09.11.2004 · Australien wächst nach wie vor vergleichsweise stark. Macquarie-Chefökonom Richard Gibbs rechnet zwar mit einer etwas leichteren, dafür nachhaltigeren Entwicklung. Er blickt positiv auf Finanz- und Rohstoffwerte und die Währung.
Wer genervt ist über die verhaltene Kursentwicklung an den europäischen oder amerikanischen Börsen, sollte vielleicht einmal einen Blick über den Tellerrand hinaus werfen. Beispielsweise auf die Börsen in Ägypten, Kolumbien, Ungarn, Peru, der tschechischen Republik, Österreich - oder auch nach Australien.
Diese Märkte können im laufenden Jahr mit zum Teil beeindruckenden Kursgewinnen aufwarten. Und zumindest in Australien könnte der Aufschwung weitergehen, so Richard Gibbs, Chefökonom der Macquarie Bank, im folgenden FAZ.NET-Interview. Er zeigte sich schon im vergangenen Jahr recht optimistisch und lag damit völlig richtig. Immerhin hat der Australian All Ordinaries Index in der Zwischenzeit um 30 Prozent zugelegt.
Sie befinden sich gerade in Shanghai. Wie schätzen Sie die wirtschaftliche Lage in China generell ein?
Der Markt hier läuft heiß, der jüngste Wirtschaftszyklus ist weiterhin im Gang. Ich rechne damit, daß er sich abschwächen wird. Aber die chinesische Konjunktur wird sicherlich nicht gegen die Wand laufen. Ich werte die jüngste Zinserhöhung positiv, China verbreitert damit die verfügbaren finanzpolitischen Instrumente und den Finanzmarkt generell.
Sie befinden sich sicherlich in China, da die Entwicklung dort für Australien ungemein wichtig ist?
Das ist richtig, es gibt eine unmittelbare Verbindung zwischen der Wirtschaftsentwicklung in China und Australien. Ein Besuch in Europa vor wenigen Tagen zeigte mir auch, daß viele Anleger das erkannt haben und ein Investment in Australien als eine Möglichkeit betrachten, indirekt in China zu investieren.
Bezieht sich das vor allem auf den Rohstoffreichtum Australiens?
Die Nachfrage Chinas nach Rohstoffen und Energie spielt sicherlich eine große Rolle, allerdings spielt für Australien auch immer mehr der Export von Dienstleistungen eine Rolle. Sei es im Erziehungs- oder dem Gesundheitswesen, im juristischen Bereich oder ähnlichen.
Das heißt, diese Art von Geschäften verbuchen ein starkes Wachstum im Australien?
Auf jeden Fall. In bestimmten Bereichen wird China in den kommenden drei Jahren der wichtigste Handelspartner Australiens werden und damit die Vereinigten Staaten überrunden. Diese Entwicklung dürfte sich noch vertiefen, wenn China und Australien ein Freihandelsabkommen abschließen sollten.
Damit könnte sich Australien zunehmend von der Entwicklung in Amerika abkoppeln?
Australien wird immer noch stark beeinflußt von der Konjunktur in den Vereinigten Staaten. Allerdings gleichzeitig auch immer stärker von China. In diesem Sinne wird das Land immer diversifizierter. Sollten China und Amerika unterschiedlich stark wachsen, dürfte das zunehmend auch für Australien gelten.
Wie sieht die wirtschaftlich Entwicklung in Australien generell aus?
Die Wirtschaft wächst weiterhin sehr robust. Hing das Wachstum lange Zeit vor allem am Hausbau, so hat sich die Entwicklung in der Zwischenzeit „verbreitert“. Die Aktivitäten in der Baubranche haben sich etwas abgekühlt. Dafür investieren die Unternehmen mehr und auch der Konsum hat zugenommen. Insgesamt läßt das Wachstum leicht nach, dafür ist es ausgeglichener und nachhaltiger.
Die australische Zentralbank hat früh begonnen, den Leitzins zu erhöhen. Nun scheint sie allerdings zu pausieren. Wie sehen Sie das?
Die Zentralbank hat sich gerade am Montag dazu geäußert und mehr oder weniger offen klar gemacht, daß es im Moment keinen zwingenden Grund für weitere Zinserhöhungen gebe. Ich stimme dem zu und rechne erst wieder im zweiten Quartal des kommenden Jahres mit neuen Diskussionen darüber. Denn das Wachstum läßt leicht nach, der Hausbau bereitet keine Sorgen mehr und auch die Preisentwicklung nicht.
Wie sieht es aus mit den Löhnen?
Vor den jüngsten Wahlen gab es die Vermutung, die Regierung könnte wechseln und im nachhinein könnte es zu steigenden Löhnen kommen. Nachdem die konservative Regierung bestätigt worden ist scheinen die Gewerkschaften nun trotz des vergleichsweise angespannten Arbeitsmarktes vor allem daran interessiert zu sein, den Status quo zu wahren. Selbst bei der gewerkschaftlich gut organisierten Fluglinie Qantas kam es zu einem für unsere Verhältnisse moderaten Lohnabschluß von drei Prozent für die kommenden drei Jahre.
Was bedeutet das für die Börse?
Ich bin nach wie vor „bullish“ auf australische Aktien. Es gibt genügend Liquidität, die den Markt antreiben kann. Außerdem wird der Abschied der News Corporation von der australischen Börse dazu führen, daß das freiwerdende Kapital in die anderen Aktien strömen wird.
Auf welche Branchen würden Sie setzen?
Wenn wir die Nachfrage nach Rohstoffen und Energie blicken, dürften vor allem die Werte in diesem Bereich weiteres Kurspotential haben. Sie sind im historischen Vergleich und auch auf Basis der Nachfrage- Angebotssituation noch vernünftig bewertet. Ich gehe von steigenden Kurs-Gewinn-Verhältnissen aus.
Gleichzeitig sind die Zinsen für unsere Verhältnisse noch tief. Zusammen mit der anhaltenden wirtschaftlichen Aktivität macht das auch die Banken des Landes nach wie vor interessant. Das Wachstum im Hypothekengeschäft läßt zwar nach, wird aber kaum gegen die Wand laufen. Gleichzeitig profitieren die Unternehmen von der zunehmenden Investitionstätigkeit der Unternehmen und vom Konsum. Daneben dürfte auch das Gesundheitswesen interessant sein.
Würden Sie einzelne interessante Unternehmen nennen?
Dazu zählen sicherlich Westpac Banking, ANZ und die St. George Bank einerseits und Rio Tinto und Woodside Petroleum im Rohstoff- und Energiebereich. Bei mittleren und kleineren Werten halten wir Coates Hire, Corporate Express, Iress Market Technology, Invocare Limited, JB Hi-Fi und United Group Limited für interessante Werte.
Wie sieht es aus mit der Währung und den Zinsen?
Wir rechnen damit, daß sie gegen den Dollar weiter leicht zulegen wird. Vor allem deswegen, weil der amerikanische Dollar zur Schwäche neigen dürfte. Die Wirtschaft des Landes dürfte mit der starken Währung zurechtkommen. Am Rentenmarkt rechnen wir mit stabil bleibenden Renditen, denn Australien erzielt Budgetüberschüsse. Insgesamt dürfte die Entwicklung bei australischen Anleihen vor allem von der Entwicklung der amerikanischen Treasuries abhängen.
Das riesige Leistungsbilanzdefizit Australiens spielt keine Rolle?
Das Leistungsbilanzdefizit liegt tatsächlich bei etwa sechs Prozent des Sozialproduktes. Allerdings scheint es problemlos finanzierbar zu sein. Wir haben ein solches Niveau schon früher gesehen. Das Defizit dürfte vor allem verursacht worden sein durch die Exportseite. Einerseits hat der Handel mit landwirtschaftlichen Produkten unter der Trockenheit gelitten. Andererseits gab es Kapazitätsprobleme auf der Rohstoffseite. Beides dürfte sich normalisieren. Gleichzeitig gab es außerordentlich starke Importe von Investitionsgütern.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |