04.03.2006 · Steven Roach, Chefvolkswirt von Morgan Stanley, macht sich schon länger Sorgen über globale Ungleichgewichte und die möglichen Folgen. Nun werde die Lage kritischer, erläutert er im folgenden Interview und begründet seine Thesen.
Steven Roach, Chefvolkswirt von Morgan Stanley, macht sich schon länger Sorgen über globale Ungleichgewichte und die möglichen Folgen. Nun werde die Lage kritischer, da die Zentralbanken den Märkten Liquidität entzögen.
Amerika werde gleichzeitig protektionistischer und versuche seinen Geldgebern sogar vorzuschreiben, zu welchen Konditionen sie ihre Gelder anbieten sollten, sagt er im folgenden Interview.
„Bettler können nicht wählen“ titulieren Sie Ihren aktuellsten Wochenbericht zur makroökonomischen Lage der Welt. Was meinen Sie damit?
Die Vereinigten Staaten sind abhängiger von ausländischem Kapital als sie es jemals ihn ihrer gesamten Geschichte waren. Gleichzeitig wird der amerikanische Senat immer protektionistischer, indem er zu verhindern versucht, daß Kapitalgeber wie China oder die Vereinigten Arabischen Emiraten amerikanische Unternehmen übernehmen. Das macht mich sehr besorgt.
Was bedeutet das denn für die Wirtschaft und die Finanzmärkte?
Protektionismus ist negativ für die Wirtschaft und für die Finanzmärkte. Er bringt auch den Dollar ins Spiel. Sollte er deutlich abwerten, was er aufgrund des großen Leistungsbilanzdefizits Amerikas jederzeit könnte, könnten die ausländischen Kreditgeber eine höhere Risikoprämie für Währungsrisiken verlangen. Das würde die amerikanischen Zinsen im langfristigen Bereich nach oben treiben.
Sie wiederholen ihre Argumente schon eine gewisse Zeit und nichts ist bisher passiert. Haben Sie das Gefühl, wir näherten uns nun einem Punkt, an dem sich das ändern könnte?
Das ist schwer zu sagen. Ich mache mir schon seit mehr als drei Jahren Sorgen über die globalen Ungleichgewichte und seitdem sind sie immer größer geworden. Man kann auch nicht sagen, es wäre nichts passiert. Denn der Dollar hat signifikant abgewertet, bevor er sich im vergangenen Jahr etwas erholen konnte, so daß man nicht sagen kann, es wäre nichts geschehen.
Inzwischen gibt es klare Anzeichen für eine Trendwende im globalen Liquiditätszyklus. Angeführt ursprünglich von der amerikanischen Zentralbank, hat inzwischen auch die Europäische Zentralbank begonnen die Leitzinsen anzuheben und wie es im Moment aussieht, wird die japanische Notenbank bald anfange, ihre bisher lockere Geldpolitik zu normalisieren. Das könnte ein wichtiger Baustein dazu sein, den notwendigen makroökonomischen Anpassungsprozeß ins Rollen zu bringen.
Auf welchem Weg würde die veränderte Geldpolitik den Wechsel herbeiführen?
Nach meiner Meinung konnten viele Länder, insbesondere die Vereinigten Staaten, von der lockeren Geldpolitik profitieren. Die Konsumenten konnten eine schwache Einkommensentwicklung ausgleichen, indem sie Kapital aus den teurer werdenden Immobilien und anderen Vermögenswerten zogen. Ohne diesen Effekt hätten sie nicht so viel konsumieren können. Im Hinblick darauf ist die restriktivere Geldpolitik sehr wichtig.
In den vergangenen Monaten kam immer mehr der Eindruck auf, die „Dollarüberschußländer“ versuchten verstärkt, so genannte „Hard Assets“ zu kaufen, statt Treasuries. Was werden sie nun mit dem Geld anfangen und wie werden sie sich verhalten, wenn sie nun feststellen, sie können damit zum Beispiel keine amerikanischen Unternehmen kaufen?
Das ist der Knackpunkt der ganzen Geschichte. Denn wir Amerikaner signalisieren unseren Kapitalgebern auf diese Weise: „Kauft unsere Treasuries aber nicht unsere Unternehmen“. Das heißt, wir wollen nicht nur ihre überschüssigen Ersparnisse, sondern wir wollen ihnen auch noch vorschreiben, wie sie sie investieren sollen und daß sie gleichzeitig ihre Währungen aufwerten. Das erhöht doch die Wahrscheinlichkeit, daß sie ihre Gelder anderswo anlegen und/oder daß sie höhere Zinsen dafür wollen.
Wo könnten sie ihre Mittel denn sonst investieren, in Europa beispielsweise?
Ich denke, bezogen auf die Währung erwarte ich eher eine Bewegung im Dollar-Yen als im Euro-Dollar. Aber europäische Vermögenswerte dürften sicherlich auch von einer entsprechenden Entwicklung profitieren.
Was würden höhere Zinsen für die amerikanische Wirtschaft bedeuten?
Langsameres Wachstum, denn sobald man dem amerikanischen Konsumenten die bisherige „Zinssubvention“ entzieht wird er stolpern.
Der amerikanische Konsum war bisher entscheidend für die Weltwirtschaft. Was passiert, wenn er abnimmt?
Die amerikanischen Konsumenten waren lange Zeit der „Hauptmotor“ der Weltkonjunktur, indem sie die exportorientierten Ökonomien in Asien und anderswo stimulierten. Läuft er langsamer, ohne daß die nachlassende Nachfrage ausgeglichen werden kann, dürfte das negativ für den Rohstoffzyklus und die Weltwirtschaft werden.
Die gute Neuigkeit ist, daß sich in Europa und Japan eine gewisse Belebung zeigt. Sie kann einen Teil der nachlassenden Nachfrage aus Amerika ausgleichen.
Sind diese Entwicklung in Europa und Japan nachhaltig?
Ich denke sie ist nachhaltiger in Japan als in Europa. Selbst in Japan könnte die Dynamik gefährdet werden, wenn ein abnehmender Konsum in Amerika sich negativ auf China auswirken würde. Denn Japans größter Exportmarkt ist inzwischen China.
Was hat sich in Japan denn so deutlich verändert, daß nun alle so positiv sind?
Die Banken haben ihre Bilanzen aufgeräumt, die Zentralbank war geldpolitisch sehr großzügig und auch die Unternehmen haben kräftig restrukturiert oder sind dabei das zu tun. Gleichzeitig verdichtet sich bei den japanischen Arbeitnehmern der Eindruck, die Zeit der Entlassungen seien vorbei. Aus diesem Grund geben die Konsumenten zunehmend wieder mehr Geld aus. Und das ist eine gute Nachricht.
Halten Sie es für möglich, daß sich die asiatischen Staaten vom Einfluß der Weltökonomie abkoppeln können?
Nein, nicht bevor sich eine stärkere interne Konsumnachfrage entwickelt hat. Im Moment sind die asiatischen Staaten noch stark von der vom amerikanischen Konsum getriebenen Exportnachfrage abhängig.
"Beggars can't be choosers" Interview with Steven Roach
Fionn Huber (fionn)
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Gerhard Dünnhaupt (dunnhaupt)
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