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Interview mit Robert Shiller : „Eine spekulative Blase ist eine Art soziale Epidemie“

  • Aktualisiert am

Shiller: „Menschen haben eine Spielermentalität” Bild: AP

Robert Shiller, Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Yale University, im F.A.Z.-Interview über die Psychologie spekulativer Blasen an den Finanzmärkten und was das alles mit einer Diät zu tun hat.

          Robert Shiller ist Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Yale University. Sein Buch „Irrational Exuberance“ (Irrationaler Überschwang), in dem Shiller die Psychologie spekulativer Blasen untersuchte und vor den Übertreibungen an der Börse warnte, erschien pünktlich zu den Kurseinbrüchen an der Börse im Jahr 2000.

          Herr Shiller, haben wir den irrationalen Überschwang aus dem Jahr 2000 hinter uns gelassen?

          Nur aufgrund der Tatsache, daß die Aktienkurse wieder zurückgekommen sind, würde ich noch nicht eine Entwarnung geben. Die wenigsten Menschen erinnern sich daran, daß nach dem Börsenkrach von 1929 ein Zwischenhoch kam - danach sind die Kurse wieder eingebrochen. Und nach dem Ende der Spekulationsblase der neunziger Jahre sind die Kurse nicht so drastisch eingebrochen wie 1929. Aber dennoch: Zumindest was die Wahrnehmung angeht, sind Aktien derzeit nicht das heißeste aller Investments - die Musik spielt derzeit eher an den Immobilienmärkten.

          Zu Recht?

          Die Wahrnehmung der Anleger hat sich geändert: Immobilien werden nicht mehr als eine Geldanlage, sondern als spekulatives Investment angesehen - das kann auf Dauer nicht gutgehen.

          Viele Stimmen bestreiten, daß es an den Immobilienmärkten eine Blase gibt, das seien allenfalls regionale Überhitzungserscheinungen.

          Der Charakter spekulativer Blasen hat sich geändert: Dank der Globalisierung werden sie rasch bis in alle Winkel der Welt getragen. Das gilt nicht nur für die Aktienmärkte, sondern auch für die Immobilienmärkte: Die Immobilienpreise steigen mittlerweile in allen Regionen Amerikas, als ob die steigenden Preise in der einen Region die anderen Regionen infizieren würden. Eine spekulative Blase ist eine Art soziale Epidemie, die ansteckend ist.

          Gewarnt wird schon lange vor der amerikanischen Häuserpreisblase, doch passiert ist bisher nichts.

          Doch: Die Blase ist noch größer geworden. Diejenigen, die vor spekulativen Übertreibungen warnen, haben oft das Pech, daß sie einfach zu früh warnen. Bis sie recht behalten, hat der Markt sie hinweggefegt. Das passiert fast immer: Menschen unterschätzen die Wucht einer spekulativen Blase.

          Zumindest das könnte man doch aus den Ereignissen um die Jahrtausendwende gelernt haben, oder?

          In einem Zeitungsbericht über die kalifornische Immobilienpreisblase 1888 konnten Sie folgenden Satz lesen: „Wir werden nie wieder eine solche Spekulationsblase sehen.“ Kommt Ihnen das nicht bekannt vor?

          Das heißt, Menschen sind unfähig zu lernen?

          Menschen haben eine Spielermentalität: Irgend etwas motiviert uns immer wieder, Risiken einzugehen - entweder indem wir spielen oder Unternehmer werden. Oder an die Börse gehen.

          Wir engagieren uns an der Börse, weil wir eine Spielernatur haben?

          Das ist eine komplizierte psychologische Sache, die sich am anschaulichsten anhand einer Lotterie erklären läßt: Wenn Sie ein Los kaufen, dann schreiben Sie den Kaufpreis mental ab. Was dann übrigbleibt, ist nur noch die Vorfreude auf den Gewinn, und die ist es, die sie das Los kaufen läßt. Den Preis des Loses blenden Sie einfach aus.

          Bei einem Los weiß ich, daß der Einsatz weg ist - und kann ihn dann auch mental abschreiben. Bei einer Aktie geht man oft davon aus, daß man zumindest den Einsatz - also den Kaufpreis für die Aktie - zurückerhält.

          Das ist richtig. Es hängt also viel davon ab, wie das mentale Umfeld, das sogenannte „framing“, gestaltet ist. Heutzutage können Sie mit einer Aktie nicht mehr als Ihren Einsatz verlieren, es entstehen Ihnen keine Nachschußpflichten. Das scheint für die Anlegerpsyche sehr wichtig zu sein. Und in der Tat gibt es Hinweise darauf, daß Aktien erst dann erfolgreich wurden, als das Verlustrisiko auf den Wert der Aktie begrenzt wurde und es keine Nachschußpflichten gab, wie man es früher kannte. Damit bleibt es im Prinzip bei der Losmechanik: Der Einsatz wird mental auf einem Konto verbucht und kann auch abgeschrieben werden, die Vorfreude auf die möglichen Gewinne stehen auf einem anderen Konto und verlocken zum Aktienkauf.

          Und kein Anleger kann widerstehen?

          Das ist schwer. Menschen leben von und mit Emotionen, und bei der Entscheidung, an die Börse zu gehen, spielt auch Neid offenbar eine wichtige Rolle: Sie sind neidisch auf die schönen Gewinne ihres Nachbarn. Und machen es ihm nach.

          Und die Warnungen?

          Die werden von ihrer Psyche oft ausgeblendet, Informationen werden entweder ignoriert oder aber sogar im Sinne der eigenen Entscheidungen positiv umgedeutet. Oder man verfällt einem Wunschdenken. Und auch diejenigen, die vor der Blase warnen, tun sich schwer: Sie stellen sich gegen ihre Mitmenschen, wetten sozusagen auf eine andere Mannschaft - das fällt uns nicht leid.

          Aber im Grunde genommen muß man doch einfach nur „nein“ zur Börse sagen, wenn man an eine spekulative Blase glaubt.

          Das hört sich einfach an - und ist genau so schwer wie eine Diät. Jüngste Forschungsergebnisse der Neurologie zeigen, daß Empathie bei menschlichen Entscheidungen eine ganz wichtige Rolle spielt: Wenn wir jemanden beobachten, wie er handelt, dann werden in unserem Gehirn die gleichen Hirnregionen stimuliert wie bei demjenigen, der handelt. Das baut Handlungsdruck auf, der nur dadurch beseitigt werden kann, indem man handelt.

          Wir müssen also einfach in unser Verderben laufen?

          Stellen Sie sich vor, Sie gehen ins Kasino: Wie lange halten Sie es aus, anderen Menschen beim Spielen zuzusehen, ohne daß Sie selbst ein paar Jetons riskieren?

          Das Gespräch führte Hanno Beck.

          Quelle: F.A.Z., 29.03.2006, Nr. 75 / Seite 25

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