10.05.2006 · Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Deka-Bank, im Gespräch mit FAZ.NET über zwei verschiedene deutsche Wirtschaften und die Frage, warum alle Märkte gleichzeitig nach oben laufen können.
Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Deka-Bank, im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über zwei verschiedene deutsche Wirtschaften und die Frage, warum alle Märkte gleichzeitig nach oben laufen können.
Die Deka-Bank hatte zum Jahreswechsel eine der optimistischsten Prognosen für den deutschen Aktienmarkt abgegeben. Sie sah den Dax zum Jahresende bei 6.100 Punkten. Die sind erreicht. Passiert jetzt nichts mehr?
Selbst wir mit unserer optimistischen Prognose sind von der Marktgeschwindigkeit überrascht worden. Aber das günstige Marktumfeld für Aktien hat sich nicht verändert. Wir haben unsere Prognose deshalb angehoben und sehen jetzt 6.600 Punkte als realistisch an. Dieser Dax-Stand würde mit der erwarteten Gewinndynamik übereinstimmen.
Am Donnerstag wird die erste Schnellschätzung zum Bruttoinlandsprodukt veröffentlicht. Mit welchem Wachstum rechnen Sie?
Wir rechnen mit 0,5 Prozent zum Vorquartal. Einige Volkswirte sprechen schon von einer „Woche der Entscheidung“. Diese Zahl soll zeigen, welche Seite Recht bekommt: Die einen glauben, das Wachstum in Deutschland sei stabil und würde sich selbst tragen. Die anderen reden von einem politisch beeinflußten Konjunkturzyklus...
... der nach der Mehrwertsteuererhöhung 2007 schon wieder zu Ende ist.
Genau. Wir rechnen ebenfalls damit, daß die Mehrwertsteuer für Vorzieheffekte sorgen wird, die sich ab dem zweiten Quartal dieses Jahres zeigen werden. Das erste Quartal 2007 wird hart, hier rechnen wir mit einem Minus von zwei Prozent.
Die Konjunktur in Deutschland zieht also nicht an?
Wir sehen schon, daß die Unternehmen endlich wieder investieren. Aber wir glauben nicht, daß die deutsche Wirtschaft auf einen höheren Wachstumspfad wird einschwenken können. Zu einem guten Teil liegt das daran, daß der Aufschwung am Arbeitsmarkt vorbeigehen wird. Wir rechnen mit nur 200.000 zusätzlichen Arbeitsplätzen, das ändert an der allgemeinen Misere aber wenig.
Wie paßt das zusammen mit der Hausse am Aktienmarkt?
In Deutschland haben wir eigentlich zwei Wirtschaften. Das eine ist die Binnenwirtschaft. Das andere sind die international tätigen Unternehmen. Viele Dax-Konzerne, aber auch kleinere Unternehmen erwirtschaften mehr als die Hälfte ihrer Umsätze im Ausland. Und die Weltwirtschaft brummt wie seit 30 Jahren nicht mehr. Die Deutschen können den Güterbedarf der Globalisierung hervorragend bedienen, denken Sie nur an den Maschinen- und Anlagenbau. Das ist das, was an den Märkten gespielt wird und was den Dax so hochtreibt.
Trotzdem, manche Entwicklungen an den Finanzmärkten bereiten Sorgen. Alles läuft nach oben: Aktien, Öl, Gold, Industriemetalle. Und das, obwohl die Zinsen tendenziell steigen. Das paßt nicht zusammen.
Wir erleben wirklich eine besondere Zeit. Wir stehen am Morgen einer neuen Globalisierungsphase. Und diese entfaltet Kräfte, die nicht einmal der hohe Ölpreis zügeln kann. Wir haben die Liberalisierung in Osteuropa, China startet durch und Indien steigert sein Wachstum - ein zufälliges Zusammentreffen mehrerer Faktoren, die zusammen sehr mächtig sind.
Außerdem ist sehr viel Geld im Markt.
Klar, das sehen inzwischen auch die großen Notenbanken so. Nach der Krise 2000 und 2001 haben sie eine Geldpolitik betrieben, die so expansiv war wie seit 20 Jahren nicht. Das gab den Finanzmärkten einen zusätzlichen Push.
Der Schub ist noch nicht vorüber, das Geld ist nach wie vor billig.
Den Notenbanken gelingt es aber, die Zügel zu straffen, ohne das Wachstum völlig zu bremsen. Die Zentralbanken haben die Geldpolitik bisher gut kommuniziert. Die Finanzmärkte konnten sich auf höhere Zinsen einstellen.
Trotzdem haben sich an einigen Märkten Blasen gebildet. Welche sehen sie?
Beim Goldpreis scheint sich eine spekulative Blase zu bilden. Die Story ist zwar fundamental begründet, an den Märkten wird aber oft mehr daraus gemacht. Eine leichte Übertreibung gab es in den vergangenen Jahren auch an den Rentenmärkten. Die Renditen waren einfach zu niedrig, haben sich aber wieder gefangen.
Wie sieht es mit den Immobilienmärkten aus?
Das ist keine ausgewachsene Blase. Ich sehe höchstens partielle regionale Überbewertungen, zum Beispiel in London.
Und die Aktienmärkte?
Die Bewertung paßt noch mit den fundamentalen Gewinnaussichten zusammen, hier sehe ich keine Blase.
Einige Märkte in den Schwellenländern sind inzwischen aber sehr ambitioniert bewertet, Indien zum Beispiel.
Wir haben in der Vergangenheit gesehen, daß Aktienkurse in sich entwickelnden Volkswirtschaften über eine sehr, sehr lange Zeit steigen können. Es mag Phasen geben, in denen der Markt zu weit nach vorne läuft, dann kommt es zu einer Korrektur. Im langjährigen Trend aber steigen die Kurse.
Schwellenländer bergen zwar Chancen, aber auch erhebliche Risiken.
Das stimmt natürlich. Wer in Emerging Markets investiert, muß diese genau im Blick behalten. Ich rate dazu, nie ungeschützt viel Geld in einen Markt zu investieren. Nehmen Sie Rußland. Wenn der Ölpreis sinkt, muß man den russischen Markt sehr kritisch sehen. Außerhalb der Öl- und Gaseinnahmen traue ich der Wirtschaft Rußlands nur wenig zu.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |