16.05.2006 · Die großen Banken wissen, welche Währungen ihre Kunden kaufen und verkaufen - und können Kursänderungen vorhersagen. Doch für Privatanleger sind diese wichtigen Daten meist nicht zugänglich, wie der Ökonom Richard Lyons im Interview erklärt.
Von Sonja RystVor mehr als zehn Jahren, als Richard K. Lyons an der Columbia University arbeitete, lud ihn einer seiner Freunde, der Devisenhändler war, dazu ein, einen Tag mit ihm in den Handelsräumen bei Merrill Lynch in New York zu verbringen. Stundenlang saß Lyons neben seinem Freund, während dieser gleichzeitig mit Millionen von Dollar jonglierte. Einmal fragte sein Freund ihn: „Was meinst Du, soll ich bei diesem Geschäft long oder short gehen?“ Lyons, der einen Doktortitel in Wirtschaftswissenschaften vom Massachusetts Institute of Technology hält, hatte nicht die geringste Ahnung.
Die Frage ließ ihm keine Ruhe. Lyons begann, sich dem Thema intensiv zu widmen und schrieb am Ende ein Buch über seine Suche nach der Antwort auf die Frage seines Freundes und das Ergebnis, zu dem er gekommen war. Heute ist Lyons 45 Jahre alt und Professor für Finanzwesen und Wirtschaftswissenschaften an der Haas School of Business der University of Berkeley. Im März 2006 erschien sein Buch „The Microstructure Approach to Exchange Rates“. Darin spricht Lyons sich sehr deutlich dafür aus, die Handelsaktivitäten zur Erklärung zukünftiger Entwicklungen am Devisenmarkt heranzuziehen.
Warren Buffets Schnitzer
Bisher orientieren sich Devisentheoretiker im Gegensatz dazu hauptsächlich an grundlegenden Wirtschaftsindikatoren wie Zinssatz, Inflation oder Handelsbilanz. Ihre Prognosen der Devisenentwicklung basieren auf der Annahme, daß alle Anleger die gleichen Ziele haben und über die gleichen Informationen verfügen. Viele Strategen interessieren sich bei ihren Prognosen kein bißchen dafür, ob an einem Dienstag eine große Order von einem Hedge Fonds aufgegeben wurde. Statt dessen legen sie ihr Augenmerk auf Faktoren wie die wirtschaftliche Stärke des Landes, in dem die entsprechende Währung gilt.
Der Fall Warren Buffet belegt dies eindrucksvoll. Der hochgelobte Anleger und Chef von Berkshire Hathaway begann in den vergangenen Jahren mit warnendem Verweis auf die amerikanische Handelsbilanz damit, Milliarden gegen den Dollar zu investieren. Aber dann stieg der Dollar laut dem Dollar-Index des New York Board of Trade von 81 am 31. Dezember 2004 auf 90,96 ein Jahr später. Buffet ließ in seinem Vorstandsbrief 2005 verlauten, daß sich an seiner Meinung zum langfristigen Ungleichgewicht der amerikanischen Handelsbilanz nichts geändert habe, wobei seine Überzeugung Berkshire in diesem Jahr 955 Millionen Dollar vor Steuern kostete. Buffet wies in seinem Brief übrigens auch darauf hin, daß Berkshire seit Aufnahme der Devisengeschäfte mit zwei Milliarden Dollar in den schwarzen Zahlen sei.
„Die Großbanken haben einen gewissen Einblick“
Am Ende reduzierte Buffet 2005 seine direkten Devisenpositionen „ein wenig“ und investierte statt dessen in Fremdwährungs-Aktien. Nun ist der Dollar-Index am 4. Mai auf 85,47 gefallen, am 31. Januar stand er noch bei 88,81. (Warren Buffets Pressesprecher hatte bis Redaktionsschluß nicht auf eine Interviewanfrage von Business Week reagiert.)
Lyons ist der Ansicht, daß genügend Spekulanten im vergangenen Jahr darauf gesetzt haben, daß eine Erhöhung der Zinssätze den Dollarkurs in die Höhe treiben würde. „Man kann die Bedeutung dieses Zinseffekts aber nicht beurteilen, es sei denn, man orientiert sich an den Handelsaktivitäten der großen institutionellen Anleger“, sagt Lyons. „Sie und ich, die Privatanleger und Warren Buffet können so etwas nicht abschätzen. Aber die Großbanken haben einen gewissen Einblick.“ Die Händler bei den Banken erleben einige dieser Transaktionen bei der Abwicklung mit ihren Kunden.
Die Privatanleger sehen die amerikanische Konjunktur seit einigen Jahren mit Sorge und richten ihr Augenmerk deshalb zunehmend auf die Devisenmärkte. Sonja Ryst von Business Week Online hatte Gelegenheit, bei einem Interview mit Richard K. Lyons mehr darüber zu erfahren, wie die Anleger sich mit den Devisenmärkten auseinandersetzen sollten.
Wie sieht die traditionelle Methode zur Prognose des Wertes einer Währung aus?
Traditionell geht man von makroökonomischen Größen wie etwa dem Wirtschaftswachstum, der Inflationsrate, den Zinsen oder der Handelsbilanz aus. In den meisten Standardwerken werden diese Größen zur Erklärung der Wechselkurse herangezogen. Sie dienen als Basis, wenn es darum geht, den Wert einer Währung zu prognostizieren. Aber sie eignen sich dafür nicht besonders gut. Die entsprechenden Prognosen sind miserabel. Die Modelle aus den Lehrbüchern beziehen nicht wirklich mit ein, daß der Handel selbst einen wichtigen Einfluß auf den Wechselkurs hat.
Wie sieht es mit den längerfristigen Prognosen aus?
Größen wie Zinssätze oder Inflation können hilfreich sein, wenn es darum geht, zu erklären, was in zwei, drei oder fünf Jahren passieren wird. Aber sie eignen sich nicht für Prognosen und Erklärungen im Hinblick auf die Entwicklung im nächsten Monat.
Welche neue Strategie empfehlen Sie zur Währungsprognose?
Eine sehr wichtige Information, die der Markt hergibt, ist die Menge an Geld, die von Hedge Fonds, Unternehmen jenseits des Finanzsektors und Investmentfonds kommt. Ihre Aktivitäten sind von entscheidender Bedeutung, um die aktuelle Kursentwicklung zu verstehen und vielleicht zu erahnen, wie diese Entwicklung in Zukunft aussehen könnte. Aber diese Informationen sind nicht öffentlich zugänglich.
Wenn diese Informationen über den Devisenhandel nicht so einfach verfügbar sind, wie kommt man dann trotzdem an die entscheidenden Daten?
Das Witzige ist, daß der elektronische Handel ein wahres Datenarchiv aufbaut, das man analysieren kann. Vor 15 oder 20 Jahren, als der Handel noch über das Telefon abgewickelt wurde, hatten wir keine Ahnung, was ablief. Heute können wir sehen, wer mit wem ein Geschäft getätigt hat und ob es einen Einfluß auf den Markt gehabt hat. Die Banken haben Einblick in diese Transaktionen, weil ihre Kunden sie über sie abwickeln. Wenn man diese Informationen am Ende eines Tages im Zusammenhang betrachtet, kann man daraus ableiten, wohin der Markt sich bewegen könnte.
Wieviel wissen die Banken tatsächlich? Tappen sie mit ihren Prognosen nicht auch nur im Dunkeln?
Jeder hat irgendwelche Informationen über die Handelsaktivitäten und macht das beste daraus. Die Informationen werden wertvoll, wenn man zu den Großen im Markt gehört, wie etwa UBS, Citibank oder JP Morgan Chase. Auch sie haben nur einen Einblick auf zehn oder 15 Prozent des Geschehens auf dem Devisenmarkt. Aber zehn oder 15 Prozent von etwas zu wissen, das niemand sonst weiß, ist doch sehr nützlich, oder nicht?
Warum hat die breite Öffentlichkeit keinen Zugang zu diesen Informationen?
Auf dem Aktienmarkt sind solche Informationen öffentlich zugänglich, weil es Vorschriften gibt, die verlangen, daß bei jeder Transaktion Kurs und Stückzahl angegeben werden müssen. Auf dem Devisenmarkt gibt es in keinem Land eine ähnliche Vorschrift. Wenn es in Amerika eine Vorschrift gäbe, die verlangt, daß die Informationen über jede Transaktion in New York festgehalten werden müssen, könnte jeder Marktteilnehmer diese Vorschrift umgehen, indem er sein Geschäft ganz einfach in Toronto, Mexiko, London oder anderswo tätigt. Der Handel würde sich dorthin verlagern, wo es keine Restriktionen gibt. Also ist kein Land gewillt, vom Markt etwas zu verlangen, was er nicht zu geben bereit ist.
Was raten Sie den Privatanlegern?
Ein Portfolio ist sicherer, wenn man einen Teil davon international orientiert, da sich dann das Risiko besser kontrollieren und weltweit streuen läßt. Wenn man aber Geld auf Basis von Prognosen der zukünftigen Marktentwicklung verdienen will, sollte man im Augenblick nicht in Amerika investieren und die Anlage langfristig auslegen - etwa auf zwei oder drei Jahre. Es ist vernünftig, die voraussichtlich längerfristige Schwäche des Dollar für sich zu nutzen.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |