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Interview "Osteuropas Bankaktien sind die großen Gewinner"

22.10.2002 ·  Osteuropa-Aktien, und besonders die Banktitel, werden mittelfristig die West-Börsen abhängen, so die Botschaft von Griffin-Fondsmanager Kirsch.

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Mit Kursgewinnen haben die osteuropäischen Finanzmärkte auf die Zustimmung der Iren zum Vertrag von Nizza reagiert. Optimisten setzen darauf, dass der Konvergenzprozess nun richtig in Gang kommt und dies die osteuropäischen Börsen als Anlagealternative interessant macht. Um diese These zu hinterfragen sprach FAZ.NET mit dem in London ansässigen Jürgen Kirsch. Er gilt als einer der besten Kenner der osteuropäischen Finanzmärkte. Mit einem jährlichen Plus von fast 36 Prozent seit Auflegung im Herbst 1998 ist sein Griffin Eastern European Fund regelmäßig in der Spitzengruppe der Osteuropa-Fonds zu finden.

Herr Kirsch, das irische Ja ebnet den Weg für eine EU-Osterweiterung. Bedeutet dies nun grünes Licht für einen Einstieg an den dortigen Aktienmärkten?

Von den Kursgewinnen am Montag bin ich schon etwas überrascht, da ich angenommen hatte, dass ein Ja bereits in den Kursen steckt. Allgemein und längerfristig betrachtet ändert sich unsere Einschätzung der Lage aber kaum. Wie es die Aktienmärkte in Osteuropa bereits zuletzt vorgemacht haben, rechnen wir mit einer anhaltend besseren Wertentwicklung als an den westeuropäischen Börsen. Für positive Kursimpulse spricht insbesondere der zu erwartende positive Nachrichtenfluss im Zuge der vorbereitenden Maßnahmen zur EU-Erweiterung.

Wird es dabei Ihrer Ansicht nach zu einem schnellen Kurssprung oder zu einem kontinuierlichen Prozess kommen?

Wir gehen von einem langanhaltenden und kontinuierlichen Prozess aus. In anderen Konvergenzfällen ging die Kursrally erst im Zuge der näherrückenden Euro-Einführung richtig los. Damit ist bei den Kandidaten der jetzt anstehenden ersten Beitrittsrunde frühestens ab 2006/2007 zu rechnen. Erfahrungsgemäß ist dann ab 2004 mit einer richtigen Rally zu rechnen. Der Effekt konnte dieses Mal sogar etwas früher einsetzen, dafür aber etwas weniger spektakulär als etwa im Falle Griechenlands ausfallen, da natürlich auch andere Marktteilnehmer die früheren Vorgänge kennen und sich entsprechend positionieren werden.

Sie sprechen stets nur von einer im Vergleich mit den westeuropäischen Börsen vergleichsweisen guten Entwicklung. Winken denn auch unter dem Strick Kursgewinne?

Das ist derzeit extrem schwierig vorherzusagen. Denn im Grunde rechnen wir allgemein an den Börsen wegen der schwierigen konjunkturellen Lage noch einmal mit einem Rückschritt. Den jetzt laufenden Kursaufschwung stufen wir jedenfalls nur als Bärenmarktrally ein. Für derartige Prognosen sind wir aber nicht die richtigen Spezialisten. In dem Markt, in dem wir uns auskennen, also in Osteuropa, sehe ich aber speziell in den kommenden Monaten eine gute Chance auf absolut gesehen positive Renditen.

In welchen Bereichen versprechen Sie sich dabei die besten Chancen?

In Osteuropa kommt es bei der Auswahl ganz besonders auf eine genaue Analyse der einzelnen Unternehmen an und weniger auf eine Sektor- und Länderbetrachtung. Von dieser Grundeinschätzung einmal abgesehen sehen wir in Osteuropa und in Russland die besten Kurschancen auf Branchenebene bei den Banken. Denn es sind im Konvergenzprozess traditionell die Banken, die sich mit Abstand am besten entwickeln. Fundamental lässt sich dies über den positiven Effekt erklären, den die fallenden Zinsen auf die Kreditnachfrage haben.

Folglich dürften auch Ihre Topempfehlungen aus dem Bankensektor kommen, oder?

Richtig, am besten gefallen mir derzeit drei Bankwerte. Und zwar handelt es sich dabei um die estnische Hansabank, die russische Sperbank und die tschechische Komercni Banka.

Droht dieser Sektor nicht auch in den Strudel der schwachen Kursentwicklung der westeuropäischen Finanzaktien zu geraten?

Ein engeres Wechselspiel bei der Kursentwicklung ist erst dann zu erwarten, wenn die osteuropäischen Titel in die großen Indizes einbezogen werden. Dies wird aber erst ab 2007 der Fall sein. Derzeit ist die Ausgangslage einfach zu unterschiedlich, als dass man die einzelnen Werte über einen Kamm scheren könnte. Während sich die osteuropäischen Banken in einem günstigen Geschäftsumfeld bewegen, gibt es, wie etwa im Falle der Commerzbank, gute Gründe für die gefallenen Aktienkurse der westeuropäischen Branchenvertreter.

An Osteuropas Börsen finden sich einige kleinere, aber trotzdem sehr solide geführte Unternehmen, die zudem eine hohe Dividende abwerfen. Diese Titel sind für Sie keine Alternative?

Das mit den hohen Dividendenrenditen ist schon richtig. Das kann manchmal bis zu zehn Prozent gehen. Aber viele dieser Werte sind für institutionelle Anleger wie wir es sind viel zu klein und illiquide. Im Grunde genommen hat sich in den vergangenen Jahren durch Übernahmen und Delistings die Anzahl der für einen Kauf überhaupt in Frage kommenden Titel dramatisch verengt. Das Universum umfasst in Russland gerade einmal 20 Titel, in Polen zehn, in Ungarn fünf und in Tschechien vielleicht gerade einmal noch drei oder vier.

Warum sollten Anleger bei einer Wette auf einen Konvergenzprozess auf Aktien- und nicht auf Rentenfonds setzen?

An den bereits gut gelaufenen Rentenmärkten ist durch die gefallenen Renditen die Luft teilweise schon relativ dünn. An den Aktienmärkten findet sich dagegen verglichen mit den Niveaus im Westen noch ein relativ großer Bewertungsabschlag. Für die zentraleuropäischen Börsen würde ich diesen Abschlag auf 30 bis 40 Prozent beziffern. Diese Lücke wird im Konvergenzprozess normalerweise geschlossen, manchmal kommt es sogar zu einem Überschießen. Dieser Umstand bringt mich dazu, für die osteuropäischen Börsen in den kommenden Jahren eine Outperformance zu erwarten.

Wie sollten sich Anleger verhalten, falls der Erweiterungsprozess kurz vor der Ziellinie doch noch entgleist?

In der Tat gibt es noch einige Risiken. Im Falle von Rückschlägen dürfte es sowohl bei den Aktien als auch bei den Renten und den Währungen kurzfristig zu Verlusten kommen. Diese dürften nach Bekanntwerden des Ereignisses aber so schnell eintreten, dass vermutlich keine Zeit bleibt, Positionen zu verkaufen. Das ist aber deshalb nicht weiter schlimm, weil ich auch dann keinen langfristigen Schaden befürchte. Die EU-Kommission wird sich dann eben um neue Lösungen bemühen, um den Erweiterungszug schnell wieder in die Spur zu bringen.

Das Gespräch führte Jürgen Büttner

Quelle: @JüB
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