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Indien „Zu schön, um wahr zu sein“

23.11.2006 ·  Sanjiv Duggal, Fondsmanager des HSBC Indian Equity, im F.A.Z.-Interview über den indischen Aktienmarkt und die Frage, warum er im Frühjahr von Investitionen in seinen Fonds abgeraten hatte.

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Normalerweise sind Fondsmanager Berufsoptimisten - nicht zuletzt, weil sich das Gebührenaufkommen nach der Höhe des verwalteten Vermögens bemißt. Deshalb war das Vorgehen von Sanjiv Duggal im April dieses Jahres sehr ungewöhnlich, als er von Investitionen in seinen Fonds HSBC Indian Equity abriet. Nur einen Monat später setzte dann tatsächlich eine ausgeprägte Korrekturbewegung am indischen Aktienmarkt ein. Duggal führt den Indien-Fonds inzwischen seit zehn Jahren.

Warum haben Sie im April die Notbremse gezogen?

Zu diesem Zeitpunkt lief die Spekulation aus dem Ruder, was man beispielsweise an den Terminkontrakten auf Einzelaktien ablesen konnte. Der Aktienmarkt war völlig überhitzt, die Kursentwicklung zu schön, um wahr zu sein. Wir sahen die Umsätze, die treibenden Faktoren - und sind in den Geldmarkt gegangen.

Im Mai und Juni kam es dann zu einer ausgeprägten Kurskorrektur. Der Sensex-Index verlor zwischenzeitlich ein Drittel seines Wertes. Hat sich Ihre Mahnung zur Zurückhaltung damit erledigt?

Wir gehen weiterhin behutsam vor. Von kurzfristigen Engagements ist abzuraten, denn hierbei sind Stimmungen der Schlüsselfaktor für die Kursentwicklung. Mit einem Zeithorizont von drei bis fünf Jahren haben wir allerdings im Juni wieder den Einstieg in unseren Indien-Fonds empfohlen. Hier bleibt die Aussicht auf ein überdurchschnittliches Wirtschaftswachstum in den nächsten Jahren das beherrschende Thema.

Der indische Aktienmarkt scheint aber durch seine vergleichsweise hohe Bewertung weiterhin besonders schwankungsanfällig zu sein.

Deswegen sollte man eben nicht kurzfristig agieren. Obwohl die Bewertung so hoch ist, glauben die Investoren an das Wachstumsthema. Allerdings ist der indische Aktienmarkt auch einer der abwechslungsreichsten in Asien. Sektoren, mit denen das Wachstumsthema besetzt werden kann, sind ohne Zweifel sehr teuer. Es gibt aber beispielsweise auch den Energie- und Rohstoffsektor, dessen Bewertung im üblichen Rahmen liegt.

In welchen Branchen sind Ihre Favoriten zu finden?

Ich sehe zwei große Themen. Das eine Thema ist die schlechte Infrastruktur in Indien und der dadurch bestehende Nachholbedarf. Dieses Thema decken wir mit Aktien aus der Bauzuliefererbranche wie Zement und Stahl ab. Das andere große Thema ist ein eher politisches. Die Früchte der Reformen und des Wachstums kommen zunehmend den Ärmeren zugute, auch in den ländlichen Regionen. Das bedeutet steigende Einkommen und sollte deshalb den Konsum beleben. Abzudecken ist dieses Thema unter anderem mit klassischen Konsumgüterwerten, aber auch mit Automobil- und Telekommunikationstiteln. Bei letzteren muß man sich nur mal vorstellen, daß in Indien jeden Monat sechs Millionen neue Mobiltelefone auf den Markt kommen.

Und die beliebte Argumentation, daß das Wachstum aus der indischen Mittelschicht kommt?

Das ist eine Geschichte aus der Vergangenheit. Das Wachstum heutzutage kommt aus dem ländlichen Indien.

Wie schätzen Sie die politischen Risiken ein?

Es ist unbestreitbar ein Risiko, daß sich der Reformprozeß verlangsamen könnte. Allerdings nimmt durch die wachsende Stärke der Unternehmen der Druck auf die Regierung zu, den Wandel voranzutreiben. Es ist inzwischen auch eine Stabilisierung in den armen östlichen Landesteilen zu beobachten. Insgesamt betrachtet sind die politischen Risiken derzeit überschaubar.

Die Investmentbank Goldman Sachs sieht Indien zusammen mit Brasilien, Rußland und China bis 2035 an den heute führenden Industrieländern der Welt vorbeiziehen. Ist dieses Szenario realistisch?

Es ist möglich. Es gibt aber weiterhin eine Menge Herausforderungen, die zu meistern sind.

In den vergangenen Jahrzehnten war Indien immer für eine Enttäuschung gut. Warum sollte das diesmal anders sein?

Die indische Unternehmenslandschaft ist in einer robusteren Verfassung. Die Wirtschaft ist global wettbewerbsfähig - das hat sich wirklich geändert.

Das Gespräch führte Steffen Uttich.

Quelle: F.A.Z., 23.11.2006, Nr. 273 / Seite 27
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