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Interview „Aktienrückkäufe werden nicht überschwenglich belohnt“

 ·  Clive McDonnell von S&P erklärt, warum die Aktienrückkäufe der Unternehmen in Europa den Gewinn je Aktie nicht beflügelt haben. Anlegern rät er zum Gesundheitssektor, Versorger und Telekommunikation sieht er skeptisch.

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Hat der Aktienrückkaufrausch in Europa wirklich zu einer Belebung der Unternehmensgewinne geführt? Vor dem Hintergrund relativ schlechter Wachstumschancen und niedriger Aktienkurse ist die Zahl der Aktienrückkäufe laut Standard & Poor's im vergangenen Jahr rasant in die Höhe gestiegen.

Da die Zahl der im „S&P Europe 350“-Index gehandelten Aktien insgesamt einen Anstieg verzeichnete, sorgten die Aktienrückkäufe im Hinblick auf den Gewinn pro Aktie für weniger Impulse als in den Vereinigten Staaten. Standard & Poor's wertet dies als einen Pluspunkt für die europäischen Indizes, da die Aktienrückkäufe in Europa „den Gewinn pro Aktie nicht künstlich aufblähen“.

Was bedeutet dies für die Anleger? Clive McDonnell, S&P-Chefstratege für europäische Aktien und Autor des Berichts, sprach mit dem BusinessWeek.com-Reporter Alex Halperin über den Rückkaufwahn. Zur Sprache kam dabei auch, wo Anleger nach Wachstumsgelegenheiten suchen sollten, warum Aktien mit einer hohen Dividendenrendite nach wie vor Chancen bieten, und warum man mit der Gesundheitsbranche diese beiden „Fliegen“ mit einer Klappen schlagen könnte.

Sind die Aktienrückkäufe die logische Folge der ungebrochen regen Fusions- und Übernahmeaktivitäten?

Ich glaube nicht. Ich persönlich sehe nicht unbedingt eine Verbindung zwischen diesen beiden Phänomenen. Bei den meisten M&A-Aktivitäten der jüngsten Zeit dominierte eindeutig die Riege der Private-Equity-Investoren, im Gegensatz zu den gewerblichen Käufern. Ich glaube, das liegt daran, daß letztere in Bezug auf die Bewertungen ein bißchen vorsichtig sind. Doch angesichts des enormen Anstiegs ihrer eigenen liquiden Mittel haben sich diese Unternehmen für einen verstärkten Einsatz von Aktienrückkäufen entschieden, um dadurch den Shareholder Value zu verbessern.

Der Gewinn je Aktie hat sich dabei jedoch nicht proportional erhöht. Warum?

Dies läßt sich damit begründen, daß die Gesamtzahl der ausstehenden Aktien auf Nettobasis gestiegen ist, was keineswegs ungewöhnlich ist. Früher oder später würden wir damit rechnen, daß sich die Zahl der im Umlauf befindlichen Aktien eines Unternehmens oder eines Index insgesamt erhöht. So legen es zumindest die Erfahrungen der Vergangenheit nahe. Die Tatsache, daß sich diese beiden Faktoren jeweils für sich im Gleichgewicht befinden, deutet schon fast auf eine Art Gleichgewicht zwischen ihnen hin. Ganz anders sieht es da in den Vereinigten Staaten aus, wo die Zahl der ausstehenden Aktien im Standard & Poor's 500 recht deutlich zurückgegangen ist und dadurch zu einer künstlichen Verbesserung des Gewinns je Aktie geführt hat.

Denken Sie, daß die Aktienrückkäufe in Europa das bewirken, was sie bewirken sollen?

Für eine solche Einschätzung ist es noch ein bißchen zu früh. Im vergangenen Jahr ist die Zahl der Aktienrückkäufe deutlich gestiegen, und für dieses Jahr liegen mir bisher noch nicht allzu viele Daten vor. Betrachtet man allerdings die Sektoren, die 2005 am besten abgeschnitten haben, läßt sich feststellen, daß genau diese in punkto Aktienrückkäufe nicht den großen Wurf gelandet haben. Es zeigt sich hier ein etwas nuanciertes Bild, insofern als die Anleger bereit sind, Unternehmen mit guten Wachstumsaussichten entsprechend zu belohnen. Bei Unternehmen, bei denen die Wachstumsperspektiven etwas fraglich sind, wollen die Investoren hingegen Bares sehen. Im vergangenen Jahr gehörten einige der großen Zykliker, die ihr Kapital recht effektiv etwa für Investitionen einsetzen könnten, zu den Top-Performern. Auf der anderen Seite wurden die defensivsten Titel, die ihre Aktienrückkäufe erhöhten, von den Anlegern nicht überschwenglich belohnt. Ich glaube aber, daß diese Unternehmen eine noch schlechtere Performance verzeichnet hätten, hätten sie nicht über eine Kombination aus höheren Dividenden und den Aktienrückkäufen Kapital an die Aktionäre zurückgegeben.

Meinen Sie, es wäre für Anleger klug, sich momentan eher auf die Sektoren ohne Aktienrückkäufe zu konzentrieren?

Das hängt stark von der Strategie des einzelnen Anlegers und seiner Beurteilung in punkto Wachstum ab. Anleger, die eher einkommensorientiert sind, sollten sich definitiv auf die Sektoren konzentrieren, bei denen wir mit einer anhaltenden Aktienrückkäufen rechnen. Glaubt man dagegen, daß die Wachstumsdaten weiterhin für positive Überraschungen sorgen können, lohnt sich wahrscheinlich ein Engagement in Sektoren, in denen die Manager nicht so viele Aktienrückkäufe tätigen, dafür aber in ihr Unternehmen investieren. Einzige Ausnahme ist vermutlich die Gesundheitsbranche, in der die Rückkäufe im vergangenen Jahr unverändert hoch blieben, der Sektor aber gleichzeitig gute Wachstumsaussichten hat. Hinzu kommen die defensiven Eigenschaften, über die der Gesundheitssektor ebenfalls verfügt.

Warum sind die Aussichten für organisches Wachstum in der Gesundheitsbranche besser als anderswo?

Der Meinung unserer Analysten zufolge zeichnet sich die Branche durch eine stabile Produktpipeline aus. Darüber hinaus hat es in den vergangenen 18 Monaten eine Reihe von bedeutenden Fusionen gegeben. Der Sektor ist dafür bekannt, daß er bereits einen beachtlichen Teil seiner Gewinne in Form von Dividenden ausschüttet. Während also die Pharmaunternehmen im vergangenen Jahr mit unverändertem Elan Aktien zurückgekauft haben, sollte nicht vergessen werden, daß die Ausschüttungsquote für diesen Sektor bereits recht ansehnlich ist. Meines Erachtens signalisiert dies gute potentielle Möglichkeiten für organisches Wachstum. Vielleicht halten sie ja auch noch Schießpulver für künftige Akquisitionen trocken.

Denken Sie dabei an bestimmte Unternehmen?

Über die M&A-Tätigkeit in einzelnen Sektoren können wir nicht spekulieren. Unser zuständiger Analyst hat aber vor kurzem die Empfehlung für AstraZeneca (Isin US0463531089) auf vier Sterne („kaufen“) heraufgestuft, und es gibt noch eine Reihe anderer Kaufempfehlungen für diesen Sektor. Dazu gehört unter anderem GlaxoSmithKline (US37733W1053) als größter Vertreter der Branche.

Am anderen Ende des Spektrums steht die Telekombranche, in der es noch viel mehr Aktienrückkäufe gegeben hat. Welche Art von Entwicklungen würde der Branche zu besseren Wachstumsmöglichkeiten verhelfen?

Strukturell betrachtet reift die Branche derzeit aus. Für einen Sektor, der den Höhepunkt seines Wachstumszyklus bereits überschritten hat, lassen sich Wachstumsmöglichkeiten nicht mehr einfach schaffen. Natürlich wird es einzelne Fälle geben, in denen die Unternehmensführung neue Chancen auftun kann. Alles in allem befindet sich die Branche momentan aber in einem ausgereiften Wachstumsstadium. Es gibt Parallelen zum Versorgersektor. So zeichnet sich die Telekommunikationsbranche ebenfalls durch eine hohe Ausschüttungsquote und Dividendenrendite aus. Umgekehrt eignet sich auch der Versorgersektor nicht wirklich für wachstums-, sondern eher für einkommensorientierte Anleger. Das gilt wegen einiger verbleibender Risiken jedoch nicht unbedingt für den Telekommunikationssektor. Hinzufügen möchte ich, daß es unter den kleineren, beweglicheren Telekommunikationsakteuren durchaus einige Wachstumsstories gibt.

Zum Beispiel?

Unser zuständiger Analyst bevorzugt unter anderem den niederländischen Telekommunikationsanbieter KPN (NL0000009082), der auf seinem Heimatmarkt sehr wettbewerbsfähig agiert. Das Unternehmen hat sein Geschäftsmodell auf den Kopf gestellt, um sich dadurch auf den Märkten mit einigen anderen Start-ups besser messen zu können. Es scheint dabei einigen Erfolg zu haben.

Sie erwähnen, daß einige Unternehmen auch einen erhöhten Bestand an eigenen Aktien halten. Ist dies ein paralleles Phänomen zu den Rückkäufen?

Es besteht hier definitiv ein Zusammenhang, aber keine lineare Beziehung. Unternehmen können mit der Erlaubnis der Aktionäre zwar Aktien zurückkaufen, allerdings führt dies nicht automatisch zu einem Anstieg des Bestands an eigenen Aktien. Die Unternehmen können sich auch dazu entschließen, die von ihnen erworbenen Aktien einzuziehen.

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