17.06.2009 · Einige Daten deuten zwar auf eine nahende Bodenbildung am amerikanischen Häusermarkt hin. Doch nur wenige Analysten rechnen mit einer baldigen Besserung der Lage.
Von David BogoslawDas Desaster der Hypothekenverbriefungen hat uns vor Augen geführt, dass die Geschäftspraktiken mit den höchsten Renditen häufig im Widerspruch zu den Verbraucherinteressen stehen. Inzwischen wissen die meisten Menschen, dass die leichtfertige Vergabe billiger Kredite vor allem dem Zweck diente, ein kontinuierliches Angebot hypothekarisch gesicherter Wertpapiere zu generieren, um den unersättlichen Appetit allzu selbstsicherer Anleger zu stillen.
Diese Situation konkurrierender Interessen hält nach wie vor an. Man denke etwa an den jüngsten Erfolg von Investmentbanken bei der Verhinderung von Gesetzen, mit denen Insolvenzrichter in der Lage gewesen wären, zur Abwendung von Zwangsversteigerungen die Bedingungen von Hypothekenkrediten zu ändern, deren Restschuld den Wert des Eigenheims übersteigt. Der Fairness halber sei jedoch erwähnt, dass die von Kreditgebern gegen einen Teilerlass von Hypothekenschulden vorgebrachten Einwände ebenso stark von der Sorge um drohende Gerichtsverfahren seitens der Investoren wie von der Ablehnung eines Renditeverzichts von Hypothekenportfolios motiviert ist.
Nach ethischen Richtlinien investierende Fondsmanager und auf Ethikfonds spezialisierte Investmentberater sind Vorreiter, wenn es darum geht, das Augenmerk der Anleger auf stärker nachhaltigkeitsorientierte Praktiken zum langfristigen Vorteil aller Interessengruppen zu lenken, anstatt nur auf kurzfristige Renditen zu setzen. Neben der Thematisierung verantwortungsbewusster Umweltpraktiken und Mitarbeiterbehandlung liegt der Reiz dieses ethischen Ansatzes vor allem darin, das Bewusstsein der Investoren für die Tatsache zu schärfen, dass ihre eigenen Interessen jenen der Verbraucher zuwiderlaufen.
Preisanstiege nützen Verbrauchern wenig
Der auch im Bereich ethischer Investments tätige Vermögensverwalter Reynders, McVeigh Capital Management sieht im Nachhaltigkeitsgedanken den gemeinsamen Ausgangspunkt für Investoren und Verbraucher.
Volkswirte und politische Entscheidungsträger konzentrierten sich zwar weiterhin auf die Erholung der Eigenheimpreise, doch „vielleicht ist es für den Häusermarkt und für verantwortungsbewusste Hauskäufer auf lange Sicht besser, eine höhere Sparrate anzustreben und den Markt über längere Zeit hinweg auf moderatem Niveau zu halten, damit sich ihre Bilanzen erholen können“, sagt Chat Reynders.
Als Verbraucher „nützt es einem nichts, wenn die Häuserpreise überall ansteigen“, da man es sich nicht leisten könne, im selben Markt ein neues Haus zu kaufen, sagt Richard Green, Direktor und Lusk Chair in Real Estate des Lusk Center for Real Estate der Universität von Südkalifornien. „Man könnte davon nur profitieren, wenn man 2006 ein Haus in Kalifornien verkauft hätte und nach Alabama gezogen wäre.“
In der Realität gibt es eine große Schnittmenge zwischen Investoren und Verbrauchern, da alle Investoren zugleich auch Verbraucher sind. Selbst institutionelle Investoren wie etwa Pensionskassen repräsentieren Tausende von Verbrauchern. Einige, darunter die Pensionskasse der öffentlichen Bediensteten des Bundesstaates Kalifornien (Caipers), widmen sich seit längerem intensiv einem ganzheitlicheren und nachhaltigeren Investmentansatz. Die vom Aspen Institute vor zwei Jahren veröffentlichten Grundsätze - mit dem Ziel, Unternehmen und institutionelle Investoren bei ihrer Wertschöpfungsmessung zu einer Abkehr von der bisherigen kurzfristigen Ausrichtung zugunsten einer langfristigen Orientierung zu bewegen - entstanden in Zusammenarbeit mit Caipers und anderen Gruppen, denen die bisherige Geschäftsethik unzureichend erscheint.
Kurzfristige Denkweise der Profis
Für Judy Samuelson, Direktorin des Aspen Institute Business and Society Program, kommt es darauf an, wie „man den Zeithorizont von Investoren ausdehnt und die Vermögensverwalter mit den wirklich langfristig orientierten Investoren auf eine Linie bringt. Als Kleinanleger „brauche ich eine Überrendite nicht gleich morgen. Ich muss breit investiert sein und sicherstellen, dass ich mit Eintritt in den Ruhestand über die entsprechenden Mittel verfüge.“
Nicht die zumeist langfristig denkenden Kleinanleger seien das Problem, sondern die Investmentfondsmanager, deren Vergütung auf der Erreichung kurzfristiger Renditeziele basiere, sagt Samuelson. Dies zwinge das Management, sich stärker auf das kurzfristige Wachstum als auf erstklassige Produkte und Dienstleistungen zu konzentrieren, die sich langfristig bewähren.
Im Frühjahr dieses Jahres habe Caipers gemeinsam mit der amerikanischen Pensionskasse TIAA-CREF und dem britischen Vermögensverwalter F&C Aktionärsanträge unterstützt, die drei der größten Kreditkartengesellschaften aufforderten, ihr Kreditkartenmarketing, ihre gemeinhin als rücksichtslos geltenden Vergabe- und Inkassopraktiken sowie die Auswirkungen dieser Praktiken auf die Kreditnehmer zu durchleuchten und in einem Bericht offenzulegen, sagt Mark Regier, Ethikfondsmanager des MMA Praxis Mutual Funds der Mennonite Church USA mit einem verwalteten Vermögen von 700 Millionen Dollar.
Kreditkartengeschäft im Kreuzfeuer
„Dies sind die ersten Anträge mit Bezug auf das Kreditkartengeschäft“, sagt Eric Shostal, Leiter Nachhaltigkeitspolitik bei der Risk-Metrics Group (RMG), einem Anbieter von Dienstleistungen rund um Risikomanagement und verantwortungsvolle Unternehmensführung. „Einige Unternehmen vertraten (gegenüber der amerikanischen Börsenaufsicht SEC) die Ansicht, dass sie diese Anträge aufgrund eines Eingriffs in ihre gewöhnliche Geschäftstätigkeit nicht berücksichtigen könnten, was jedoch abgewiesen wurde.“
Auf den Hauptversammlungen von Bank of America, Citigroup und JP Morgan Chase wurden über diese Anträge abgestimmt. Die vorläufige Stimmenauszählung habe eine Zustimmungsrate von 33, 28 bzw. 8,4 Prozent ergeben, so Shostal. Bei einer Zustimmung von über 10 Prozent könne der Antragsteller den Antrag im Folgejahr erneut einbringen.
Zwei weitere Anträge gelangten nicht zur Abstimmung. Ein Antrag bezog sich auf die Praxis der kurzfristigen Kreditvergabe, bei der zu Wucherzinsen der nächste Gehaltsscheck als Sicherheit abgetreten wird. Im Visier standen Cash America und andere sogenannte „Payday Loan Shops“. Der andere Antrag thematisierte die Einhaltung der Eurodad Charter on Responsible Lending Practices, die im Januar 2008 von einem Netzwerk verschiedener europäischer Nichtregierungsorganisationen aus 17 Ländern ausgearbeitet und verabschiedet wurde. Dieser Charta liegt die Prämisse zugrunde, dass es im Zuge der weltweiten Finanzkrise neuer Kreditvergabepraktiken bedürfe.
Eine Frage des Managements
Größere Investoren, „insbesondere die praktisch überall investierenden Universalinvestoren“, seien sich zusehends der Einbußen ihrer Gesamtrendite bewusst, der durch Unternehmen entstehe, die ihre Kosten externalisierten, indem sie diese in der Wertschöpfungskette nach unten weiterreichten, anstatt Mittel und Wege zu finden, sie im Ursprung einzubinden, sagt Regier von MMA Praxis. Durch die Breite ihrer Portfolios könnten sie feststellen, wenn beispielsweise die höheren Gewinne eines Unternehmens, das Umweltsanierungskosten abwälze, durch die negativen Auswirkungen dieser Praxis auf ein anderes Unternehmen kompensiert würden.
„Sie erkennen Unternehmen, die ein besseres Management nötig hätten“, sagt Regier. „Im Zuge des Lösungsfindungsprozesses bei Untenehmen A wird [vom Management] ein besserer Weg zur Herstellung des Produkts gefunden.“
Im Zuge einer stärkeren Angleichung der Investoren- und Verbraucherinteressen geht es vor allem darum, sich Gedanken darüber zu machen, was auf lange Sicht den größten Nutzen bringt. Die dringende Notwendigkeit einer Verlagerung hin zu nachhaltigeren Geschäftsmodellen nahm bislang zwar größtenteils die Finanzdienstleistungsbranche ins Visier, aktive Aktionärsgruppen wie MMA Praxis stellen jedoch erste intensive Überlegungen an, diese auch in anderen Branchen zur Anwendung zu bringen.
Fehler im System
So ist etwa im Gesundheitssektor eine Neuordnung der Prioritäten der Interessengruppen überfällig. Hier sei es jedoch häufig schwerer, den Ausgangspunkt der Spannungen zwischen Investoren und Verbrauchern auszumachen, da sich die freien Marktkräfte in diesem Sektor nicht ungehindert entfalten könnten, meint Martin Bailey, Volkswirt beim Forschungsinstitut Brookings Institution. Nehme man nun noch das breite Spektrum der Versicherungsarten hinzu, dann gingen die konkurrierenden Interessen weniger auf das Profitstreben der Gesundheitsdienstleister als vielmehr auf die Ineffizienzen des Systems selbst zurück, so Bailey.
„Das Problem mit dem gegenwärtigen System besteht darin, dass wir Anreize zur Krankheitsbehandlung anstatt zur Gesundheitserhaltung schaffen“, sagt er. Zwar seien die beiden Aspekte teilweise miteinander verbunden, das aktuelle System begünstige jedoch offenbar übermäßige Arztbesuche, Untersuchungen und den Einsatz teurerer Medikamente, wenn kostengünstigere Generika einen mindestens ebenso guten Dienst leisten würden, so Bailey.
Um das System zu verbessern, müssten sich Bailey zufolge die Anreize für Verbraucher und Gesundheitsdienstleister ändern, wofür es umfangreiche Informations- und Aufklärungsmaßnahmen für Verbraucher bedürfe.
Das Interfaith Center on Corporate Responsibility (ICCR), eine interreligiöse Organisation institutioneller Investoren, habe zwar noch keine konkreten Anträge für die in den Portfolios ihrer Mitglieder repräsentierten Unternehmen des Gesundheitssektors ausgearbeitet, es existierten allerdings bereits gemeinsame Reformgrundsätze, die nach Regiers Überzeugung bei zukünftigen Lösungen hilfreich seien.
Austauschbeziehungen
Diese Grundsätze beruhen unter anderem auf der Frage, ob es für Gesundheitsunternehmen besser ist, mit einer geringen Zahl sehr kranker Menschen eine Menge Geld zu verdienen, oder ob sie nicht auf Geschäftsmodelle setzen sollten, die es ihnen ermöglichten, einer breiteren Bevölkerung mit weniger starken Erkrankungen und besserem Versicherungsschutz zu dienen, sagt Regier.
Dieser Aspekt habe Unternehmen wie Wal-Mart dazu bewogen, die Notwendigkeit einer Gesundheitsreform zu postulieren, in der das Unternehmen die Chance zu einem besseren Kostenmanagements sehe, mit dem die Ausgaben im Zusammenhang mit Abwesenheitszeiten der Mitarbeiter und die negativen Folgen eines schlechten Gesundheitszustands am Arbeitsplatz verringert werden könnten, so Regier.
„Genau hier spielen die institutionellen Investoren nach meiner Ansicht eine so wichtige Rolle. Wir haben Portfolios, die noch in 30 bis 40 Jahren existieren sollen“, sagt er. Dieser lange Zeithorizont schaffe Anreize für institutionelle Investoren, auf stärker nachhaltigkeitsorientierte Geschäftspraktiken jener Unternehmen hinzuwirken, in die sie investieren. „Weiten wir als institutionelle Investoren unseren Horizont also etwas stärker aus.“
Idealerweise sollte es eine bestimmte Deckung der Interessen von Verbrauchern und Investoren geben, die sich von ihrem Unternehmen Qualitätsprodukte wünschten, um die Verbraucherbedürfnisse zu decken, ohne ihnen zu schaden, und um ihr Wohlergehen und ihren Lebensstandard zu erhöhen, sagt Robert Weissman, Direktor von Economic Action, einer gemeinnützigen Organisation, die sich für eine bessere Rechenschaftspflicht von Unternehmen einsetzt.
Staatliche Maßnahmen
„Gleichzeitig gibt es jedoch einen zentralen Konflikt: Investoren haben auch ein Interesse daran, wenn Verbrauchern das Geld aus der Tasche gezogen oder ihnen Dinge verkauft werden, die sie nicht brauchen oder von zweifelhafter Qualität sind“, sagt er. „Führen diese Praktiken zu einer Steigerung des Gewinns, wird ihnen von Seiten der Investoren in der Regel Beifall gezollt“.
Auch die amerikanische Regierung ist mit Blick auf eine Angleichung der Interessen von Unternehmen, Investoren und Verbrauchern aktiver geworden, und arbeitet damit an der Umkehrung einer Entwicklung, die es viele Jahre lang den Unternehmen überließ, ihre Beziehungen mit den Verbrauchern zu bestimmen. Zu den staatlichen Maßnahmen zählen Initiativen zur Darlehensmodifikation, die Kreditgeber vor rechtlichen Schritten von Seiten der Investoren schützen würde, und Gesetze, die der amerikanischen Nahrungs- und Arzneimittelbehörde FDA die Genehmigung generischer Biologika (mittels biotechnischer Verfahren aus lebenden Zellkulturen gewonnene Arzneimittel) gestatten und deren kosteneffektive Markteinführung ermöglichen würde, wovon sowohl Vertriebshändler als auch die Pharmacy Benefit Manager als optimierende Mittler zwischen Krankenversicherern, Versicherten und Pharmaunternehmen profitieren würden.
Doch nicht nur Investoren müssen gegebenenfalls den Zeithorizont ihrer Ziele anpassen. Aus anderem Standpunkt betrachtet dürfte die Möglichkeit der Modifikation von Hypothekendarlehen notleidender Eigenheimbesitzer ihren kurzfristigen Interessen dienen, ohne ihr Finanzverhalten auf lange Sicht positiv zu beeinflussen.
„Ich bin mittlerweile der Auffassung, dass beim Kauf eines Hauses eine beträchtliche Anzahlung, sagen wir 20 Prozent, zu leisten sein muss“, sagt Green von der Universität von Südkalifornien. „Und hierfür müssen wir durch Sparmechanismen mit automatischer Einbeziehung auf eine höhere Sparrate hinwirken.“ Diese Mechanismen hätten durch Integration in staatlich geförderte Altersvorsorgepläne zu höheren Ersparnissen geführt, als dies bei Pensionsplänen der Fall sei, die man aktiv abschließend müsse, sagt er. „Wenn Unternehmen die Pläne so strukturieren, dass sie durch den Arbeitnehmer gekündigt werden müssen, wenn dieser keine Einbeziehung wünsche, dann kündigen die Leute nicht.“
Bodenbildung im Häusermarkt ist ganz einfach
Christoph Anschütz (Anschuetz)
- 18.06.2009, 10:47 Uhr
Der zweite Paragraph macht keinen Sinn.
Klaus Schmidt (Wetten)
- 18.06.2009, 15:48 Uhr
Bodenbildung, aber keine Besserung der Lage -- aber genau wo?
Gerhard Dünnhaupt (dunnhaupt)
- 18.06.2009, 18:40 Uhr
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