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Donnerstag, 16. Februar 2012
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Internationale Finanzmärkte Die vierte Welle der Finanzkrise

09.07.2008 ·  Das Siechtum des Finanzsystems greift allmählich auf die lebenswichtigen Organe über. Zum Beispiel auf die Immobilienfinanzierer Freddie Mac und Fannie Mae. Die Kreditkrise zieht die Wirtschaft nach unten und die Notenbanken können nicht gegensteuern.

Von Benedikt Fehr und Stefan Ruhkamp
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Das nun schon seit gut einem Jahr dauernde Siechtum des Finanzsystems greift allmählich auf die lebenswichtigen Organe über. Jüngstes Beispiel sind die amerikanischen Immobilienfinanzierer Freddie Mac und Fannie Mae. Eigentlich sollen sie - mit staatlichem Auftrag und staatlicher Garantie ausgestattet - ein Fels in der Brandung sein.

„Stabilität und Liquidität" für die nationalen Immobilienfinanzierung seien ihr Auftrag, heißt es auf den Internetseiten der Unternehmen. Mindestens am ersten Versprechen gibt es ernste Zweifel. Analysten der Investmentbank Lehman Brothers warnen, dass Fannie Mae und Freddie Mac etwa 75 Milliarden Dollar an zusätzlichem Kapital benötigen, wenn sie neue Vorschriften erfüllen und verbriefte Verbindlichkeiten in die Bilanz aufnehmen müssen. 75 Milliarden Dollar, das wäre ein Mehrfaches des derzeitigen Börsenwertes. Zwar räumt Lehman in der Analyse ein, dass es eine Ausnahme für Fannie Mae und Freddie Mac geben könnte. Doch wirklich beruhigend wirkt das nicht, weshalb viele Aktionäre der Immobilienfinanzierer das Weite suchen und verkaufen. Allein am Montag brach der Kurs der beiden Aktien um bis zu 30 Prozent ein, was am Dienstag in Europa nachwirkte. Sämtliche Banken-Aktien notierten schwach. Der Deutsche Aktienindex verlor rund 1,6 Prozent auf 6295 Punkte. An der Wall Street waren die Kurse dagegen gut behauptet.

Ausgangspunkt der Malaise: Des amerikanische Immobilienmarkt

Die Finanzindustrie erlebt nun schon die vierte Krisenwelle. Ausgangspunkt der Malaise war die Schwäche des amerikanischen Immobilienmarkts, die sich im Sommer vergangenen Jahres verschärfte. Damals setzte sich die Erkenntnis durch, dass die Banken auf der ganzen Welt von riesigen Wertberichtigungen und Verlusten betroffen sein würden - zunächst wegen der Immobilienkredite, die millionenfach an Schuldner vergeben worden waren, die sich ein Haus eigentlich nicht leisten konnten. Später trugen auch Großkredite, die an Beteiligungsgesellschaften für die Finanzierung von Übernahmen vergeben worden waren, zu weiteren Abschreibungen bei, was die zweite Welle im Herbst auslöste. Den bisherigen Höhepunkt erreichte die Krise im März: Damals fürchteten viele Marktteilnehmer eine Kernschmelze des Finanzsystems, vor allem als die amerikanischen Investmentbank Bear Stearns in Existenznot geriet und nur durch den Eingriff der Notenbank gerettet wurde.

Die nun rollende vierte Krisenwelle trifft die Banken nicht weniger hart. Der Ursprung der Finanzkrise wirkt fort: Im April sind die Preise in 23 von 25 amerikanischen Metropolen weiter gefallen. Im kalifornischen Sakramento war es besonders schlimm. Dort sackten die Preise im Durchschnitt um knapp 32 Prozent ab. Die Krise trifft in Amerika breite Schichten der Bevölkerung. Rund 1,4 Millionen Häuser sind derzeit in der Zwangsvollstreckung. Weitere 2,8 Millionen Schuldner können ihre Hypotheken nicht mehr bedienen. Das lässt befürchten, dass die Eigenheimpreise noch weiter und noch stärker fallen als befürchtet, und dass vor allem weitere Kredite ausfallen werden. Die Banken erhalten also nur einen Teil des verliehenen Geldes zurück. Da viele amerikanische Immobilienkredite als Sicherheit für Spezialanleihen dienen, die auf der ganzen Welt verkauft wurden, wird sich das auch in Europa auswirken.

Die Banken haben bereits riesige Verluste gezeigt. Die Citigroup zum Beispiel kommt auf 27 Milliarden Euro an Abschreibungen und Wertberichtigungen, die Schweizer Großbank UBS auf mehr als 24 Milliarden Euro und die Deutsche Bank auf knapp 5 Milliarden Euro. Nach Zählung der Nachrichtenagentur Bloomberg haben die Banken insgesamt weltweit bisher etwa 255 Milliarden Euro an Verlusten gezeigt. Doch das reicht noch lange nicht: Nach Schätzung von Ökonomen könnten allein aus der Immobilienkrise Verluste in der Größenordnung von insgesamt 600 Milliarden Euro resultieren. Der amerikanischen Hedge-Fonds Bridgewater Associates hat unlängst geschätzt, dass sich die Gesamtverluste aus der Krise auf 1100 Milliarden Euro belaufen könnten.

Das alles wäre besser zu verkraften, wenn sich die Wirtschaft in einer besseren Verfassung befände. Doch aus Amerika kommt eine Hiobsbotschaft nach der anderen. Wer den Wert seines Hauses schwinden sieht, ist kaum bereit, weitere Kredite für den Autokauf oder das neue Mobiliar aufzunehmen. Oder er bekommt ihn erst gar nicht. Denn die Banken haben erkannt, dass die Konsumentenkredite die nächste offene Flanke sind. Die gesamte Kreditvergabe ist in den vergangenen drei Monaten bereits so stark gesunken, dass sich bei gleichem Tempo auf Jahressicht ein Minus von knapp 10 Prozent ergeben würde. Das wiederum schwächt die Wirtschaft.

In Europa ist die wirtschaftliche Lage etwas besser, aber auch hier trübt sich die Konjunktur ein. Noch ist der Arbeitsmarkt in Deutschland stabil, aber im Rest Europas mehren sich die Anzeichen für einen Abschwung. Deshalb ist auch absehbar, dass die Kreditausfällen, die jetzt noch sehr selten sind, bald zunehmen werden. Derzeit liegt die Ausfallrate in Europa in der Nähe ihres Rekordtiefs. Für bonitätsschwache Unternehmen ist die Ausfallrate aber global schon kräftig gestiegen, von knapp einem Prozent Ende 2007 auf zuletzt 1,5 Prozent. Die Ratingagentur Standard & Poor's befürchtet einen Anstieg auf knapp 5 Prozent in den kommenden zwölf Monaten. Das würde direkt auf die Banken durchschlagen, die dann einen großen Teil ihrer Forderungen nicht mehr eintreiben können.

Die Notenbanken haben ihre „Heilmittel“ bereits angewendet

Das könnte den Organismus des Finanzsystems abermals an die Grenze der Belastbarkeit bringen. Wer könnte dann helfen? Die Notenbanken haben ihre Heilmittel bereits angewendet. Die amerikanische Fed hat ihren Leitzins von 5,25 auf 2 Prozent gesenkt, die Briten haben das mit geringeren Senkungen begleitet. Die Europäische Zentralbank hat gemeinsam mit den anderen Notenbanken das System mit reichlich Liquidität versorgt. Doch diese Kreislaufmittel dürfen nicht in unbegrenzter Dosis verwendet werden. Es droht Inflation. Zumal die Energiepreise in die Höhe geschossen sind. Allein in den vergangenen zwölf Monaten hat sich der Ölpreis auf knapp 140 Dollar je Barrel (rund 159 Liter) verdoppelt. Das heizt die Teuerung auf der ganzen Welt an. Im Euro-Raum ist die Inflationsrate zuletzt auf 4 Prozent gestiegen, in den Vereinigten Staaten wird das Geld noch schneller entwertet. In mehr als 50 anderen Ländern ist die Inflationsrate schon zweistellig. Viele Notenbanken sind deshalb gezwungen, ihre Geldpolitik zu straffen. Das hat die Europäische Zentralbank in der vergangenen Woche getan, als sie ihren Leitzins von 4 auf 4,25 Prozent anhob. Auch von der amerikanischen Fed erwarten Analysten in den nächsten Monaten eine Anhebung der Zinsen. Das dämpft die Wirtschaft ebenfalls und verstärkt damit die Sorgen in den Kreditabteilungen der Banken.

Hilfe haben die Banken bisher auch von Staatsfonds erhalten. Sie suchen - gespeist vor allem von den riesigen Öl-Einnahmen - nach Anlagegelegenheiten. Sie haben dazu beigetragen, dass die Banken seit Ausbruch der Krise insgesamt rund 200 Milliarden Euro an frischem Eigenkapital erhalten haben. Doch diese Engagements haben den neuen Anteilseignern bisher nur wenig Freude gemacht. Im Durchschnitt ist der Wert ihrer gerade erworbenen Bankenaktien in der Größenordnung von 30 Prozent gefallen. Das dürfte den Drang, sich an weiteren Kapitalerhöhungen zu beteiligen, empfindlich dämpfen.

Die Banken bringt das in eine schwierige Lage. Nach Meinung der Investmentbank Goldman Sachs brauchen allein die europäischen Banken 60 bis 90 Milliarden Euro an weiterem Eigenkapital. In Amerika dürfte der Bedarf noch viel größer sein, wie die Schätzungen für Freddie Mac und Fannie Mae belegen. Es dürfte schwierig werden Zeichner für die Kapitalerhöhungen aufzutreiben. Denn das Geschäftsmodell der Banken vieler Banken ist in Frage gestellt. Lange Zeit konnten sie Kredite in großem Stil vergeben und in Verbriefungen verpackt rasch weiterverkaufen. Dieses lukrative Geschäft ist weitgehend ausgetrocknet, weil der Weiterverkauf der Kredite derzeit nicht mehr möglich ist. Das schmälert die Ertragsaussichten der Banken für lange Zeit.

Zwar ist die Furcht vor einer Systemkrise heute etwas geringer als im März während der dritten Krisenwelle. Jedenfalls sind die Absicherungskosten für Forderungen gegen Banken noch nicht wieder so hoch wie im März, wie sich an dem Itraxx-Index für Risikoprämien ablesen lässt (siehe Grafik). Es wird also kein unmittelbar bevorstehender Bankenzusammenbruch befürchtet. Aber Anleger schätzen die langfristige Perspektive der Branche schlechter als zuvor ein. Die Aktienkurse der Finanzhäuser sind auf langjährige Tiefstwerte gesunken. Die Gewinne der Banken sind stark gefallen, einige Großbanken mussten sogar Quartalsverluste ausweisen.

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