26.01.2009 · Jens Wilhelm, Vorstand von Union Investment, über das neue Tempo an den Börsen, attraktive Anleihen und das Comeback der Rohstoffe.
Jens Wilhelm ist Herr über rund 160 Milliarden Euro. So viel verwaltet Union Investment, die Fondsgesellschaft der Volks- und Raiffeisenbanken, die Nummer drei in Deutschland. Wilhelm ist der oberste Anlageexperte des Unternehmens. Seit 2002 arbeitet er bei Union Investment, davor wirkte er im Fondsmanagement der Dresdner Bank, wo er als Geschäftsführer ein in Aktien verwaltetes Vermögen von 40 Milliarden Euro verantwortete.
Herr Wilhelm, in spätestens zwei Jahren ist die Krise hoffentlich vorbei. Geht dann die Börsenparty von 2006 und 2007 nicht einfach weiter?
Nein. Die Turbulenzen im vergangenen Herbst bedeuten einen historischen Einschnitt, der die Geldanlage komplett verändern wird. Die Finanzwelt wird dauerhaft eine andere sein.
Wie wird sich die Geldanlage für die nächsten zehn Jahre ändern?
Es wird schwerer werden, hohe Renditen zu erreichen. Mit Aktien werden Sie zum Beispiel im Durchschnitt ein Viertel weniger Gewinn erzielen können: Nur noch sechs bis acht Prozent im Jahr statt bisher acht bis zehn.
Warum so ein Rückgang?
Die Weltwirtschaft wird in den nächsten zehn Jahren nur noch um rund drei statt bisher vier Prozent wachsen, denn Kredite bleiben knapp. Die sind aber das Schmiermittel, ohne das die Unternehmen nicht wachsen können und ohne das Finanzinvestoren riskante, im besten Fall aber hochprofitable Geschäfte nicht mehr so umfangreich eingehen werden. Und ohne Kreditwachstum müssen auch die Amerikaner ihren Konsum drosseln, der für die Wirtschaft der Vereinigten Staaten so wichtig ist.
Die geringere Kreditvergabe der Banken ist doch Folge der aktuellen Krise. Wenn sich die Lage beruhigt, werden die Banken wieder Kredite wie früher vergeben.
Nein, sicher nicht. Eine Folge der Krise wird sein, dass die Aufsichtsbehörden ihre Regulierung in einer Weise verschärfen, dass so exzessiv wie bisher Kredite zu Niedrigzinsen nicht mehr vergeben werden können. Das liegt daran, dass Kredite künftig mit mehr Eigenkapital unterlegt werden müssen. Das bleibt aber knapp.
Ist die bremsende Wirkung des Staates nicht gut für Anleger, es müsste doch künftig weniger Übertreibungen mit anschließenden Kurscrashs geben?
Das stimmt zum Teil. Kursverluste wie im vergangenen Jahr werden wir so schnell nicht wieder sehen, die Auf- und Abschwünge an den Börsen werden kleiner ausfallen. Aber sie werden häufiger kommen. Lang andauernde Haussephasen von fünf und mehr Jahren werden viel seltener, weil Konjunkturzyklen durch niedrige Zinsen und mehr Kredite nicht mehr so einfach verlängert werden können.
Das heißt, der Anleger muss schnell umschalten können: gerade erst Aufschwung, schon ist er zu Ende. Häufigeres Umschichten zwischen Aktien und Anleihen sind die Folge. Das eh schon schwere Timing und eine ausgewogene Vermögensstruktur werden noch wichtiger.
Gibt es denn auch Trends, die die Finanzkrise nicht zerstört hat?
Drei große Themen bleiben auf jeden Fall. Zum einen wird uns der Klimawandel weiter beschäftigen.
Naturkatastrophen und ihre Folgen sind eine Gefahr für unser Wirtschaftswachstum. Zum anderen die Demographie. In den Industrieländern schrumpft die Bevölkerung, in den Schwellenländern wächst sie. Dort sind die Märkte der Zukunft mit einer heranwachsenden Mittelschicht, die konsumieren will. Diese Länder, vor allem China und Indien, werden an Macht gewinnen, Amerika wird nicht mehr die alleinige Vormachtstellung haben.
Und der dritte Trend?
Bald wird wieder über die Knappheit an Rohstoffen, unter anderem beim Öl, diskutiert werden. Die ist derzeit nur kurzzeitig wegen der Wirtschaftslage ausgeblendet. Doch die früheren Engpässe verschärfen sich noch. Da die Preise aktuell teilweise unter die Förderkosten gefallen sind, wird derzeit kaum nach neuen Rohstoffvorkommen gesucht. Das rächt sich in ein paar Jahren, denn der Bedarf gerade aus den Schwellenländern wird wieder steigen. Und damit auch die Rohstoffpreise. Das wird auch die Inflation anheizen.
Aber jetzt befürchten doch alle eher eine Deflation?
Zeichen für eine Deflation wird es dieses Jahr weltweit geben, auch in Amerika. Ich rechne dort mit Preisen, die um 0,5 Prozent sinken. In Europa werden sie stagnieren. Langfristig reden wir allerdings über Inflation, die spätestens 2011 wieder sichtbar wird. Wir müssen uns auf dauerhaft höhere Inflationsraten von drei bis vier Prozent einstellen. Bisher lagen sie bei durchschnittlich zwei Prozent.
Der Preisanstieg liegt aber nicht nur an den Rohstoffen?
Nein. Die Produktivität steigt nicht mehr so rasch wie bisher. Das wirkte bisher kosten- und damit preisdämpfend. Zudem ist China immer weniger der Billigproduzent der Welt. Und schließlich treibt auch die steigende Staatsverschuldung in Folge der riesigen Konjunkturpakete die Inflation.
Was bedeuten diese Trends für die Geldanlage?
Aktuell können Anleger von den Übertreibungen in vielen Märkten profitieren. So sind in diesem Jahr Unternehmensanleihen sehr attraktiv, weil sie eine zu große Insolvenzgefahr in den Kursen einpreisen. In einzelnen Marktsegmenten wird jetzt schon eine höhere Konkurswahrscheinlichkeit angenommen als in der Depression der dreißiger Jahre, was übertrieben ist. Zudem gehen inflationsgeschützte Staatsanleihen von einer Preissteigerung in den nächsten Jahren von null aus. Wenn die Inflation aber absehbar wieder steigt, sind solche Anleihen interessant.
Und was ist für Anleger langfristig attraktiv?
Gerade wenn die Zinsen niedrig sind, bleibt die Aktienanlage wichtig, um langfristig eine ausreichende Rendite zu erzielen. Wegen der erwähnten demographischen Entwicklung sind dabei besonders die Aktienmärkte der Schwellenländer interessanter als die der Industriestaaten. Hier könnte im zweiten Halbjahr ein Einstieg lohnen. Attraktiv sind auf jeden Fall auch Rohstoffe.
Wenn sich vielleicht schon Ende des zweiten Quartals die Frühindikatoren zur Wirtschaftslage nicht weiter verschlechtern, wird auch wieder über die langfristigen Knappheiten in diesem Markt diskutiert werden. Dann werden die Preise steigen. So könnte der Preis für Rohöl in diesem Jahr noch 80 Dollar für ein Fass erreichen. Derzeit sind es 40. In zwei bis drei Jahren könnte sogar die Schwelle von 100 Dollar wieder überschritten werden.
Wo wird denn der Dax in diesem Jahr landen?
Nachhaltige Rückschläge im Dax bis weit unter 4000 Punkte sind möglich, aber nicht allzu wahrscheinlich. Am Jahresende könnte er bis auf 5700 Punkte steigen.
Und haben Sie noch einen Tipp, wo die nächsten Blasen entstehen könnten?
Bei Staatsanleihen sehen wir jetzt schon Übertreibungen. Vielleicht sind es bald Infrastrukturaktien wegen der Konjunkturpakete. Und in einigen Jahren werden auch die Preise für Rohstoffe und die Aktienkurse in den Schwellenländern wieder übertrieben nach oben steigen. Blasen wird es also auch in Zukunft geben.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |