Herr Hochman, Sie leiten die technische Strategie von Fidelity. Schließen sich technische Analyse und langfristige Strategie nicht aus?
Aus der technischen Analyse von Kursverläufen können täglich etliche Entscheidungen abgeleitet werden, sie kann aber auch die Grundlage für langfristige Positionierungen liefern.
Ändert sich dafür das Kursbild nicht viel zu schnell?
Als technischer Analyst bin ich ein Student der Markthistorie. Aus Kursverläufen der Vergangenheit können Wahrscheinlichkeiten für zukünftige Entwicklungen abgeleitet werden. Die Datenreihe kann sich dabei auf Minutencharts, Wochen-, Monats-, oder Jahresverläufe aber auch über mehrere Jahrhunderte erstrecken.
Haben sich die äußeren Umstände in dieser Zeit nicht grundlegend geändert, als dass daraus jetzt noch etwas abgeleitet werden könnte?
Nehmen Sie zum Beispiel den amerikanischen Aktienmarkt. Hier lassen sich auf Basis von Daten der vergangenen 90 Jahre sehr gute Prognosen aus dem Zyklus der Präsidentschaftswahlen ableiten.
Was sagt uns der Zyklus?
Das Jahresende 2012 wird sehr gut, das erste Quartal 2013 schwieriger, dann kommt eine Sommerrally und anschließend ein eher problematisches zweites Halbjahr.
Dass alles kann allein aus der Tatsache, das in Amerika Präsidentschaftswahlen stattgefunden haben, abgeleitet werden?
Wir sehen den vierjährigen Präsidentschaftszyklus im Zusammenhang mit einem Jahreszeitenzyklus und einem Zehnjahreszyklus. Die Jahre mit einer Zwei und einer Null als letzter Ziffer lassen sich deshalb besonders gut analysieren.
Wer trifft auf dieser Basis Anlageentscheidungen?
Wir beraten mit unseren Analysen unsere Kollegen bei der strategischen Aufteilung der Vermögen auf die einzelnen Anlageklassen.
Halten die sich daran?
Es fließt in ihre Entscheidungen ein, aber sie beziehen natürlich auch viele andere Faktoren in ihre Anlageentscheidung ein.
Für Ihre Analyse spielt die allgemeine Wirtschaftslage, die sogenannten Fundamentaldaten, keine Rolle?
Es spielt eine ganz, ganz geringe Rolle und zwar in dem Moment, in dem alle extrem bullish oder bearish sind. Ansonsten weiß ich natürlich, was los ist, lese Zeitung und habe Fenster im Büro. Aber mich interessiert als technischer Analyst letztlich nur, wie die Märkte reagieren, wie sich die Kurse bewegen.
Aus dem Präsidentschaftszyklus haben Sie eine Prognose für die nächsten zwölf Monate abgeleitet. Ist das bereits die langfristige Strategie, oder gibt es noch längere Zeithorizonte?
Das große Bild zeigt einen Wandel hin zu mehr Engagements in Aktien. In den vergangenen Jahren ist viel Geld aus Aktien in die Geldmärkte und Anleihemärkte geflossen. Die Historie kennt solche Prozesse, zeigt aber auch, dass sie nie von Dauer sind. Es wird also wieder eine Zeit der Aktie kommen, solche Prozesse lassen sich aber nicht auf den Tag prognostizieren, dafür ist Geduld nötig.
Ihre Kunden erwarten aber taggenaue Prognosen.
Die geben wir auch täglich. Den größten Teil unserer Arbeitszeit verbringen wir damit, unseren Fondsmanagern jeden Tag etliche Empfehlungen zu geben, welche Aktienpositionen sie aus technischer Sicht in ihren Portefeuilles aufstocken oder abbauen sollten.
Auf welche Indikatoren achten Sie dabei?
Die Korrelation zwischen einzelnen Aktien zum Beispiel. Die ist momentan relativ gering. Das heißt, Aktien - innerhalb eines Sektors oder Index - entwickeln sich nicht alle in dieselbe Richtung, und das ist sehr gut für die aktive Auswahl von Papieren (Stock-Picking). Auch eine große Marktbreite, wie wir sie momentan haben, zeugt von einem Aufwärtstrend. Zudem schauen wir auf den Kursdurchschnitt der vergangenen 200 Tage. Steigt die daraus errechnete Linie, ist der Markt gut drauf.
Wie ist die Marktstimmung derzeit?
Die Stimmung wird wegen der politischen und wirtschaftlichen Unsicherheiten in Europa und den Vereinigten Staaten noch auf absehbare Zeit volatil bleiben. Aber nehmen wir zum Beispiel die Hedgefonds: Die waren dieses Jahr lange Zeit sehr pessimistisch. Im September haben sie ihre Haltung dann etwas widerstrebend aufgegeben. Wir nennen das Pain Trade, einen Sinneswandel unter Schmerzen gegen die eigentliche Überzeugung. Aktuell sind die Hedgefonds sehr viel weniger pessimistisch positioniert als der Markt, und ihre Stimmung ist zumindest kurzfristig optimistisch.
Haben sich die Privatanleger besser verhalten?
Die meisten Privatanleger denken zu kurzfristig. Sie verhalten sich wie im Kasino und gehen zu oft rein und raus. Sie sollten langfristiger investieren, denn das richtige Timing am Markt zu finden ist extrem schwierig.
Wie sollte sich ein Anleger jetzt positionieren?
Die Entwicklung der spanischen und italienischen Anleiherenditen ist für alle Märkte entscheidend. An keinem anderen Indikator lässt sich derzeit besser ablesen, was der Markt denkt. Fällt die Rendite zehnjähriger italienischer Staatsanleihen deutlich unter die Unterstützung von 4,5 Prozent, worauf mit aktuell knapp 4,5 Prozent vieles hindeutet, und die entsprechenden spanischen Papiere unter 5 Prozent, dann wäre das ein sehr starkes Entspannungssignal für die Märkte. Dann dürften die Bankaktien erheblich an Wert gewinnen, aber auch alle Aktienmärkte generell profitieren. Ich gehe sehr sicher davon aus, dass wir dieses Szenario bekommen werden, und es ist total unwahrscheinlich dass wir im nächsten halben Jahr noch mal Renditen von mehr als 7 Prozent sehen.
Wenn dies so kommt, sollten die Anleger dann Gold und Bundesanleihen verkaufen?
Wir rechnen bei Bundesanleihen mit einer Seitwärtsbewegung um das aktuelle Niveau. Es ist noch so viel Liquidität im Markt, dass ein Anstieg der Aktienkurse nicht zwangsläufig zu Kursverlusten bei Anleihen führen muss. Wir rechnen auch mit einem Anstieg des Goldpreises. Wir halten ihn mit derzeit gut 1700 Dollar angesichts des mangelnden Vertrauens in Währungen für unterbewertet und rechnen mit einem Anstieg auf mehr als 1900 Dollar im nächsten Jahr.
Es gibt dann also höchstens relative Verlierer?
Die Rohstoffhausse läuft seit 13 Jahren. In den vergangenen 200 Jahren hielt ein Trend selten länger. Hier könnte also ein Ende anstehen, wobei wir beim Ölpreis eine Seitwärtsentwicklung erwarten. Der Euro dürfte gegenüber dem Dollar gewinnen. Der Yen ist total überbewertet. Die Wechselkursänderungen unter den klassischen Industrieländerwährungen sind jedoch rein stimmungsgetrieben. Zinsdifferenzen gibt es ja nicht mehr, die Zinsen sind überall nahe Null.
Wie entwickelt sich der Dax?
Wenn wir jetzt die 7500 Punkte überwinden, ist der Weg bis 8000 Punkte frei. Ein Rückfall unter 6000 Punkte ist in den nächsten Monaten kein Thema.
Das Gespräch führte Daniel Mohr.
funktioniert die Chart-Analyse?
Heinrich Kaminski (Sebrich)
- 10.12.2012, 12:32 Uhr
Spanien und Italien...........
Josef Breuer (Joe1955)
- 05.12.2012, 13:16 Uhr