Wenn Gianluca Giardina an Rational denkt, gerät der junge italienische Fondsmanager in Diensten von Baring Asset Management ins Schwärmen. „Ich habe noch kein so phantastisches Unternehmen gesehen“, sagt er. Rational sei gut geführt und mit seinen Dampfgarküchen für Kochprofis fast ohne Konkurrenz und Weltmarktführer. Folgerichtig hat Giardina kurz nach der Übernahme der Verantwortung für den German Growth Trust von Baring zu Rational-Aktien gegriffen. Mit großen Erfolg: Als er den Titel erwarb, kostete er rund 50 Euro - derzeit wird er zu knapp 88 Euro gehandelt. Und trotz des starken Kursgewinns will er Rational treu bleiben, da er diesen Titel als Kerninvestment ansieht.
Zugegriffen hat der Fondsmanager zwei Monate später auch verstärkt bei Pfleiderer, einem Holzwerkstoff-Konzern, der die Ertragswende geschafft hat und schwer im wachstumsstarken Osteuropa tätig ist. Obwohl die Pfleiderer-Aktie wegen technisch bedingter Verkäufe an den vergangenen Tagen kräftig Federn lassen mußte und 29 Prozent unter ihrem im April markierten Fünfjahreshoch notiert, hat Giardina seit dem Kauf einen Kursgewinn von rund 70 Prozent verbucht.
Pfleiderer ist gleichsam die Top-Position in Baring German Growth Trust und zu 3,5 Prozent gegenüber dem Vergleichsindex übergewichtet. Auch die Aktien von Rational sowie dem ebenfalls im SDax notierenden Titel von Centrotec und Bijou Brigitte sind stärker vertreten als im entsprechenden Index. Unter den fünf am meisten übergewichteten Papieren findet sich als Dax-Wert nur Continental. Und das ist durchaus richtungsweisend. Denn Giardina, früher bei Fidelity als Analyst mit mittleren und kleineren Unternehmen befaßt, hat den von ihm betreuten Fonds umgesteuert. Als er ihn übernahm, fanden sich Metro, Continental und MAN ganz oben auf der „overweight“-Liste, gefolgt von den MDax-Werten Krones und Puma.
Benchmark ein Mix aus Dax, MDax und SDax
Gleichwohl ist mit Siemens ein träger Dax-Titel vor Pfleiderer der schwerste Wert im Fonds, auf den Plätzen drei bis sechs gefolgt von Eon, Deutsche Bank, BASF und Allianz; auch die Deutsche Telekom und SAP finden sich unter den Top Ten. Warum setzt Giardina nicht noch stärker auf Aktien aus dem MDax, SDax oder dem Prime Standard, in dem sich die glänzend gelaufene, aber von Analysten weitgehend mißachtete Bijou Brigitte findet? Dies erklärt der Fondsmanager mit der Benchmark, die zu 50 Prozent den Dax, zu 30 Prozent den MDax und zu 20 Prozent den SDax abdeckt.
Innerhalb dieser Spanne sieht Giardina aber genügend Spielraum, um Nebenwerte stark gewichten zu können, wie er am Donnerstag bei einer Präsentation seines Fonds sagte. Und gemessen an der Wertentwicklung scheint er bisher seine Sache gut zu machen: Von Jahresbeginn bis Ende März stieg der Kurs des Fonds um 6,7 Prozent, während der Vergleichsindex um 5,4 Prozent vorrückte. Seit August vergangenen Jahres hat der Baring German Growth Trust um rund 15 Prozent zugelegt.
Auch wenn Giardina kein Versprechen geben mag - „in unserer Branche gibt es keine Garantien“ -, ist er zuversichtlich, weitere eine gute Performance erwirtschaften zu können. Eben wegen der starken Gewichtung von Nebenwerten. Mittlere und kleinere Unternehmen werden dieses Jahr ihre Gewinne nach Analystenschätzungen im Durchschnitt um gut 20 Prozent steigern, große Konzerne lediglich um etwas mehr als zehn Prozent. Da Gewinnsteigerungen die wesentliche Grundlage für kletternde Aktienkurse seien und kleinere Werte weniger von der Großwetterlage an den Börsen abhingen als Dax-Werte, sollten sie sich im Schnitt auch besser entwickeln.
„Große Chancen für Stockpicker“
Da viele Nebenwerte zudem von Analysten kaum beachtet werden, ergeben sich große Chancen für das sogenannte Stockpicking, also die gezielte Aktienauswahl. Und mit Rational und Pfleiderer hat Giardina schon richtig gelegen. Kursphantasien ergäben sich auch aus möglichen Übernahmen, die zuletzt die Pfleiderer-Aktie befördert hatten; der Konzern will das Unternehmen Kunz übernehmen. Deutschlands Aktienmarkt biete gerade bei mittleren und kleineren Werten „eine Menge Edelsteine“.
Dessenungeachtet sieht Giardina einen interessanten Zeitpunkt zum Einstieg in den deutschen Aktienmarkt. Deutschland sei ein „schlafender Riese, der geweckt werden könnte“. Aufgrund der deutlichen Lohnzurückhaltung in den vergangenen Jahren habe Deutschland bei den Arbeitskosten gegenüber Frankreich, Italien, Schweden und Spanien zwischen 15 und 20 Prozent gutgemacht. Auch die Steigerung des Anteils am weltweiten Export von acht Prozent auf 9,4 Prozent innerhalb von fünf Jahren zeige, daß Deutschland wettbewerbsfähiger geworden sei. Die erfolgten und die angekündigten Steuererleichterungen für Unternehmen setzten diese in die Lage, mehr Geld zu investieren - auch in neue Arbeitsplätze. Schon in den vergangenen Monaten zeige der Trend bei Schaffung von Stellen deutlich nach oben.
Zudem verfügten die Menschen in Deutschland über ein Spar- und Anlagevermögen von rund 360 Milliarden Euro - also das Hundertfache dessen, was der deutsche Einzelhandel jährlich umsetze. „Geld ist in Deutschland also reichlich vorhanden.“ Dies könnte direkt und indirekt auch dem Aktienmarkt zugute kommen, wenn sich die Stimmung der Konsumenten bessere.