11.04.2006 · Die australische Wirtschaft zeigt wieder frische Dynamik. Die anhaltende Nachfrage nach Rohstoffen und mögliche Zinssenkungen dürften sie stützen, so Richard Gibbs, Chefökonom der Macquarie Bank, im folgenden Interview.
Die australische Wirtschaft zeigte in den vergangenen Monate zwar zwischenzeitlich gewisse Schwächezeichen, das hinderte die Börse des Landes nicht daran, den Aufwärtstrend fortzusetzen auf neue Rekordniveaus.
Die Börsianer scheinen allerdings bis auf weiteres Recht zu behalten. Denn die jüngsten Indikatoren deuten auf frische Dynamik hin. Sie dürfte gestütz werden durch die anhaltende Nachfrage nach Rohstoffen und mögliche Zinssenkungen, so Richard Gibbs, Chefökonom der Macquarie Bank in Sydney, im folgenden FAZ.NET-Interview.
Er zeigte sich schon im vergangenen Jahr recht optimistisch und lag damit völlig richtig.
Auf der einen Seite sahen wir in den vergangenen Tagen am Devisenmarkt in Verbindung mit dem schwachen Neuseeland-Dollar auch Schwächezeichen beim australischen Dollar. Auf der anderen Seite markiert die australische Börse beinahe täglich neue Rekordhochs. Wie paßt das zusammen?
Ich denke der Schwächeanfall des australischen Dollars wurde tatsächlich verursacht durch den Neuseeland-Dollar und die Frage, ob die Kurs-Gewinne der hochverzinslichen Währungen nachhaltig sein können. Auf der anderen Seite machte genau diese Bewegung australische Vermögenswerte für internationale Anleger interessanter.
Hat sich das so gezeigt?
Ja, wir sehen vor allem im Rohstoffbereich eine anhaltend starke Nachfrage aus aller Welt. Sie zeigt sich insbesondere bei Massenware, bei der Australien stark positioniert ist.
Gibt es weitere Gründe?
Ja, der australische Markt wird auch gestützt von der anhaltenden Nachfrage nach Altersvorsorgeprodukten. Der Umfang dieser Mittel beläuft sich inzwischen auf mehr als 800 Milliarden australische Dollar und wird sehr wahrscheinlich noch im laufenden Jahr einen Betrag von einer Billion Dollar in lokaler Währung erreichen. Und ein großer Teil dieser Mittel werden an der australischen Börse investiert.
Und diese Trends werden sich fortsetzen?
Ich denke, zum gegenwärtigen Zeitpunkt kann man davon ausgehen. Denn die Bewertungen werden betrachtet über alle Branchen fundamental unterstützt. Das sollte nicht darüber hinwegtäuschen, daß es innerhalb des breiten Spektrums Gewinner und Verlierer gibt. Denn jene Unternehmen, die sich primär auf den australischen Binnenmarkt konzentrieren, werden kaum so gut abschneiden wie die Rohstoff- oder die international orientierten Industrieunternehmen.
Blickt man auf die Bewertung der australischen Börse so liegt das durchschnittliche Kurs-Gewinnverhältnis (KGV) gemessen am S&P ASX 200 Index auf Basis der Gewinnschätzungen bei etwa 16. Ist das attraktiv?
Schaut man sich alleine den Rohstoffbereich an und blickt zurück, wo die Bewertungen im Rohstoffboom in den sechziger und siebziger Jahren lagen, so kam die Aktie von Rio Tinto auf KGVs von bis zu 30. Geht ma von einem „Rohstoffsuperzyklus“ aus, so dürften Werte wie Rio weiteres Aufwärtspotential bieten. (Anm. d. Redaktion: Das KGVe von Rio Tinto liegt derzeit bei 11,8).
Ist der gegenwärtige Optimismus nicht zu groß? Besteht nicht das Risiko, daß sich das amerikanische und schließlich auch das chinesische Wachstum abschwächen wird? Ich sah vor kurzem eine Analyse, die für China noch Wachstumsraten von sieben Prozent prognostiziert!
Auch wir denken, daß die Wachstumsraten in China im laufenden und im kommenden Jahr kleiner werden werden. Das bedeutet jedoch nicht, daß die wirtschaftlichen Aktivitäten zurückgehen werden, sondern sie dürften sich anders als bisher zusammensetzen. Statt stark steigender Exportüberschüsse wird die Binnennachfrage stärker werden. Der „Produktions- und Infrastrukturriese“ wird langsamer werden, während der Konsum mit steigenden Einkommen an Bedeutung gewinnen wird.
Was bedeutet das für Australien?
Die chinesische Nachfrage nach Rohstoffen wird in den kommenden zwölf Monaten sehr wahrscheinlich ein Hoch erreichen. Das heißt jedoch nicht, daß sie zurückgehen wird, sondern die Wachstumsraten dürften zurückgehen. Dazu kommt die Nachfrage anderer sich industrialisierender Staaten wie etwa Indien nach Rohstoffen, vor allem in Energiebereich. Gleichzeitig werden sich die chinesischen Handelsströme verändern. Sie dürften zunehmend Güter und Dienstleistungen importieren, die die wohlhabender werdende Mittelschicht zunehmend nachfragt, um ihren Lebensstandard zu verbessern.
Wird sich die Art der Nachfrage ändern?
Ich denke schon, und zwar weg von Gütern für die Bauwirtschaft und die Produktion hin zur Energie. Insbesondere hin zu Alternativen zu den Kohlestoffen, beispielsweise zu Uran. Unabhängig davon sehe ich eine zunehmende Nachfrage nach Dienstleistungen aus Australien: Von Business-Services, über das Erziehungs- und Gesundheitswesen bis hin zur juristischen Beratung und zu Versicherungen und Finanzdienstleistungen. Auch Macquarie hat einen Blick auf diese Märkte.
Das klingt positiv, dabei hatten die australischen Konjunkturzahlen in den vergangenen Monaten gewisse Schwächezeichen offenbart!
Das stimmt, die jüngsten Daten deuten jedoch auf eine wieder aufkommende Stärke hin. Das hat sogar zu Spekulationen geführt, die Zentralbank werde den Leitzins anheben. Wir gehen davon aus, daß die Schwächephase überwunden ist und daß die Nachfrage nun stetig anziehen wird. Aber wir rechnen erst in der zweiten Jahreshälfte mit einer Zinserhöhung.
Rechnen Sie nicht damit, daß die hohen Rohstoffpreise zum Konsumenten durchkommen werden?
Bis jetzt zeigt sich die angespannte Lage auf dem australischen Arbeitsmarkt noch nicht im Form generell steigender Löhne, aber das Risiko ist natürlich da. Das gleiche gilt auch für den Benzinpreis, der über Ostern bis zu 1,4 australische Dollar je Liter erreichen könnte. Noch bis vor wenigen Monaten galt die Marke von einem Dollar pro Liter als psychologische Marke. Wir haben herausgefunden, daß die Marke, ab der sich die Konsumenten Sorgen zu machen beginnen, inzwischen bei etwa 1,3 Dollar liegt. Anhaltend hohe Benzinpreise könnten folglich auch zu Zweitrunden-Effekten führen.
Was bedeutet das in Zusammenhang mit dem Häusermarkt?
Dieser Markt hat sich in inzwischen beruhigt.
Welche Rolle hat das so genannte „Equity Withdrawal“, also die Kapitalisierung gestiegener Hauspreise in Australien eine Rolle gespielt?
Sie hat mit Blick auf das Konsumniveau kaum eine tragende Rolle gespielt, höchstens mit Blick auf die so genannten Nebenausgaben. Das heißt beim Renovieren von Bädern oder dem Einbau neuer Küchen et cetera in bestehenden Immobilien. Sie mögen zum Teil auch für den Kauf von Altersvorsorgeprodukten eingesetzt worden sein.
Sie sehen keine Risiken auf der Schuldenseite?
Nicht im Moment. Die Verschuldung der Haushalte hat zwar auf bis zu 150 Prozent des verfügbaren Einkommens zugenommen, aber ein stabiles Zinsumfeld und ein angespannter Arbeitsmarkt machen sie vorerst tragbar. Man sollte auch sehen, welche Budgetpläne die Regierung demnächst vorlegen wird. Viele, auch wir, vermuten, daß sie vorschlagen könnte, die Einkommenssteuer zu senken. Das würde die Kaufkraft der Haushalte stärken.
Wie sieht die Finanzlage Australiens aus?
Das Land als ganzes befindet sich in einer sehr komfortablen Finanzsituation. Es wird im aktuellen Fiskaljahr sehr wahrscheinlich einen Überschuß von 14,5 Milliarden australischen Dollar oder in Höhe von 1,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes verzeichnen.
Wie sieht es mit der Leistungsbilanz aus?
Das Leistungsbilanzdefizit in Höhe von sechs Prozent muß uns bewußt sein. Aber es stellt im Moment kein Grund zur Sorge dar, da dem Land genügend Mittel zufließen.
Wir sahen in den vergangenen Monaten einige Fusionen und Übernahmen in Australien. Wird das weitergehen?
Ich denke schon. Vor allem im Groß- und Einzelhandel, im Finanzbereich und nicht zuletzt unter den Goldminen. Es gab einige kleinere Unternehmen, die aufgrund des hohen Goldpreises in den Markt gekommen sind und die mit Blick auf mögliche Rationalisierungspotentiale aufgenommen werden könnten.
Macquarie spielte in den vergangenen Jahren eine maßgelbliche Rolle bei Übernahmen und entsprechenden Angeboten im Infrastrukturbereich. Wird das Unternehmen diese Strategie weiterverfolgen?
Für große australische Unternehmen bietet der australische Binnenmarkt nicht mehr allzuviel Expansionspotential. Das gilt vor allem auch für die Finanzunternehmen. So ist es nur natürlich, daß sie sich international nach interessanten Möglichkeiten umsehen. Interessant sind sicherlich die Emerging Markets, zum Beispiel „Infrastrukturinvestitionen“ in Indien.
Wenn Sie Vermögensverwalter wären, wie würden Sie sich gegenwärtig positionieren?
Ich wäre „long“ in internationalen Aktien und neutral in Anleihen. Dort dürfte vor allem bei Papiere mit längeren Laufzeiten mit weiteren Kursverlusten zu rechnen haben. In den Schwellenländern würde ich unter anderem auf Immobilien im Kommerzbereich setzen. Dagegen würde ich nicht in Edelmetalle investieren.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |