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Isländische Banken Auf der Suche nach dem verschollenen Geld

07.10.2009 ·  Vor einem Jahr brachen Islands große Banken zusammen. Seither laufen deutsche Sparer, Anleger und Banken immer noch ihrem Geld hinterher. Es geht um Milliarden.

Von Sebastian Balzter
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Natürlich hätte sie vorsichtiger sein müssen, hätte der vollmundigen Werbekampagne und dem exotischen Namen der Bank misstrauen müssen. Nachher lässt sich das leicht sagen. Aber damals, im September vor einem Jahr, dachte Nathalie Ender, sie mache alles richtig, als sie bei Kaupthing Edge ein Tagesgeldkonto eröffnete: Tausend Euro hatte die alleinerziehende Mutter aus Esslingen gespart als künftiges Schulgeld für ihren Sohn, der bald in eine Waldorfschule kommen sollte.

„Das ist viel Geld für mich, ein ganzes Monatsgehalt“, berichtet die 31 Jahre alte Industriekauffrau heute. Aber keine der einschlägigen Verbraucherhilfen habe vor dem konkurrenzlos hohen Zinssatz von 5,6 Prozent gewarnt, und dass sie mit einer zu diesem Zeitpunkt schon taumelnden Bank aus dem fernen Island Geschäfte machte, sei ihr überhaupt nicht bewusst gewesen. „Die hatte ihren Sitz schließlich in Frankfurt und war mit einem deutschen Geschäftsführer im Handelsregister eingetragen.“

Abschuss eines Shooting-Stars

Nur drei Wochen nach Nathalie Enders Kontoeröffnung war es trotzdem die Finanzaufsicht in Reykjavík, die über Nacht die Notbremse zog. In Deutschland war Michael Kramer der Erste, der davon erfuhr. Morgens um 4 Uhr klingelte am 9. Oktober sein Telefon, es war ein Donnerstag. „Wir mussten umgehend das Online-Banking, unser Callcenter und das Back-Office abschalten“, rekonstruiert der Geschäftsführer der deutschen Niederlassung den Anruf. „Das kam völlig überraschend“, beteuert er.

Kaum sieben Monate hatte es Kaupthing Edge in Deutschland gegeben. Kramer und seine vier Mitarbeiter hatten stolze 34.000 Sparer mit einer Einlagensumme von 308 Millionen Euro angeworben. Sie waren die vermeintlichen Shootingstars der Branche. Hätten auch sie dem Erfolg misstrauen sollen? „Der Einstieg in den deutschen Markt hat alle Erwartungen übertroffen“, schrieb Kramer in jenem Sommer in einer E-Mail. „Das bestärkt uns, weiter intelligente Anlageprodukte zu kreieren.“

Morddrohungen inklusive

Jetzt ist er der Letzte, der in den großzügigen Frankfurter Büroräumen noch Wache hält. Auf dem Parkettboden und den Tischen stapeln sich Kartons mit Kundenpost. Es geht um Details der Rückzahlungen aus dem isländischen Einlagensicherungsfonds.

Mit der Gründung von Online-Banken hatte Michael Kramer schon Erfahrung, als ihn im Sommer 2007 ein Headhunter zu Kaupthing lotste. Nun weiß er auch, was die Abwicklung einer Bank für den Mann an ihrer Spitze bedeutet: 580.000 E-Mails, 150.000 Anrufe, Demonstrationen, Morddrohungen sogar.

Dramatische Tage im Oktober

Als ob er selbst solche Exzesse erklären wolle, verweist Kramer auf die Lage im vergangenen Herbst und Winter: Innerhalb von nur einer Woche werden Islands Großbanken Kaupthing, Landsbanki und Glitnir verstaatlicht, deren Verbindlichkeiten dem Zehnfachen der Wirtschaftsleistung entsprechen und das Land an den Rand des Bankrotts bringen.

Die Meldungen überschlagen sich: Das deutsche Finanzministerium bietet Island ein Darlehen zur Entschädigung der Sparer an. Islands Präsident zieht seinerseits in Zweifel, dass ausländische Kunden überhaupt berücksichtigt werden. Schließlich heißt es, nur die DZ Bank, die für Kaupthing den Zahlungsverkehr zwischen Deutschland und Island abwickelte und nun Sparguthaben als Sicherheit für ihre offenen Forderungen blockiere, verhindere die Auszahlung. „Wir haben uns deshalb dazu entschlossen, tagelang überhaupt nicht zu kommunizieren“, sagt Kramer.

Die letzten Zins-Kämpfer

Entsprechend entwickelt sich der Zulauf zu dem Selbsthilfeforum, das Nathalie Ender und ein von ihr selbst als Kaupthing-Kunde geworbener Bekannter kurz nach dem Zusammenbruch der Bank gründen. Mehr als 40.000 E-Mails hat sie seitdem gezählt. Der Beratungsbedarf erstreckt sich zum Teil auf erstaunlich banale Themen: Darf man den Entschädigungsantrag knicken? Sind Umschläge mit Sichtfenster zulässig? Wie wird Post nach Island frankiert?

Im Februar fliegt Enders Mitstreiter zur Gläubigerversammlung nach Reykjavík, mit 800 Vollmachten im Gepäck. Im Frühjahr zeichnet sich ab, dass aus der Insolvenzmasse von Kaupthing nicht nur der von der Einlagensicherung garantierte Betrag von 20.857 Euro je Kunde, sondern die volle Einlagensumme erstattet wird.

Mitte Juni treffen die ersten Überweisungen in Deutschland ein. Seit August hält Nathalie Ender die Entschädigung für abgeschlossen - auch wenn Einzelne noch um ihre Zinsen kämpfen. Mehr noch wundere sie, dass viele Kunden Schwierigkeiten im Umgang mit dem Internet hatten. „Dabei war Kaupthing Edge doch eine Online-Bank.“

Kämpferische Anwälte

Aber es waren nicht nur je nach Blickwinkel naive, gutgläubige oder zinsgierige Sparer, die im vergangenen Jahr zu Jägern ihres auf Island verschollenen Geldes geworden sind. Glitnir und Landsbanki boten in Deutschland keine Tagesgeldkonten an, aber Hunderte deutsche Privatanleger haben, ob mit oder ohne Beratung ihrer Hausbank, Anleihen der beiden Banken über Beträge ab 10.000 Euro gezeichnet.

Zum Beispiel das im Februar 2006 begebene Landsbanki-Papier mit der Isin XS0244143961: Der Prospekt verspricht 6,25 Prozent Zinsen, die bis zum Oktober 2008 auch pünktlich gezahlt wurden. Seitdem geht es nicht mehr um Zinsen, sondern nur noch um die schwache Hoffnung auf Bruchteile der Anlagesumme. Am Dienstag notierte die Anleihe an der Frankfurter Börse mit einem Kurs von 1 Prozent.

István Cocron gibt das Geld dennoch nicht verloren. „Das Ende der Fahnenstange ist noch nicht erreicht“, versichert der auf Kapitalanlagerecht spezialisierte Anwalt, einer der vier Partner der Münchner Kanzlei CLLB. „Die Bank hat ja noch Vermögenswerte.“

Cocron will im November rund hundert Mandanten auf der nächsten Gläubigerversammlung von Landsbanki vertreten. Die erste Versammlung im Winter sei chaotisch verlaufen, seufzt Cocron: eine ellenlange Tagesordnung und eine vierstündige Debatte. Auf das versprochene Protokoll warte er seither vergeblich.

Liquiditätsversorger Deutschland

Auch sonst sei der Informationsfluss ausgesprochen zäh, zu verbindlichen Auskünften ließen sich die isländischen Gesprächspartner selten bewegen. Und von der deutschen Politik erhielten die Anleger, anders als die Sparer, keine Schützenhilfe. Das über Landsbanki im Herbst 2008 ausgesprochene Moratorium dürfe aber höchstens zwei Jahre dauern. Danach, so macht der Anwalt nun sich selbst und den Anlegern Mut, könnten angemeldete Forderungen möglicherweise vollstreckt werden.

Rund 5 Millionen Euro haben Cocrons Mandanten auf der Vulkaninsel investiert. Das ist viel, verglichen mit Nathalie Enders Sparguthaben. Aber kaum der Rede wert, hält man die isländischen Engagements deutscher Banken dagegen. Aus keinem anderen Land der Welt wurde Islands Finanzbranche seit ihrer Privatisierung im Jahr 2002 so großzügig mit Liquidität versorgt wie aus Deutschland: Von 30 Banken mit Forderungen in mindestens dreistelliger Millionenhöhe berichtet der Finanzausschuss des Bundestags, auf 22,3 Milliarden Euro beziffert die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich zum Stichtag Juni 2008 die Schulden isländischer Banken bei deutschen Instituten. Das sind fast 70.000 Euro je Einwohner und fünfmal mehr, als etwa britische Banken zu diesem Termin nach Island verliehen hatten.

Schuldeneintreiber am Polarkreis

Die Gläubigerbanken sprechen, sofern sie sich überhaupt dazu äußern, von „Portfoliodiversifizierung“ und „Globaldarlehen“. Udo Steffens, der Präsident der Frankfurt School of Finance and Management, nennt einen anderen Grund. „Vor allem die Landesbanken haben auf Island in großem Stil Kreditersatzgeschäft getrieben“, kritisiert er. „Der Anlagedruck auf sie war groß, und dort gab es willige Abnehmer.“ An deren Zahlungskraft aber hapert es: 800 Millionen Euro hat die Bayern LB auf ihr Island-Engagement abgeschrieben, 350 Millionen die LBBW, 232 Millionen die Commerzbank, 200 Millionen die West LB, 111 Millionen die KfW.

Teils für Monate, teils wochen- oder tageweise haben die Banken Schuldeneintreiber an den Polarkreis entsandt. Eine undankbare Aufgabe. Nachträglich sei die Reihenfolge der zu entschädigenden Gläubiger so geändert worden, klagt einer von ihnen, dass institutionelle Investoren nun nach allen anderen bedacht würden. Außerdem entspreche das von der Regierung in Auftrag gegebene Gutachten über das Vermögen der kollabierten Banken nicht den geltenden Bilanzvorschriften.

Die Entscheidungen der Finanzaufsicht seien undurchschaubar, an einer ernsthaften Einigung mit den Gläubigern bestehe offenbar wenig Interesse. Offiziell besteht Island auf dem Gegenteil. „Es fehlt durchweg an Transparenz“, lautet dennoch der Vorwurf von einem der Unterhändler. „Sogar Argentinien hat sich in seiner großen Krise 2002 viel professioneller verhalten als Island.“

Mission impossible

Manche dieser Entsandten haben ihre Mission inzwischen abgebrochen, andere machen weiter, hinter verschlossenen Türen und mit begrenzten Erfolgsaussichten. Für die nächste Runde rüstet sich derzeit auch schon István Cocron: Auf die zweite Island-Reise seines Lebens will er im Herbst vorsorglich eine Videokamera mitnehmen und die Gläubigerversammlung für seine Dokumentation filmen.

Michael Kramer hat mit dem Norden abgeschlossen. Noch ein paar Wochen, dann wird auch er voraussichtlich seinen Schreibtisch räumen und den Namenszug am Briefkasten der vornehmen Villa im Frankfurter Westend entfernen. „Dass ich beruflich noch einmal mit Island zu tun haben werde, glaube ich nicht“, sagt er trocken. Versöhnlich klingt dagegen Nathalie Enders Fazit: Ihr Sohn ist eingeschult, die erhofften 56 Euro Zinsen sind abgeschrieben, offensichtlich ohne Groll. „Aber ein Reiseziel wird Island für mich nicht. Da ist es mir schlicht zu kalt.“

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Jahrgang 1978, Redakteur in der Wirtschaft.

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