23.07.2009 · Ersparnisse auf mehr oder weniger illegale Weise ins Ausland zu bringen hat für Italiener jahrzehntelange Tradition. Nun soll aus der Sicht des Schatzministers das im Ausland geparkte Geld die Folgen der Finanzkrise lindern und die Kreditklemme überwinden helfen.
Von Tobias Piller, RomWeniger mit den Anlageformen, mehr mit dem Zufluchtsort ihrer Ersparnisse machen derzeit die Italiener von sich reden: Italiens Schatz- und Finanzminister Giulio Tremonti will mit einer Amnestie bis zu 100 Milliarden Euro an Fluchtkapital zurückholen, die wohlhabende Italiener im Ausland versteckt und angelegt haben. Mit einer Abgabe von 5 Prozent des Kapitalwertes lassen sich nach Tremontis Plänen künftige Probleme mit den Finanzbehörden vermeiden, ohne dass diese von vorneherein informiert werden müssen. Die Rückführung von Ersparnissen wird anonym über die Treuhandabteilungen der Banken abgewickelt, deren Bescheinigung später bei etwaigen Buchprüfungen den Finanzbeamten entgegengehalten werden kann.
Ersparnisse auf mehr oder weniger illegale Weise ins Ausland, vor allem in die Schweiz, zu bringen hat für Italiener jahrzehntelange Tradition. In der Vergangenheit, vor allem während der sechziger und siebziger Jahre, ging es dabei nicht nur um banale Steuerhinterziehung, sondern ansatzweise um die gleichen Gründe, die etwa in Lateinamerika immer wieder zu Kapitalflucht führten: Die italienische Währung zeigte immer wieder Schwächeanfälle und wertete regelmäßig ab. Zugleich fürchteten viele Unternehmer während der siebziger Jahre einen Wahlsieg der Kommunistischen Partei. Für eine bessere Verhandlungsposition bei etwaigen Gesprächen zur Machtübergabe wurde als Vorsitzender des Unternehmer- und Arbeitgeberverbandes deswegen einmal ausnahmsweise nicht ein Unternehmer, sondern der scheidende Notenbankgouverneur gewählt. Rigide Beschränkungen für den Kapitalexport bestärkten Inhaber von exportierenden Unternehmen, einen Teil ihrer Verkaufserlöse auf Dauer im Ausland zu parken, auch wenn die Kosten hoch und die Anlageerfolge unterdurchschnittlich waren.
Spielräume für Ersparnisse
Nun soll aus der Sicht des Schatzministers das im Ausland geparkte Geld die Folgen der Finanzkrise lindern und die Kreditklemme überwinden helfen. Die kleinen Steuerzahler und linke Oppositionspolitiker schimpfen dagegen darüber, dass die Kapitalrückführung schon wieder eine verdeckte Steueramnestie darstelle. Allerdings gibt es viele Anhaltspunkte dafür, dass nicht nur manche Italiener mit Anlagen im Ausland ihre Steuerpflichten vernachlässigt haben.
Auch innerhalb des Landes gibt es Spielräume, hohen Steuerzahlungen zu entgehen und Spielräume für Ersparnisse zu schaffen. Diese Folgerung wird gerade in diesen Tagen aus den Steuerstatistiken gezogen: Demnach haben die 41 Millionen italienischen Steuerzahler für das - von der Krise noch unberührte - Jahr 2007 ein Durchschnittseinkommen von 18.892 Euro deklariert. Nur 4,3 Prozent der Steuerzahler versteuerten ein Jahreseinkommen von mehr als 50.000 Euro. Für Einnahmen von mehr als 200.000 Euro steht die verschwindend geringe Zahl von 0,18 Prozent oder 75.689 Zahler.
Schutz vor inflationärer Geldentwertung
Die nicht deklarierten, am Finanzamt vorbeigeschleusten Beträge wurden in der Vergangenheit traditionell gerne in Staatstiteln angelegt, weil diese nicht in der Steuererklärung auftauchen, sondern mit einer einfachen, anonymen Abschlagsteuer von 12,5 Prozent belegt sind. Zudem garantierten früher die Risikozuschläge für Inflation und Abwertungsgefahr der Lira mitunter sogar zweistellige Zinskupons.
Die Einnahmen aus vielerlei Quellen und hohe Zinserträge finanzierten schließlich das dritte Standbein der italienischen Geldanlagen, die Immobilien. Die boten jahrzehntelang Schutz vor inflationärer Geldentwertung, daneben auch noch eine Stützfunktion für familiäre Bindungen, weshalb die Elterngeneration den Kindern zum Berufsstart oder zur Hochzeit eine Wohnung (mit-)finanzierte, bevorzugt in der Nähe des Elternhauses.
Aktien in Verruf gebracht
Die alten Anlagetraditionen der Italiener sind während der vergangenen zehn Jahre auf vielfältige Weise in Frage gestellt worden: Die Aufnahme Italiens in die Währungsunion ließ die Risikoprämien der Staatstitel und damit die Zinserträge dramatisch sinken. Damit wurden Aktien und Aktienfonds unter den Sparern zum Renner. Mittlerweile hat diese Anlageform jedoch mehr als anderswo für Enttäuschung gesorgt. Denn auf den Zusammenbruch der Internet-Euphorie folgten wenig später auch noch zahlreiche hausgemachte italienische Skandale unter Stichworten wie Parmalat und Cirio. Die Finanzkrise hat nun endgültig die Aktien in Verruf gebracht.
Die Anlagen in reinen Aktienfonds schrumpften innerhalb von drei Jahren von 201 auf 71 Milliarden Euro oder von 18 auf 9 Prozent des in Italien oder von italienischen Institutionen im Ausland verwalteten Vermögens. Nach den Statistiken des Verbands Assogestioni zeigten Mischfonds (22 Prozent) sowie Fonds für festverzinsliche Papiere (27 Prozent) Konstanz, Geldfonds legten dagegen von 8,3 auf 12,6 Prozent zu, Immobilienfonds von 1,7 auf 4,3 Prozent. Die früher beliebten, von Banken geprägten Fonds gelten inzwischen bei den Anlegern als teuer und relativ ertragsschwach. Die Banken selbst haben viel Interesse in dieser Sparte verloren, weil Fonds nicht mehr wie in den Zeiten des stürmischen Wachstums als Geldmaschine dienen können. In zwei Jahren haben deshalb die Italiener 280 Milliarden Euro aus Fonds und Vermögensverwaltung abgezogen. Das verwaltete Vermögen schrumpfte von 1159 Milliarden auf 818 Milliarden Euro.
Jenseits der Grenzen
Die Immobilien, die sich in Großbritannien, Spanien und den Vereinigten Staaten zuletzt als ruinöse Anlage erwiesen hatten, brachten den Italienern weitaus weniger Enttäuschungen und vergleichsweise geringe Verluste. Es gibt kein vergleichbares Überangebot an unverkauften Wohnungen wie in Spanien, keine Subprime-Finanzierungen wie in Amerika, nur einen verschwindend geringen Anteil an Immobilien, die zu mehr als 80 Prozent finanziert wurden und nun den Marktpreis drücken könnten. Nach einer Bereinigung der größten Übertreibungen halten viele italienische Anleger gerade die Immobilien wieder für einen sicheren Hafen, der vor Enttäuschungen wie mit Lehman und vor Aktieneinbrüchen schützen könne.
Die Krise hat dazu geführt, dass im Jahr 2008 weniger Italiener Ersparnisse zurücklegen konnten als früher. 69 Prozent hätten nichts mehr gespart statt 51 Prozent im Vorjahr, heißt es im Anlagebericht der BNL-Bank. Für die italienische Notenbank nehmen sich die gesamtwirtschaftlichen Daten trotzdem noch relativ beruhigend aus: Die Bankschulden der Italiener machten im Herbst 2008 rund 57 Prozent des verfügbaren Jahreseinkommens aus, das Nettovermögen dagegen das Zweieinhalbfache. Bezogen auf das Bruttoinlandsprodukt, hätten die Italiener 2008 im Schnitt noch 2,8 Prozent davon gespart.
Dieser Wert hat zwar nichts mehr mit den zweistelligen Werten von Anfang der neunziger Jahre zu tun. Im Gegensatz etwa zu den Vereinigten Staaten verlangt er aber keine drastischen und schmerzhaften Einschnitte bei Konsum und Schulden. Die Italiener verschulden sich zwar weniger als früher, doch ist die Tradition, sich mit Sparen und Anlagen gegen Unbill zu schützen, noch nicht verlorengegangen. Schließlich sollen die kommenden Monate noch ein Indiz dafür liefern, wie viel an statistisch nicht von der Notenbank erfasstem Vermögen die Italiener auch noch jenseits der Grenzen besitzen.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |