunft mehr Wert auf Sicherheit statt auf Rendite . . ." legen.

Eine schöne Sache für alle Beteiligten: Die Fondsgesellschaft studiert die Wünsche der Kunden, wird in den Medien erwähnt, und die Leser oder Zuschauer erfahren ein wenig mehr über ihre eigenen Befindlichkeiten und fühlen sich informiert respektive unterhalten. Manchmal besteht der Sinn einer Schönheitskonkurrenz wohl weniger darin, eine Siegerin zu küren, als vielmehr sowohl die Jury als auch das geneigte Publikum zu erfreuen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.11.2003, Nr. 256 / Seite 21
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