Ein Aktienindex ist eine schöne Sache. Wer Deutschland im Depot haben will, braucht sich nicht mehr mühsam 30 oder 100 deutsche Aktien zu kaufen, sondern nur ein einziges Wertpapier. Nämlich eines, das den Dax oder den F.A.Z.-Index abbildet. Das spart viel Gebühren und Zeit, weil man sich nur auf die Entwicklung des einen Wertpapiers konzentrieren muss.
So ein Wertpapier kann ein Zertifikat oder ein Optionsschein auf einen Index sein. Oder ein Fondsanteil. Klassisch sind die Fonds, bei denen ein Fondsmanager sich zwar an einem Index orientiert, aber durch gezielte Übergewichtung vermeintlich besonders chancenreicher Aktien besser als der Index sein will. Dieses aktive Fondsmanagement ist das Gegenstück zu den Indexfonds (ETF). Sie versprechen, dass sich ihr Fonds möglichst exakt so entwickelt wie der zugrundeliegende Aktienindex, sie wollen gar nicht besser sein.
Des Indexfonds' Kern ist der Stein des Anstoßes
Ein Fondsmanager und ein Researchteam sind hier überflüssig, denn die Auswahl der Aktien gibt der Index vor, sie muss nicht erst durch umfangreiche Analysen wie bei den aktiven Fondsmanagern ermittelt werden. Daher heißen die ETF auch Passivfonds und sind besonders preisgünstig, weil viel weniger Personal bezahlt werden muss. Oft verdienen Anleger mit ihnen sogar mehr Geld, weil zwei Drittel der konkurrierenden aktiv geführten Fonds regelmäßig schlechter abschneiden als der Index. Und dafür auch noch teurer sind als die Indexfonds.
Aus diesen Gründen sind Indexfonds in den vergangenen Jahren immer beliebter geworden. Doch jetzt ist der Aufschwung in Gefahr. Eine neue Debatte bringt manche ETF in Misskredit. Dabei geht es um die Sicherheit der Produkte. Besonders hervor trat dabei die Fondsgesellschaft Blackrock, die über ihre Marke iShares einer der Marktführer in Deutschland ist. Ihrer Kritik hat sich in der vergangenen Woche auch die britische Finanzaufsicht FSA angeschlossen.
Im Kern geht es in der Diskussion darum, wie Indexfonds konstruiert sein sollen. Der klassische Weg ist, den Index voll nachzubauen, indem man die Aktien, die er enthält, im gleichen Gewicht kauft. Voll replizierend nennt sich das Verfahren. Diesen Weg geht iShares bei den meisten ihrer Fonds.
Hat ein Index viele Aktien, wie etwa der amerikanische Standard & Poor's 500 mit 500 Aktien, dann ist das ein teures Unterfangen. Einige Anbieter bauen den Index daher nur zum Teil nach, indem sie etwa nur die großen Titel kaufen, die den Index wirklich beeinflussen. Oder sie investieren in ein Aktienportfolio, das in seiner Rendite- und Risikostruktur dem Index sehr nahekommt. Dann würden Fonds etwa für einen Dax-ETF europäische Aktien kaufen, die sich ähnlich wie deutsche Aktien entwickeln.
Synthetisches mit Verlustrisiko
Viele Konkurrenten von Blackrock wie die Deutsche-Bank-Tochter db x-trackers, Lyxor oder Comstage verzichten ganz auf den Nachbau des Index und bilden ihn synthetisch nach. Es ist daher nicht ganz uneigennützig, dass Blackrock genau diese Konstruktionsweise kritisiert. Die Fondsgesellschaft und jetzt auch die FSA monieren, dass synthetisch gebaute ETF ein erhöhtes Risiko haben, weil sie mit Banken Verträge schließen, die im Insolvenzfall der Bank zu Verlusten des Fonds führen können. Denn die Fondsgesellschaft vereinbart mit einer Bank ein Tauschgeschäft, einen Swap.
Der Fonds investiert dabei in einen Korb aus liquiden Aktien oder Anleihen, die nicht mit dem Index übereinstimmen müssen. Im Dax-ETF von db x-trackers sind die größten Positionen zum Beispiel Apple, Roche und JP Morgan. Die erste deutsche Aktie taucht mit BASF erst auf Platz elf auf. Das ist aber nicht schlimm, denn der Aktienkorb dient als Sicherheit, die Aktien werden bei einer anderen Bank hinterlegt.
Renditetausch
Die Fondsgesellschaft tauscht nun mit der Bank die Rendite, die sie mit dem Aktienkorb erwirtschaftet, gegen die Rendite des Index. Die Bank ist dabei verpflichtet, die Wertentwicklung des Index täglich zu garantieren. Die Bank selbst sichert sich ab, indem sie die Aktien des Index zum großen Teil kauft. Das heißt faktisch: Die Fondsgesellschaft hat die volle Replizierung an die Bank ausgelagert. Das ist billiger, weil die Banken die Aktien häufig schon aus anderen Quellen in ihren Beständen haben.
Zudem bildet der Indexfonds den Index genauer ab, weil das die Bank so garantieren muss. Und schließlich ermöglicht nur die synthetische Konstruktion, alle Märkte abzubilden. Denn in Rohstoffe oder in für Ausländer verschlossene Schwellenländer könnten Indexfonds anders gar nicht investieren, weil sie die Werte nicht immer direkt kaufen können.
Synthetische Fonds 2.0
Diesen Vorteilen steht allerdings in der Tat das Risiko einer Insolvenz des Swap-Partners gegenüber. Der Verlust der Anleger daraus kann bis zu zehn Prozent betragen. Db x-trackers lässt freiwillig nur maximal fünf Prozent zu. Das gilt etwa für die ETF auf den Dax, den Euro Stoxx 50 oder den MSCI Welt.
Der Chef der Gesellschaft, Thorsten Michalik, betont, dass die neu aufgelegten Fonds ein kleineres Risiko haben, denn sie seien - gesetzlich vorgeschrieben - mit 120 Prozent ihres Wertes besichert. Das gilt etwa für die ETF auf den S&P-500 oder den MSCI Emerging Markets. Bei diesen neuen ETF kauft die Fondsgesellschaft auch keine Aktien mehr. Sie hat nur noch einen Vertrag mit einer Bank. Diese hinterlegt einen Aktienkorb, der nichts mit dem Index zu tun haben muss, als Sicherheit bei einer anderen Bank.
Die Kritik von Blackrock und FSA geht also nicht ganz ins Leere. Blackrock fordert sogar, die synthetischen ETF nicht mehr als ETF bezeichnen zu dürfen. „Äpfel sollten nicht mit Birnen verwechselt werden“, sagt iShares Europa-Chef Joseph Linshare. Das trifft die Gesellschaft allerdings auch selbst. IShares hat ebenfalls ein paar ETF synthetisch gebaut.
Linshare vergaß auch, dass die volle Replizierung, auf die iShares setzt, ebenfalls ihre Tücken hat. Hier kaufen die Fonds die Aktien aus dem Index selbst und verleihen sie dann häufig weiter. Dafür kassieren sie Leihgebühren. Sie holen sich dadurch aber auch ein Insolvenzrisiko ins Haus. Fällt der Leihpartner aus, sind die Aktien in Gefahr. Welche Sicherheiten für diesen Fall hinterlegt wurden, erfährt der Anleger oft nicht.