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Interview „Pensionierungswelle und Reformen nutzen japanischen Aktien“

15.11.2005 ·  Den Vitruvius Japanese Equity Fund gestalten unabhängig voneinander arbeitende Berater, die unterschiedlich an Aktien herangehen. Dies hat den Fonds zu einem Spitzenprodukt gemacht. Und die Fondsgesellschaft ist für Japan weiter zuversichtlich, wie Chefstratege Nocera sagt.

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Japan ist unter Anlegern schwer in Mode. Vor allem seitdem Ministerpräsident Koizumi die Wahl gewonnen und Rückhalt für seine Reform- und Privatisierungspolitik bekommen hat, geht es aufwärts bei den maßgeblichen Aktienindizes. Der Leitindex Nikkei 225 hat am 4. November erstmals seit dem Mai 2001 die Marke von 14.000 Punkten überflügelt und hält sich oberhalb dieser psychologisch wichtigen Schwelle.

Die Investmentbank Goldman Sachs meint, Amerikaner beneideten den japanischen Aktienmarkt. Hedge Fonds-Manager Sid Klein, Präsident von Japan Asia Investment in Montreal, sieht den Nikkei in 18 Monaten bei 18.000 Zählern. Und auch deutsche Beobachter wie die DZ Bank geben sich zuversichtlich. Das Frankfurter Institut traut dem marktbreiten Topix-Index auf Jahressicht 1.720 Punkte zu; aktuell steht der Topix bei 1.489 Punkten.

Für deutsche Anleger, die von der Hausse in Japan profitieren wollen, ohne Einzelaktien kaufen zu müssen, stehen gut 130 Fonds zu Verfügung. In den vergangenen Jahren mit am erfolgreichsten ist der Vitruvius Japanese Equity Fund von Belgrave Capital Management gewesen, der auch in den vergangenen Monaten in der Spitzengruppe gelegen hat. Chef-Stratege Mattia Nocera erläutert im FAZ.NET-Interview den recht ungewöhnlichen Investmentprozeß, auf dem der Erfolg fußt. Auch erklärt er, warum er weiter steigende Kurse in Japan erwartet.

Ihr Fonds ist einer von nur zwei unter 134 Produkten, die in den vergangenen fünf Jahren schöne Gewinne erwirtschaftet haben. Zudem bewegt sich der Vitruvius Japanese Equity Fund durchgehend in der Spitzengruppe der Japan-Fonds. Worauf ist das zurückzuführen?

Vorweg: Unsere Europafonds haben noch besser abgeschnitten. Das ist auf unseren Investmentprozeß zurückzuführen, der Werte für die Anleger schafft. Aber Europa ist im allgemeinen in den vergangenen zwölf Monaten nicht mehr ganz so gut gelaufen. Und da sich der japanische Aktienmarkt in den jüngsten Monaten deutlich belebt hat, schauen viele Investoren dort hin. Davor haben sie sich viele Jahre nicht für Japan interessiert.

Sie offenbar schon, wie der Wertzuwachs Ihres Fonds seit dem Jahr 2000 zeigt. Wie sieht denn Ihr Investmentprozeß aus?

Wir nähern uns einem Markt an, indem wir nach talentierten Fonds-Beratern suchen und diese herauspicken, um sie dann unter dem Dach eines Portfolios zusammenzubringen. So machen wir es seit vielen Jahren. Das ist die Basis unseres Investmentprozesses. Für die Vitruvius-Fonds haben wir Leute gesucht, die auf der Grundlage ihres Talents schöne Erträge schaffen können. Wir glauben, daß manche Menschen in Sachen Geldanlage genauso Talent haben wie andere Leute in Musik oder bildender Kunst.

Sie fahnden also nicht selbst nach vielversprechenden Aktien, sondern überlassen dies Experten, die Sie für Fonds verpflichten?

So ist es. Für Japan haben wir drei Berater, die ihre Beiträge zum Portfolio leisten.

Arbeiten diese Berater seit längerem miteinander?

Tatsächlich reden sie kaum miteinander. Aber das macht nichts. Denn unser Konzept ist so zugeschnitten, daß sie unabhängig von den jeweils anderen arbeiten und ihren eigenen Ansatz verfolgen können. Der Kern-Manager Fukuo Shigeta kommt von der volkswirtschaftlichen Seite. Der zweite Mann, Hugh Sloane, sieht auch zuerst das große Ganze, bevor er sich Unternehmen zuwendet und Aktien aussucht. Der dritte im Bunde, Warwick Johnson wiederum, geht anders vor. Er analysiert Unternehmen und Branchen und stellt seine Ergebnisse dann in einen größeren Zusammenhang. Die Kombination aus diesen drei Vorgehensweisen mit entsprechenden Unter-Portfolios gewährleistet die solide Performance im Fonds. Seit Auflegung hat der Fonds in Yen ein Plus von 41 Prozent erzielt, während der Topix gut vier Prozent verloren hat. Wir haben die Erholungstendenzen in den einzelnen Sektoren gut erkannt und deshalb diese schöne Outperformance erreicht.

Was heißt das im einzelnen?

Wir haben zuerst einiges Gewicht auf Branchen wie die Autoindustrie gelegt, deren Exportgeschäft über Jahre hinweg stark geblieben ist. Und als sich abzeichnete, daß der Staat in dem von faulen Krediten gebeutelten Bankensektor aufräumen werde, ist das Portfolio entsprechend umgebaut worden. Und Finanztitel haben sich in den vergangenen 18 Monaten sehr gut entwickelt. Derzeit ist der Fonds verstärkt auf Erholungstendenzen in Japan selbst ausgerichtet. Wir haben sowohl Einzelhandels- aus auch Immobilien- und Bauwerte hinzugenommen. Gut 25 Prozent des Portfolios verteilen sich jeweils auf zyklische Konsumtitel und Industrieaktien.

Wer entscheidet, welche Aktien gekauft werden?

Welche Namen ins Portfolio übernommen werden, ist zunächst einmal Sache der Berater.

Kommen sich die drei Berater mit ihren unterschiedlichen Sichtweisen niemals in die Quere, wenn sie sich nicht abstimmen?

Kaum, wir haben 130 Aktien im Portfolio. Etwaige Überlappungen betreffen höchstens zehn Titel. Und die Unter-Portfolios werden wie erwähnt unabhängig voneinander geführt - das macht ja gerade unseren Erfolg aus. Dieses Gefüge sollte man nicht stören.

Viele Investmentbanken und Fondsmanager rechnen mit einer fortgesetzten Aufwärtsbewegung auf dem japanischen Aktienmarkt bis weit ins nächste Jahr hinein. Sie ebenfalls?

Ja. Wir rechnen mit einer fortlaufenden Erholung. Denn das makroökonomische Umfeld stimmt zuversichtlich. Koizumis Reformpolitik schreitet voran und wird von vielen Japanern unterstützt. Dies tut der Stimmung der Verbraucher ebenso gut wie ein Anstieg der lange Zeit auf Talfahrt befindlichen Immobilienpreise. Die Arbeitslosenrate ist auf 4,2 Prozent gesunken, dürfte weiter zurückgehen und das niedrige Niveau aus dem Jahr 1998 erreichen. Dabei werden Teilzeitstellen vermehrt durch Vollzeitarbeitsplätze abgelöst, was den Beschäftigten mehr Sicherheit gibt. Ich war vor 14 Tagen in Tokio. Die Restaurants waren voller als noch im vergangenen Jahr und ist Stimmung besser.

Folglich gibt es mehr Stabilität als noch vor wenigen Jahren!?

Richtig. Auch sieht es so aus, als ob die lange Phase der Deflation endlich zu Ende geht. Nun erwarten die Leute die Privatisierung der Post und Reformen im Renten- und im Gesundheitswesen. Nicht zuletzt sehen wir einen positiven Trend für den Konsum in Japan. Und zwar wegen der demographischen Entwicklung: Denn die frühen geburtenstarken Jahrgänge, die in den sechziger Jahren ins Berufleben eingetreten sind, werden bald in Rente gehen. Deren Stellen werden durch junge Kräfte ersetzt. Diese wiederum sind noch nicht so gut ausgestattet wie die Älteren und deshalb Geld für Autos, Möbel oder auch Immobilien ausgeben. Und dieser Effekt wird größer sein als der des etwas verstärkten Konsums, der sich einstellen dürfte, wenn die neuen Rentner und Pensionäre, das Geld ausgeben werden, das sie im Zuge des Übertritts in den Ruhestand erhalten.

Wird diese verstärkte Nachfrage auch zu Inflation führen?

Das ist möglich. Es sieht schon so aus, daß die Deflation zu einem Ende kommt. Dessenungeachtet tendiert die junge Generation dazu, mehr Geld auszugeben als die ältere. Hinzu kommen hohe Energiepreise. Alles zusammen sollte zu einem Preisauftrieb nach Jahren sinkender Preise führen. Die Rotation auf dem Arbeitsmarkt hat übrigens noch einen positiven Effekt - und zwar für die Unternehmen. Die einzustellenden jungen Menschen sind nicht nur vielfach produktiver, sondern vor allem auch günstiger, weil ihre Löhne und Gehälter nicht so hoch sind. Dies wiederum ist günstig für die Gewinnspannen der Firmen und gerade angesichts steigender Rohstoffpreise wichtig. Gerade mit Blick auf die Bewertung von Aktiengesellschaften heißt das: Unternehmen dürften ihre Profitabilität weiter verbessern. Dadurch sinkt das Kurs-Gewinn-Verhältnis tendenziell.

Ist der japanische Aktienmarkt nach der jüngsten Rally noch günstig?

Zumindest ist der Nikkei mit 14.000 Punkten nicht besonders teuer. Das durchschnittliche Kurs-Gewinn-Verhältnis im Nikkei liegt unter 20 - historisch gesehen aber darüber. Wenn die Unternehmen die Erwartungen erfüllen und die Ertragskraft weiter steigern, gibt es noch Aufwärtspotential. Viele Strategen sehen den Nikkei im März 2006 zwischen 15.000 und sogar 18.000 Punkten. 15.000 Punkte im März halte ich für vernünftig. Auf Jahressicht sind 18.000 Zähler möglich, wenn der positive Trend bei den Unternehmensmeldungen und der Volkswirtschaft anhält. Dabei darf man nicht übersehen, daß viele japanische Firmen stark vom Aufschwung in China profitieren.

Die Fragen stellte Thorsten Winter

Quelle: @thwi
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