28.06.2006 · John Stainsby, verantwortlich für die globalen Aktienfonds bei JP Morgan, im Gespräch über den Risikoappetit der Anleger, seine „Total Return“-Strategie und warum Privatanleger erst im September wieder in den Markt einsteigen sollten.
John Stainsby, verantwortlich für die globalen Aktienfonds bei JP Morgan, im Gespräch mit FAZ.NET über den Risikoappetit der Investoren, seine „Total Return“-Strategie und die Frage, warum Anleger erst im September wieder in den Markt einsteigen sollten.
Herr Stainsby, was geht zur Zeit vor an den Märkten?
Die fundamentale Situation hat sich eigentlich gar nicht geändert. Nur eines ist anders: der Risikoappetit der Anleger.
Das müssen Sie erläutern.
Nehmen Sie zum Beispiel den Volatilitätsindex VIX. Bis Mai lag die Volatilität zwei Jahre lang unter dem langjährigen Durchschnitt. Nach der Talfahrt an den Märkten ist sie jetzt wieder auf einem normalen Niveau angekommen. Die vorherrschende Euphorie an den Märkten kehrte sich um in Richtung Panik. Der Risikoappetit war so groß wie seit 20 Jahren nicht. Jetzt legen die Menschen ihr Geld wieder vorsichtiger an.
Hat Sie das Ausmaß der Korrektur überrascht?
Unsere Strategen haben die Korrektur schon länger erwartet, mit dem tatsächlichen Ausmaß und dem Tempo war allerdings nicht zu rechnen. Dramatisch ist die Korrektur aber nicht, sie ist vielmehr gesund. Volatilität und Risikoneigung sind jetzt wieder auf das Normalmaß zurückgekommen. Die Frage ist jetzt, wer am meisten „bluten“ muß. Das ist noch nicht ausgemacht. Die fundamentale Situation dagegen ist wie gesagt immer noch gut: Die Aktien sind nicht zu teuer, die Bilanzen der Unternehmen sind in Ordnung, auch die Inflation bereitet keine großen Sorgen.
Moment, die Inflation steigt, alle großen Notenbanken drehen an der Zinsschraube.
Schauen Sie sich die Rentenmärkte an. Dort herrscht keine übermäßige Inflationsangst. Und diese Märkte reagieren sehr sensibel.
Wir sind uns aber einig, daß es immer noch viel billiges Geld im Markt gibt.
Klar, darum erhöhen die Zentralbanken ja die Zinsen. Sie schöpfen dieses Geld ab.
Sehen Sie die Gefahr, daß die Fed zu weit geht, die Zinsen also zu weit erhöht und die Konjunktur abwürgt?
Eines vorweg: Die Zinsen sind immer noch niedrig. Ich mache diesen Job seit 20 Jahren, ich habe Leitzinsen von 18 Prozent in den Vereinigten Staaten erlebt. Viele haben vergessen, daß die niedrigen Zinsen, die wir in den vergangenen Jahren gesehen haben, nicht normal sind. Die Märkte rechnen fest damit, daß die Zinsen am Donnerstag um einen Viertel Prozentpunkt steigen werden. Mit 80 Prozent Wahrscheinlichkeit folgt ein weiterer Schritt im August. Klar, die Fed könnte zu weit gehen. Aber es gibt zur Zeit keine Zeichen, daß sie das tut. Die Notenbanker arbeiten ja nicht unverantwortlich. Bisher konnte der Markt sich immer auf ihre Zinspolitik einstellen, böse Überraschungen sind ausgeblieben.
Welche Märkte sind Ihrer Meinung derzeit am attraktivsten?
Wir empfehlen, Aktien aus Europa und Japan überzugewichten.
Einige sehen auch die Schwellenländer wieder als günstig an.
Diese Märkte haben im Mai zwar etwa 20 Prozent verloren, sind aber immer noch etwa zehn Prozent höher bewertet als im langjährigen Schnitt. Außerdem würde ich derzeit nicht so aggressiv investieren. Wer jetzt Geld in sehr volatilen Märkten anlegt, läuft Gefahr, ein unnötig hohes Risiko einzugehen.
In Ihrem „Global Total Retun Fund“ versuchen Sie, die Volatilität zu senken. Damit sinken auch die Chancen. Haben Sie sich trotzdem ein Renditeziel gesetzt?
Ja, wir wollen eine Rendite erzielen, die fünf bis sieben Prozent über dem Geldmarktsatz liegt.
Auf Sicht von drei Monaten liegt Ihr Fonds leicht im Minus.
Die Zielvorgabe gilt auf Sicht von einem Jahr, und wir bieten keine Kapitalgarantie. Es können immer schlechte Monate dabei sein. Der Mai zum Beispiel war wirklich ein unerfreulicher Monat an den Kapitalmärkten. Unser Fonds hat aber weniger als zwei Prozent verloren.
Anders als andere Fonds, die ein „Total Return“ oder „Absolute Return“ im Namen tragen, setzen Sie vor allem auf Aktien und weniger auf Anleihen. Wie läßt sich da die Volatilität einschränken?
Wenn der Markt schlecht läuft, heißt das nicht, daß es nicht gute Einzelwerte gibt. Wir kaufen keine Märkte, sondern einzelne Unternehmen. Einige unserer Aktien haben im erwähnten Monat Mai 20 Prozent und mehr an Wert gewonnen. Es kommt also darauf an, Aktien auszuwählen, die nicht so volatil sind und kaum mit dem Markt korrelieren. Die Volatilität unseres Fonds liegt mehr als die Hälfte unter der des Gesamtmarktes.
Wie wirkt sich dieses Vorgehen auf das Portfolio aus?
Wir investieren eher konservativ. Schwellenländer zum Beispiel machen derzeit nur ein Prozent unseres Portfolios aus. Wir halten keine Minentitel, dafür aber recht viele Finanzwerte. Knapp ein Viertel unserer Gelder halten wir als Cash-Position. Und netto sind wir nur zu gut einem Viertel am Markt investiert, denn große Teile des Portfolios sind mit Optionen und Futures abgesichert. Hier konnten wir uns übrigens die Volatilität zu nutze machen: Anfang des Jahres waren die Optionen wegen der niedrigen Volatilität sehr günstig, wir konnten uns preiswert absichern.
Auf Sicht von einem Jahr hat ihr Fonds etwa zehn Prozent zugelegt, jetzt hat er nur relativ wenig verloren. Das klingt attraktiv. Allerdings war es in der Vergangenheit keine Kunst, an den Aktienmärkten Geld zu verdienen - und ihr Fonds ist erst seit etwa zwei Jahren am Markt. Die echte Bewährungsprobe steht also noch aus, oder?
Klar. Jetzt wird es anspruchsvoller, Geld zu verdienen. Aber trotzdem: Auch in schwachen Märkten gibt es Unternehmen, die ordentlich zulegen. Sorgen machen würde ich mir nur, wenn wir solche Aktien nicht mehr finden würden. Noch gehen uns die guten Ideen allerdings noch lange nicht aus.
In den letzten Wochen ging es heftig auf und ab. Würden Sie Privatanlegern, die derzeit nicht investiert sind, schon wieder empfehlen, in den Markt einzusteigen?
Darüber habe ich mich kürzlich länger mit einem Kollegen unterhalten. Wir sind zu dem Ergebnis gekommen, daß der Sommer wohl nicht einfach werden wird. Viele schauen jetzt eher Fußball und nicht auf die Märkte, und das ist auch völlig in Ordnung. Im September können Privatanleger eher wieder über ein Investment nachdenken. Dann sind die Zinserhöhungen verdaut, die Unternehmen geben weitere optimistische und stabile Gewinnprognosen heraus, und es geht wieder aufwärts an den Aktienmärkten.
John Stainsby ist Managing Director bei JP Morgan in London. Als Client Portfolio Manager arbeitet er an der Schnittstelle zwischen Fondsmanagement und Vertrieb und ist für die globalen Aktienfonds verantwortlich. Seit 1999 arbeitet Stainsby für JP Morgan. Zuvor leitete er das Londoner Büro von Lloyd George Management und war für Schroder Investment Management in London, New York und Singapur tätig.
Guter Rat - das Gespräch mit John Stainsby.
Fionn Huber (fionn)
- 29.06.2006, 12:57 Uhr
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