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Neue Wette : Soros gegen die ganze Welt

Anleger in einem Aktien-Handelshaus in China. Bild: dpa

Der berühmteste Spekulant der Erde greift wieder an: George Soros wettet aggressiv gegen Chinas Währung und Amerikas Aktienmarkt. Hofft er nur auf den George-Soros-Effekt, oder sollen Anleger es ihm gleichtun?

          Mit Wetten auf den Niedergang ganzer Volkswirtschaften hat George Soros Erfahrung. Es war im September 1992, als der heute 85-Jährige binnen kürzester Zeit zum wohl bekanntesten Spekulanten des Planeten wurde. Denn Soros hatte etwas gewagt, was sich mit solcher Aggressivität noch kein Investor vor ihm getraut hatte: Er besaß die Chuzpe, sich gegen die älteste und angesehenste Währung der Welt zu stellen – das britische Pfund.

          Dennis Kremer

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Mit einem Teil der Milliarden, die er zuvor als Hedgefondsmanager verdient hatte, schloss Soros damals ein Spekulationsgeschäft ab, das im Börsenjargon als „Short-Wette“ bezeichnet wird: Er spekulierte auf heftige Wechselkursverluste des Pfunds gegenüber anderen Währungen, es war eine Misstrauenserklärung gegenüber der britischen Regierung und der britischen Wirtschaft. Mit faszinierendem Ausgang: Trotz heftiger Gegenwehr der englischen Notenbank gewann Soros sein riskantes Spiel und verdiente daran sagenhafte 1000 Millionen Pfund.

          Peking findet Soros frech

          Heute, 24 Jahre später, schickt sich Soros an, die Geschichte von damals zu wiederholen. Wieder attackiert er eine Währung, wieder wettet er auf deren massive Abwertung. Nur hat er sich dieses Mal andere Länder als Gegner ausgesucht: Es ist China mit seiner Landeswährung Yuan (auch Renminbi genannt), deren dramatischen Verfall Soros erwartet. Und es sind ausgerechnet die Vereinigten Staaten von Amerika, für die Soros einen Börsenabsturz voraussagt. Eine Krise ähnlich wie 2008 nach der Lehman-Pleite stehe bevor, lässt der Meister via Bloomberg TV alle Welt wissen und macht gleichzeitig klar, dass er daran wunderbar verdienen würde. Soros hält Short-Positionen auf den Yuan und auf das wichtigste amerikanische Aktienbarometer S&P 500. Mit anderen Worten: Der Investor spekuliert auf nichts Geringeres als auf den Niedergang der beiden größten Wirtschaftsmächte der Welt.

          In Peking betrachtet man dies als ungeheure Frechheit. Während Soros’ Aussagen im Westen zunächst keine großen Wellen schlugen, machte das Zentralorgan der Kommunistischen Partei Chinas, die Zeitung „People’s Daily“, mit einer eindeutigen Schlagzeile auf: „Chinas Währung den Krieg erklären? Haha.“

          Die martialische Ausdrucksweise zeigt, wie viel auf dem Spiel steht. Es geht aus chinesischer Sicht darum, ob die Partei die Kontrolle über die Wirtschaft des Landes aufrechterhalten kann oder ob sie ihr allmählich entgleitet. Anders ausgedrückt: Es geht um Macht. Aber natürlich auch um eine Menge Geld. Denn Anleger auf der ganzen Welt fragen sich: Hat George Soros recht? Dies wäre eine sehr schlechte Nachricht für ihre Portfolien, die unter einem Crash der weltweiten Aktienmärkte schwer zu leiden hätten. Es sei denn, man fände Wege, es dem Starinvestor gleichzutun und ebenfalls auf fallende Kurse zu setzen.

          Gibt es einen George-Soros-Effekt?

          Doch kann es tatsächlich so kommen, wie Soros erwartet? Unbestritten hat der 85-Jährige ein Gespür dafür, die wirtschaftlichen Schwächen eines Landes sehr früh zu erkennen. Dies war 1992 bei der Wette gegen Großbritannien so und auch 2007/2008 kurz vor Ausbruch der Finanzkrise in Amerika. Andererseits ist der bekannteste Spekulant der Welt mittlerweile ein richtig alter Mann. Wer ihn in jüngster Zeit einmal bei einem öffentlichen Vortrag sehen konnte, erlebte einen Greis, der in Andeutungen sprach und viele seiner Argumente nicht zu Ende führte. Zumal er sich den Vorwurf gefallen lassen muss, er mache seine Wette gegen China und Amerika nur deswegen öffentlich, weil er auf eine Art George-Soros-Effekt hoffe: Ahmen viele andere Großinvestoren sein Vorgehen nach, würde dies nämlich den Druck auf China verstärken und den Yuan womöglich in die Knie zwingen – es wäre eine Art sich selbst erfüllende Prophezeiung. Andererseits spricht sogar die Statistik gegen Soros. In einer Studie hat die Weltbank fast 200 größere spekulative Attacken gegen Währungen aus 25 Jahren untersucht. Meistens haben sie sich für die Investoren nicht ausgezahlt.

          George Soros, 85, hat es durch geschickte Geldanlage auf ein Vermögen von rund 25 Milliarden Dollar gebracht.

          Also alles nur Humbug? Es sieht nicht danach aus. Klaus Kaldemorgen, einer der erfahrensten und erfolgreichsten deutschen Fondsmanager, erkennt zwar keine unmittelbare Parallele zur Finanzkrise 2008. Damals seien Banken auf der ganzen Welt betroffen gewesen, heute gehe es zunächst nur um eine einzelne Volkswirtschaft, wenn auch um eine wichtige. Aber der DWS-Fondsmanager mahnt zur Vorsicht: „Kapitalmärkte können schnell aus dem Ruder laufen. Wenn viele Marktteilnehmer eine bestimmte Situation lange unterschätzen und sich dann schlagartig zurückziehen, kann sich in Windeseile eine Krise entwickeln. Soros weiß das ganz genau.“

          Dies ist wohl auch der Grund, warum Chinas Mächtige sich so sehr vor einer starken Abwertung ihrer Währung gegenüber dem Dollar fürchten, die über einige wenige Prozent hinausgeht. Ein drastischer Rückgang des Wechselkurses könnte von Investoren nämlich als Kontrollverlust der Regierung interpretiert werden und als ein Zeichen dafür, dass es der Wirtschaft des Landes in Wahrheit viel schlechter geht als offiziell behauptet. Denn Statistiken zum Wirtschaftswachstum mögen sich fälschen lassen. Den Wechselkurs einer (zu Teilen) frei handelbaren Währung wie des Yuan zu manipulieren, ist dagegen schon bedeutend schwieriger – zumal der Yuan gerade erst vom Internationalen Währungsfonds zu einer der wichtigsten Währungen der Welt erhoben wurde und darum unter besonderer Beobachtung steht.

          Skepsis gegenüber Amerika ist angebracht

          Die Abwertung könnte eine verhängnisvolle Spirale in Gang setzen: Viele Firmen des Landes sind hoch verschuldet, nicht wenige davon auch in Dollar. Schon seit einiger Zeit weisen Volkswirte darauf hin, dass die Schulden der Unternehmen selbst nach offiziellen Zahlen Chinas Wirtschaftsleistung um mehr als das Doppelte übersteigen – eine bedenkliche Entwicklung. Verliert der Yuan an Wert, gerieten viele Firmen in Zahlungsschwierigkeiten, die Wirtschaft würde einbrechen. China hätte weniger Geld für teure Importe übrig, was westliche Unternehmen wie Automobilhersteller schwächen und ihre Aktienkurse fallen lassen könnte. Flugs wäre aus einer lokalen Krise ein weltweites Problem geworden – womöglich gar verbunden mit einem Crash.

          Doch so schauerlich all dies auch klingt: Dass es tatsächlich so kommen wird, ist keinesfalls gewiss. „Die chinesische Zentralbank ist ein starker Gegner, der über erhebliche Ressourcen verfügt“, sagt Klaus Kaldemorgen. Rund 3300 Milliarden Dollar betragen die Devisenreserven der Notenbank. Verkauft sie Teile davon, schwächt dies tendenziell den Dollar und stärkt den Yuan. Unbegrenzt einsetzen lässt sich dieses Instrument allerdings nicht: Allein im vergangenen halben Jahr sind Chinas Devisenreserven bereits um den Rekordwert von 500 Milliarden Dollar gesunken. All das zeigt: Soros’ Attacke gegen den Yuan ist eine Wette, die diesen Namen wirklich verdient. Sie kann erfolgreich ausgehen, muss es aber nicht. Dem Starinvestor hierbei nachzueifern lässt sich darum nicht guten Gewissens empfehlen, zumal die praktische Umsetzung mit Währungs-Zertifikaten nicht ganz einfach ist.

          Gilt diese Zurückhaltung auch für Soros’ Spekulation gegen amerikanische Aktien? Nein. Natürlich vermag niemand mit völliger Sicherheit zu sagen, wohin sich die Kurse entwickeln werden. Bei amerikanischen Aktien jedoch sind viele Experten schon seit einiger Zeit skeptisch gestimmt. Da ist zunächst der starke Verfall des Ölpreises, der nicht nur die vielen neuen Energieförderer (Fracker) des Landes hart trifft. Sondern auch Immobilien- und Baufirmen. In der Nähe der neuen Förderstellen sind mitunter ganze Ortschaften entstanden, deren Ausbau jetzt stockt.

          Geldverdienen steht an erster Stelle bei Soros

          Zwei aktuelle Nachrichten stimmen zusätzlich skeptisch. Erstens gab das Handelsministerium am Freitag bekannt, dass Amerikas Wirtschaft im vierten Quartal 2015 nur noch um 0,7 Prozent gewachsen sei – und damit weniger als erwartet, was Anleger in aller Regel gar nicht mögen. Zweitens zeigt sich, dass ein wichtiger Antrieb für die Aktienkurse mehr und mehr ausfällt: Lange Zeit kauften Amerikas Firmen in großem Umfang eigene Aktien zurück (häufig finanziert durch günstige Kredite) und betrieben so Kurskosmetik. Der Kurs stieg, die Anleger waren zufrieden. Ein Taschenspieler-Trick zwar. Aber nun zeigen die Statistiken weniger Rückkäufe an, eine wichtige Unterstützung für die Kurse bricht weg. Gar nicht unwahrscheinlich also, dass Amerikas Aktienmarkt 2016 noch einmal deutlich nachgibt.

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          Wie aber wettet man auf fallende Kurse? Dafür gibt es beispielsweise sogenannte Short-ETF wie den „db x-trackers S&P 500 Inverse Daily“, mit dem sich gegen den S&P 500 setzen lässt. Das Prinzip: Fällt der S&P 500 im Laufe eines Tages um ein Prozent, gewinnt der Short-ETF ein Prozent hinzu. Doch solche Wertpapiere sind nur fortgeschrittenen Anlegern zu empfehlen, denn sie haben Tücken. Aufgrund einiger Unschärfen in der Berechnung wird immer nur die Wertentwicklung eines Tages exakt dargestellt. Bleibt man dagegen länger investiert, wird man nie genauso viel hinzugewinnen wie der S&P 500 verliert, sondern immer etwas weniger – was auf Dauer nicht wirklich zufriedenstellend ist. Richtig gut verdienen kann man mit den Papieren also nur bei einem Kurssturz der amerikanischen Börsen innerhalb kürzester Zeit.

          Es mag sich im ersten Moment etwas merkwürdig anfühlen, dann zu gewinnen, wenn alle anderen verlieren. George Soros aber hat das nie gekümmert. Schon bei seinem legendären Triumph 1992 sagte er nüchtern: „Ich habe nicht gegen das Pfund gewettet, um England zu helfen. Ich habe es auch nicht getan, um England zu schaden. Ich habe es getan, um Geld zu verdienen.“ Das muss man nicht sympathisch finden. Aber es zahlt sich aus: Nach Schätzungen des Magazins „Forbes“ beträgt Soros’ Vermögen heute rund 25 Milliarden Dollar.

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