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Japan „Der Motor läuft gerade an“

07.11.2006 ·  Adam Matthews, Portfoliomanager bei JP Morgan, im Gespräch mit FAZ.NET über Japans neue Dynamik, steigende Löhne, anziehende Immobilienpreise und die bisher enttäuschenden Aktienkurse.

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Der Oktober war eigentlich ein guter Monat für Aktienfonds. Mit Japanfonds aber war - wie so häufig in diesem Jahr - nicht viel zu verdienen. Doch das wird sich ändern, meint Adam Matthews.

Er ist als Portfoliomanager bei JP Morgan in London zuständig für zehn Aktienfonds, die in Japan und anderen asiatischen Ländern investieren.

Herr Matthews, Sie haben schon im vergangenen Jahr zu japanischen Aktien geraten. In anderen Märkten hätten Anleger in den meisten Fällen wohl einen besseren Schnitt gemacht. Warum sollen sie Ihrer Meinung trotzdem in Japan investieren?

Das liegt vor allem an den Entwicklungen auf dem Arbeits- und dem Immobilienmarkt. In den kommenden drei Jahren werden etwa drei Millionen Japaner in Rente gehen, dagegen drängen nur 1,5 Millionen auf den Arbeitsmarkt. Die Konsequenzen sind zum Teil schon heute sichtbar: Die Arbeitslosigkeit ist so niedrig wie seit vielen Jahren nicht mehr. Quasi jeder, der Arbeit sucht, findet auch welche. Wer einen Arbeitnehmer binden möchte, muß ihm anders als bisher eine volle unbefristete Stelle bieten. Vorher hatte das Wachstum nur bei den Teilzeit- oder befristeten Stellen stattgefunden.

Sorgt das knappe Angebot an Arbeitnehmern auch für steigende Löhne?

So ist es. Bis vor einigen Jahren waren in Japan jährliche Gehaltseinbußen die Regel, jetzt sind die Arbeitnehmer wieder in einer stärkeren Position. Die Lohnsteigerungen wirken sich natürlich auf den Konsum aus - und genau hier wird es interessant. Die japanischen Kunden fassen wieder Vertrauen, sie konsumieren mehr. Und die Unternehmen investieren nicht nur im Ausland, sondern auch wieder in Japan.

Sie sprachen auch den Immobilienmarkt an. In den wichtigsten Teilmärkten sind die Preise von 1990 bis 2004 Jahr für Jahr gefallen. 2005 gab es das erste Mal seit langem wieder einen kleinen Anstieg. Was passiert in diesem Jahr?

2006 wird der Anstieg etwas höher ausfallen. In Tokio und Osaka zum Beispiel werden die Immobilienpreise in diesem und im nächsten Jahr unseren Schätzungen zufolge um fünf bis zehn Prozent steigen.

Einer Umfrage zufolge glauben erstmals seit vielen Jahren wieder mehr als 40 Prozent der Japaner an steigende Immobilienpreise.

Genau. Das setzt eine ungeheure Dynamik in Gang. Die Generation der Mittdreißiger zum Beispiel hatte bisher überhaupt keinen Anreiz, eine Wohnung zu kaufen, weil die Preise ja Jahr für Jahr gefallen sind. Das ist jetzt anders. Ein Bekannter von mir hat sich Anfang 2005 ein Haus am Strand für 500.000 Dollar gekauft, das 1990 noch 2,5 Millionen Dollar wert gewesen war. Inzwischen könnte er es schon wieder mit Gewinn verkaufen.

Die steigenden Immobilienpreise werden nicht nur für Privatleute Bedeutung haben, sondern auch für Unternehmen, die auf diesem Sektor tätig sind, oder?

Klar, die Marktkapitalisierung der steuerbegünstigten Immobiliengesellschaften, der sogenannten Reits, hat sich in den vergangenen Jahren vervielfacht. Die Reits bringen viel Transparenz auf den Markt.

Ganz neu sind die Entwicklungen am Immobilien- und Arbeitsmarkt nicht. Warum sind die Aktienkurse dann in diesem Jahr nicht so gestiegen, wie sie es vorausgesagt hatten?

Der Markt hatte die ersten Veröffentlichungen, die auf ein Ende der Deflation hindeuteten, wohl zu schnell zu positiv gedeutet. Die jüngsten Zahlen zeigen nämlich, daß die Deflation noch nicht vorbei ist: Nur die steigenden Öl- und Rohstoffpreise hatten den Preisindex in Richtung Inflation gedrückt. Wir sind aber davon überzeugt, daß sich das mit steigenden Löhnen und Immobilienpreisen jetzt ändern wird. Wir teilen auch nicht die Angst, daß Japan nur im Sog der starken Weltwirtschaft nach oben geschwommen ist. Der Aufschwung hat für die nächsten zwei bis drei Jahre Substanz.

Bei den Unternehmen zeigt sich der Aufschwung seit einigen Jahren zum Beispiel anhand steigender Renditen. Trotzdem war die Kursentwicklung in diesem Jahr eher enttäuschend. Waren die Aktienkurse der Entwicklung schon zu weit vorausgelaufen?

In den vergangenen Jahren konnten die japanischen Unternehmen ihre Eigenkapitalrendite steigern, etwa von null auf rund zwölf Prozent. Aber das ist noch kein Vergleich zu vielen europäischen oder amerikanischen Unternehmen mit Renditen von 20 Prozent und mehr. Hier sehe ich noch großes Potential. Außerdem steigern die Unternehmen jetzt endlich auch nennenswert ihren Umsatz, das hatten sie in den Jahren zuvor nicht geschafft.

Ein Blick auf das Kurs-Gewinn-Verhältnis zeigt aber, daß japanische Aktien im Vergleich zu europäischen oder amerikanischen Aktien nicht gerade billig sind.

Billig sind sie nicht, da haben Sie recht. Die Frage ist aber, welcher Preis gerechtfertigt ist. Wir rechnen bei japanischen Unternehmen mit deutlich höheren Gewinnsteigerungen als in anderen entwickelten Ländern, darum sind die Aktien nicht zu teuer. Das ist aber ganz klar eine Spekulation auf eine höhere Profitabilität.

Auf welche Sektoren setzen Sie?

In unseren Fonds haben wir die Branchen übergewichtet, die einen klaren Fokus auf den inländischen Konsum haben, dazu gehören spezialisierte Einzelhändler und Serviceunternehmen. Außerdem setzen wir aus genannten Gründen auf Immobilienfirmen. Die machen in unseren Fonds zehn Prozent aus, im Vergleichsindex haben sie nur ein Gewicht von zwei Prozent. Versorger haben wir dagegen untergewichtet, weil diese Branche nicht wachsen wird.

Gerade die Versorger zählten in diesem Jahr aber zu den Branchen mit der besten Wertentwicklung.

Die Anleger hatten in der Tat vor allem auf konservative Titel gesetzt. Schauen Sie sich nur die japanischen Nebenwerte an.

Fonds, die in diese Aktien investieren, gehören in diesem Jahr weltweit zu den großen Verlierern.

Wir haben offensichtlich die Auswirkungen der Skandale an den japanischen Finanzmärkten im ersten Halbjahr unterschätzt.

Sie meinen die Aufregung um das Internetunternehmen Livedoor und den Notenbankchef, der in einen umstrittenen Fonds investiert hatte?

Für die Stimmung der Privatanleger waren diese Vorfälle alles andere als hilfreich. Sie flohen besonders aus Nebenwerten. Darum gibt es heute Unternehmen mit sehr guten Gewinnaussichten auf dem Kurszettel, deren Kurs-Gewinn-Verhältnis zum Beispiel von 23 auf 13 gesunken ist. Ich denke. daß die Investoren in drei bis sechs Monaten wieder genug Vertrauen gefaßt haben, um wieder Geld in diese Aktien zu investieren.

Haben Sie keine Angst, daß der japanische Mini-Aufschwung ganz schnell vorbei sein könnte, zum Beispiel wenn Amerikas Wirtschaft lahmt?

Das ist gerade das Schöne an der japanischen Wirtschaft: Sie befindet sich an einer völlig anderen Stelle im Konjunkturzyklus wie die europäischen oder anglo-amerikanischen Märkte. Die sinkenden Preisen auf dem amerikanischen Häusermarkt stören uns nicht - das hat Japan hinter sich. Die Abhängigkeit vom Export nimmt ohnehin ab, wenn die inländische Nachfrage anzieht. Und während sich die Gewinne der großen Unternehmen in Europa und den Vereinigten Staaten auf Rekordniveau befinden und sich nur mit größten Anstrengungen erhöhen lassen, beginnen sie in Japan erst zu steigen. Der Motor läuft gerade an.

Das Gespräch führte Bernd Mikosch.

Quelle: FAZ.NET
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