28.02.2010 · Finanzprodukte haben Risiken und Nebenwirkungen. Darüber wollen die Banken jetzt aufklären. Eine Garantie ist das nicht. Die Darstellung der Kosten ist die größte Schwäche der bisherigen Beipackzettel.
Von Nadine Oberhuber und Dyrk ScherffUnd sie bewegt sich doch: Da hat die Bankenwelt jahrelang gemauert, gestritten und sich quergestellt - und auf einmal kommt Bewegung in die Sache: Am Freitag haben die privaten Banken einen gemeinsamen Vorschlag für Informationsblätter vorgelegt, die sie Anlegern künftig beim Verkauf ihrer Produkte in die Hand geben wollen. Die „Beipackzettel“, wie sie flapsig heißen, sollen in aller Kürze über Risiken, Nebenwirkungen und Kosten von Finanzprodukten aufklären.
Das Muster für ein solches Informationsblatt orientiert sich an Vorschlägen aus dem Bundesverbraucherministerium und Vorgaben der EU-Kommission. Auf zwei Seiten spricht es sieben Punkte an: Um was für ein Anlageprodukt es sich handelt, wer es verkauft, wie es funktioniert und welche Rendite bei verschiedenen Marktszenarien zu erwarten ist. Zudem beschreibt das Informationsblatt das Risiko, nennt die Kosten und gibt steuerliche Hinweise.
Im Frühsommer dürften die ersten Produkte auf Basis dieser Standards verkauft werden. Die Genossenschaftsbanken wollen nachziehen und im Frühjahr ihre Vorschläge für ein Informationsblatt ihrer Institute vorlegen. Auch die Sparkassen streben für ihre Gruppe einheitliche Beipackzettel an.
Die Informationsoffensive kommt nicht ganz freiwillig. Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner hat mit einem Gesetz gedroht, wenn die Banken keine geeigneten Vorschläge unterbreiten. Sie nannte den Entwurf vom Freitag ein „erfreuliches Signal für eine bessere Aufklärung“ der Banken, mahnte aber einen standardisierten „Beipackzettel“ für alle Institute an.
Zuvor hatten Banken, Politiker und Verbraucherverbände jahrelang gestritten, ob solche Produktblätter überhaupt sinnvoll sind. Sie seien eine wichtige Information für Kunden, argumentierten Verbraucherschützer. Nein, sie verursachten bloß Arbeit und Kosten und ließen sich in dieser Kürze nicht darstellen, entgegneten die Banken. Dieser Streit um eine bessere Aufklärung der Kunden schwelte schon vor der Finanzkrise. Als diese dann ausbrach, fühlte man sich im Verbraucherministerium zum Handeln veranlasst. Die Versicherungsbranche bekam das früher zu spüren: Sie muss seit zwei Jahren per Gesetz ihre Kosten offenlegen.
Mit ihrem gemeinsamen Entwurf haben die privaten Banken zumindest für ihre Gruppe einen Wildwuchs an verschiedenen Beipackzetteln verhindert. Der drohte, nachdem mit der Deutschen Bank, der Direktbank ING-Diba und dem Finanzdienstleister MLP die ersten Finanzinstitute seit kurzem ihre eigenen Beipackzettel an die Kunden ausgeben.
„Das habe ich verstanden.“
Eine Analyse dieser Informationsblätter gibt einen ersten Überblick darüber, wie die Banken künftig informieren wollen und was die Zettel bringen. Bisher ist das Echo auf die Produktblätter der drei Häuser ziemlich positiv. Die Beipackzettel von ING Diba und Deutscher Bank sehen fast genauso aus, wie das Ministerium es in seinem Musterblatt vorgeschlagen hat. Die ING Diba übernimmt alle zehn Punkte, die Deutsche Bank immerhin sieben - wie der gemeinsame Vorschlag der privaten Banken vom Freitag. Die Deutsche Bank fügt zusätzlich kleine Piktogramme ein, die zum Beispiel sofort erkennen lassen, in welche Region man investiert. Und selbst kritische Kunden sagen nach dem Lesen der DIN-A4-Zusammenfassung: „Das habe ich verstanden.“
Wer sich aber mit Finanzprodukten kaum auskennt und sich vom Beipackzettel die Antwort auf alle Fragen erhofft, dürfte enttäuscht sein. Mit dieser eher naiven Vorstellung darf man allerdings auch diese Blätter nicht zur Hand nehmen. „Man darf ihren Nutzen nicht zu hoch einschätzen. Sie sind eine Zusatzinformation, aber sie ersetzen nicht den Beratungsprozess“, warnt Dorothea Mohn vom Verbraucherzentrale- Bundesverband in Berlin.
Garantiezertifikat, Dachfonds und Stufenzinsanleihe
Wer den Zettel gelesen hat, versteht im Idealfall, was der Unterschied zwischen einem Garantiezertifikat, einem Dachfonds und einer Stufenzinsanleihe ist. Weil es so einfach wie im Lehrbuch erklärt wird. Er weiß, wer am Ende der Verkaufskette hinter dem Produkt steht. Und er weiß, ob er sich dabei im schlimmsten Fall „nur“ auf einen „Kursverlust“ einlässt, womöglich einen „Totalverlust“ riskiert, oder ob er „kein Risiko“ eingeht. Die Deutsche Bank schlüsselt zudem auf, in welche Risikoklasse das Produkt fällt. Oder wüssten Sie, wie riskant eine Schatzanleihe ist? Die Bank sagt: „Stufe 2 von 5“.
Nun könnte man dagegenhalten, das alles hätten Anleger bisher schon wissen können, wenn sie sich ordentlich über die Produkte informiert und die 200-seitigen Verkaufsprospekte gelesen hätten. Aber ist es schlecht, dass wichtige Informationen erstmals so knapp und übersichtlich präsentiert werden wie nie zuvor?
Der Anleger unterschätzt die Kosten
Warum haben sich eigentlich so viele so lange gegen diesen Beipackzettel gewehrt? Banken und Vermittlern graute vor allem davor, dass sie nun auch die Kosten der Produkte auf den ersten Blick auflisten sollen. Vor allem die Provisionen, die verraten, welches Interesse sie selbst am Verkauf der Produkte haben. „In Deutschland werden Produkte nicht ge-kauft, sondern ver-kauft“, sagt Finanzprofessor Martin Weber von der Universität Mannheim. Die Benennung der Kosten ist daher auch die größte Baustelle der Infoblätter.
Die Blätter nennen die einmaligen Ausgabeaufschläge und Provisionen sowie die jährlichen Verwaltungsgebühren. Nur hilft das dem Anleger herzlich wenig. Denn alle Zahlen stehen einzeln da und in Prozent. Die Branche hätte sich stattdessen auf eine einheitliche Kennziffer pro Produkt einigen können. Zwar taucht auch die magische „Total Expense Ratio“ auf, die angeblich die Komplettkosten von Fonds beziffert. „Aber wir wissen doch alle, dass das höchstens eine Partial Expense Ratio ist, in der nicht mal die Handelskosten inbegriffen sind“, rügt Weber: „Außerdem: Wenn man keine absoluten Zahlen nennt, unterschätzt der Anleger die Kosten meist völlig.“
Noch viel zu tun
Es wäre so einfach: Man müsste nur in blanken Zahlen ausrechnen, was bei einer Anlage von 10.000 Euro ein Fonds, ein Zertifikat oder eine Anleihe im ersten Jahr kostet, inklusive Kaufgebühren, und was man über zehn Jahre dafür bezahlt. Fast so macht es das MLP-Blatt, das aber ansonsten mit vielseitigem Werbetext daherkommt. Genau diese Summe nämlich sei eine der Zahlen, die Anleger beim Kauf interessieren, sagt Weber. Sie bestimme auch maßgeblich mit über die spätere Höhe des Ersparten.
Auch über die Rendite eines Wertpapiers sagen die Blätter nichts. Warum sie nicht wenigstens die bisherige Wertentwicklung eines Referenzindex auflisten, bleibt etwas rätselhaft. Es nimmt dem Anleger die Möglichkeit, sich bei großen Chancen und klar erkennbarem Risiko bewusst auch für ein teureres Produkt zu entscheiden. Daran müssten die Banken doch ein vitales Interesse haben. Es bleibt also noch viel zu tun bei diesem Zettel.
Eine sehr gute Idee ist die Nennung der Provisionen ........
Rüdiger Noll (krn)
- 28.02.2010, 14:00 Uhr
@ Herr Noll: hoffentlich haben Sie das ironisch gemeint
Lars Köhler (LK670)
- 01.03.2010, 12:18 Uhr
Nadine Oberhuber Jahrgang 1973, freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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Dyrk Scherff Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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