19.06.2006 · Nach einem guten Lauf über mehrere Jahre kam es in den vergangenen Wochen an den Börsen als auch an den Rohstoffmärkten zu Korrekturen. Die Anlegerlegende Jim Rogers jedoch rechnet im Interview mit hohen Rohstoffpreisen.
Nach einem guten Lauf über mehrere Jahre kam es in den vergangenen Wochen sowohl an den Börsen als auch an den Rohstoffmärkten zu zum Teil deutlichen Korrekturen. Sie mögen manche Anleger nervös machen.
Nicht jedoch die Anlegerlegende Jim Rogers. Der ehemalige Partner von George Soros rechnet im folgenden Interview zumindest längerfristig mit weiter steigenden Rohstoffpreisen.
Herr Rogers, wie wird man zum Partner von Starinvestor George Soros und Idol aller Querdenker?
Ich habe mich 1970 - nach ein paar Jahren an der Wall Street - mit George Soros selbständig gemacht. Es gab damals nicht viele Hedge-Fonds, viele waren in den sechziger Jahren pleite gegangen. Doch wir waren mit dem Quantum Fund erfolgreich.
Was heißt erfolgreich?
Zwischen 1970 und 1980 holte der Fonds 4200 Prozent Rendite heraus. In dieser Zeit hat der amerikanische Aktienindex S&P 500 mickrige 47 Prozent geschafft. Es war eine großartige Zeit.
Warum verabschiedeten Sie sich von Soros?
Ich habe mich 1980 zurückgezogen. Da war ich 37 Jahre alt. Ich wollte ein zweites Leben haben und nicht irgendwann mit 75 vor einem Computer aufwachen und die Leute reden hören: Er war ein großer Investor, aber Abenteuer hat er keine erlebt.
Sie genießen heute den Ruf eines „Indiana Jones der Finanzen“. Wie kam das?
Nach 1980 lehrte ich als Professor an der Columbia-Universität in New York - und reiste viel. Ich fuhr mit dem Motorrad, einer BMW, und später mit dem Geländewagen um die Welt, immer auf der Suche nach neuen Ideen. Es war damals nicht einfach, eine Genehmigung zu bekommen, um China und Rußland zu bereisen. Aber es gelang mir. Ich war mehrere Jahre unterwegs, schrieb zwei Bücher darüber und tat, was ich wollte. Dabei investierte ich stets mein eigenes Geld. Denn das Leben als Abenteurer mußte ja finanziert werden.
Ist es nicht schwierig, Globetrotter zu sein und gleichzeitig die Börsen zu verfolgen?
Ja, aber ich bin kein aktiver Trader. Wenn ich von etwas überzeugt bin, greife ich zu und halte daran fest. So wie 1998, als ich zum Schluß kam, daß die Baisse an den Rohstoffmärkten zu Ende ist. Ich habe investiert und bin dringeblieben. Rohstoffe verkaufen Sie erst nach 15 oder 20 Jahren - so lange läuft die Hausse noch.
Sie haben die Renaissance von Öl, Kupfer und Kaffee kommen sehen, als sich Analysten und Fondsmanager noch für Internet- und Technologieaktien begeisterten. Wurden Sie nicht verspottet?
Ja, sie haben mich ausgelacht, als ich sagte: Kauft China und Rohstoffe! Du bist ein Idiot, wenn du nicht auf Technologie- und Telekomaktien wettest, hieß es damals.
Warum waren Sie so überzeugt davon, daß die Preise für Bodenschätze bald haussierten?
Ich bin viel herumgekommen und habe gesehen, daß niemand in neue Bohrinseln und Ölfelder investiert hat, daß niemand neue Metallvorkommen entdeckt und erschlossen hat. Rohstoffe waren so billig wie seit der Großen Depression in den dreißiger Jahren nicht mehr. Zwei Jahrzehnte lang hatte sich niemand dafür interessiert.
Bis Sie kamen.
Ich habe eins und eins zusammengezählt: Die Unternehmen hatten nicht mehr viele Reserven, das Angebot war knapp. Und ich wußte, daß die Nachfrage enorm schnell wuchs, weil China und das übrige Asien boomten. In China trugen sie damals noch blaue Mao-Jacken und waren doch längst Kapitalisten. Mir war klar: Es muß einen neuen Bullenmarkt für Rohstoffe geben. Und ich wußte, daß sich am Aktienmarkt eine gigantische Spekulationsblase gebildet hatte.
In den vergangenen Jahren schossen die Preise für viele Rohstoffe in die Höhe, so schnell und so hoch, daß sich viele fragen, ob das nicht die nächste Blase ist. Was glauben Sie?
Die Rohstoff-Hausse wird noch lange halten. Es braucht viel Zeit, bis zum Beispiel ein neues Bleiwerk in Betrieb ist. Sie müssen erst einmal Bleivorkommen finden; Sie müssen Kapital sammeln; Sie müssen mit der Regierung, Gewerkschaften, Umweltschützern verhandeln. Um Ihre Mine zum Laufen zu bringen, brauchen Sie Infrastruktur: eine Hütte zum Schmelzen, Straßen und so fort. Das verschlingt jede Menge Zeit. Bis Sie das Werk eröffnen können, vergehen zehn Jahre. In dieser Zeit holen Sie aus Ihren alten Minen immer weniger heraus. Deshalb dauern die Bullenmärkte für Rohstoffe so lange. Mit Öl ist es das gleiche.
Wie lange geht es aufwärts?
Bis jeder sagt: Ich muß unbedingt eine neue Mine oder ein Ölfeld entdecken und ausbeuten. Dann werden wir mit Rohstoffen überschwemmt, und der nächste, lange Bärenmarkt beginnt. Aber davon sind wir noch weit entfernt.
Seit Anfang Mai sehen wir heftige Preiskorrekturen auf vielen Rohstoff- und Aktienmärkten. Ist das nicht das Ende der Hausse?
Ich habe all meine Emerging-Market-Investments verkauft - mit Ausnahme von China. Sie sind alle zu hoch gestiegen. Die Vereinigten Staaten erleben vielleicht bald eine Rezession, das trifft auch andere Märkte, vor allem die Schwellenländer - und die Aktienkurse dort. Es hat gerade ein schlechtes Jahr für Aktien begonnen - und ganz bestimmt auch für Anleihen. In einigen Schwellenländern haben sich Blasen am Aktienmarkt gebildet, in Indien vielleicht, ganz bestimmt in Saudi-Arabien und Kuweit.
Auch einige Rohstoffe sind tief eingebrochen, Kupfer zum Beispiel. Macht Ihnen das keine Angst?
Das sind - in historischer Dimension - milde Korrekturen. Es kann noch viel schlimmer kommen, keine Frage. Dennoch sind Rohstoffe heute das beste Investment.
Auch wenn sich die Weltwirtschaft abkühlt?
Ich erinnere nur an die 70er Jahre: Damals steckten Volkswirtschaften auf der ganzen Welt in großen Schwierigkeiten - Rohstoffe erlebten eine gigantische Hausse. Der Ölpreis verzehnfachte
sich.
Sie stimmen zu, daß Rohstoffkäufer starke Nerven brauchen?
Verstehen Sie mich nicht falsch: In jedem Bullenmarkt gibt es Korrekturen, einige davon sind schwer und dauern lang. Gold haussierte in den 70er Jahren gewaltig. Aber zwischen 1974 und 1976 hat sich der Goldpreis halbiert - in nur zwei Jahren. Das hat viele Anleger verunsichert. Sie verkauften. Doch dann schoß der Preis um 850 Prozent in die Höhe.
Viele Anleger verstehen nicht so recht, wie sie in Rohstoffe investieren sollen. Sollten sie Öl- und Bergwerksaktien kaufen?
Nur weil der Ölpreis steigt, steigen die Ölaktien noch lange nicht. Wer Aktien kauft, muß den Aktienmarkt im Blick haben, sich Gedanken über das Management, die Gewerkschaften, die Bilanzen, die Pensionspläne machen. Das ist viel Arbeit. Eine Studie der Yale-Universität zeigt, daß man in den vergangenen 45 Jahren mit den Rohstoffen selbst 300 Prozent mehr verdienen konnte als mit Rohstoffaktien.
Rohstoff ist nicht gleich Rohstoff. Während die Preise für Metalle und Energie in die Höhe schossen, tat sich bei den Agrarprodukten wenig. Warum?
Warum sollten die Preise für Zucker und Zink zur gleichen Zeit gleich stark steigen? Ich empfehle, jetzt auf Agrarprodukte zu setzen. Baumwolle, Kaffee, Orangensaft oder Sojabohnen haben bessere Chancen als beispielsweise Zink.
Was haben Sie auf Ihren Reisen durch die Welt außer guten Investmentideen noch gefunden?
Ich habe mein drittes Leben begonnen und wurde zum ersten Mal Vater. Früher hielt ich Kinder für Zeitverschwendung. Jetzt bin ich begeistert von ihnen. Sie zeigen dir viele neue Dinge.
Welchen Rat geben Sie uns mit auf den Weg?
Bringen Sie Ihren Kindern Chinesisch bei! Lernen Sie alles über Rohstoffe! Wer künftig ein Vermögen machen will, braucht weder Aktien noch Anleihen, sondern Rohstoffe. Und gehen Sie raus, sehen Sie sich die Welt an!
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |