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Immobiliensparen Briten sparen - sofern sie es sich leisten können

10.09.2009 ·  Die Briten kennen kein Angstsparen. Deshalb haben sie vor der Finanzkrise konsumiert, was die Banken an Kredit hergaben. Auch jetzt ist die Sparquote nur leicht gestiegen. Geld legen die Inselbewohner vor allem für die Finanzierung ihres Eigenheims zurück.

Von Bettina Schulz, London
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Die Briten sparen entspannter als die Deutschen. Sie haben im Gegensatz zu den Deutschen in der jüngeren Geschichte keine Hyperinflation und keine Währungsreformen erlebt. Die Erfahrung der Geldentwertung und die Angst vor dem monetären Schwund stecken den Engländern nicht so in den Knochen wie der deutschen Bevölkerung. Dieser historische Unterschied erklärt, warum sich die Engländer - ähnlich wie die Amerikaner - weniger gezwungen sehen, für harte Zeiten einen Penny auf die hohe Kante zu legen. Dieses Sparverhalten erklärt auch den etwas anderen Ansatz der Bank von England in der Geldpolitik. Es spielte gar eine Rolle bei der Entscheidung der Engländer, der Währungsunion - ein von den Deutschen empfundener Zusammenschluss der Stabilität - nicht beizutreten.

Die britischen Haushalte sparen derzeit nach Angaben des Office of National Statistics 3 Prozent ihres verfügbaren Einkommens. Auf dem Höhepunkt des Wirtschaftsbooms vor der Finanzkrise waren es etwa 2,5 Prozent. Seit Anfang der neunziger Jahre hat sich die Sparquote mehr als halbiert. Der größte und längste Wirtschaftsaufschwung seit der Nachkriegszeit wurde in Großbritannien begleitet von immer höherem Konsum, immer stärkerer Verschuldung und einer stetig sinkenden Sparquote. Es war zu einfach, die Hypothek auf das Eigenheim angesichts der steigenden Immobilienpreise aufzustocken und von billigem Kredit zu profitieren.

Investitionen in ihr Eigenheim

Interessanterweise war gerade in der Zeit der hohen Verschuldung und Konsums zu beobachten, dass große Summen in Finanzprodukte flossen - eine Folge der gespaltenen Gesellschaft, bei der sich der eine Teil der Bevölkerung immer mehr verschuldet, der andere hingegen einen steigenden Lebensstandard genießt und das zum Teil mit Erträgen aus Finanzprodukten finanziert.

Dabei stammt die Idee des Volkssparens nach britischen Angaben von einem schottischen Pastor Henry Duncan, der im Jahr 1810 seiner Gemeinde und den Stadtherren eine Kirchenbank vorschlug, um die ärmere Bevölkerung zum Sparen zu animieren. Es wurde die erste Sparbank gegründet, bei der jeder Bürger für 10 Pfund ein Sparkonto öffnen konnte. Auf die Guthaben wurden 5 Prozent Zinsen gezahlt. Innerhalb von 5 Jahren gab es überall in Großbritannien Sparbanken.

Heute fördert der britische Staat über steuerbegünstigte Anlagekonten, sogenannte „Individual Savings Accounts“, das Volkssparen. In diesen Tagen werben die Banken wieder mit Zinssätzen von bis zu 4,6 Prozent, um Einlagegelder für die ISA-Konten zu sammeln. Mittlerweile haben 33 Prozent aller britischen Erwachsenen ISA-Sparkonten, auf denen 220 Milliarden Pfund gehalten werden. Weit mehr sparen die Briten freilich außerhalb dieser Spezialkonten, vor allem über Investitionen in ihr Eigenheim.

Immobilieneigentum immer unerschwinglicher

Anders als in Deutschland, wo junge Ehepaare zunächst eine Wohnung mieten und sich erst mit steigendem Lebensstandard für den Kauf oder Bau eines Eigenheims entscheiden, gehört es zum Verständnis britischer Familien, sich relativ früh in der Ehe zu verschulden und als „first time buyer“ ein Eigenheim zu erstehen. Im Laufe der Jahre stottern die Briten dann ihre Hypothek ab, entschulden sich also und profitieren dann im Alter von einer abbezahlten und im Wert deutlich gestiegenen Immobilie.

Diese kann dann verkauft werden und der Erlös reicht für einen bescheidenen Altersruhesitz für die ältere Generation und das Startkapital für eine neue Immobilie der Nachfolgegeneration. Diese Art des britischen Generationenvertrages hat viele Haushalte über die großen Konjunkturausschläge des „boom and bust“ britischer Wirtschaftszyklen hinübergerettet.

In den letzten Jahren funktionierte dieser Mechanismus jedoch vor allem für die ärmere Bevölkerungsschicht Großbritanniens nur noch eingeschränkt. Der starke Wirtschaftsaufschwung und vor allem die extrem günstig vergebenen Hypotheken haben in den letzten Jahren einen derart gewaltigen Preisanstieg am Immobilienmarkt ausgelöst, dass Immobilieneigentum für die einfache Bevölkerung immer unerschwinglicher wurde.

Superlativen nur die Spitze genommen

Im vergangenen Jahr ist der Gini-Koeffizient, der die Einkommensdivergenz in der Bevölkerung misst, nach Angaben des Institute for Fiscal Studies auf den höchsten Stand seit der Nachkriegszeit gestiegen. Noch nie war der Einkommensunterschied in der britischen Bevölkerung so groß wie jetzt. Auf der einen Seite hat die obere Mittelschicht von dem Wirtschaftsaufschwung der letzten zehn Jahre überproportional profitiert. Gleichzeitig sickerte der steigende Lebensstandard immer weniger nach unten durch, und die Einkommen des ärmsten Fünftel der Bevölkerung gaben sogar nach.

Für die ärmere Schicht der Briten ist es daher illusorisch, an der Wertentwicklung des Immobilienmarktes teilzuhaben. Im Gegenteil: Wer beim Hauskauf das Risiko einging, sich im Boom vor der Finanzkrise extrem hoch zu verschulden, was damals mit Hypotheken zu 120 Prozent des Beleihungswertes möglich war, leidet heute doppelt durch den Hauspreisverfall und steigende Arbeitslosigkeit.

Vor der Krise machte der durchschnittliche Wert der billigsten 25 Prozent der Häuser im südlichen England und London schließlich das Neunfache des Jahreseinkommens der unteren Bevölkerungsschicht aus. Der Durchschnitt der Bevölkerung musste für sein Haus „nur“ Faktor 6,3 seines Durchschnittseinkommens aufbringen. Früher hatte der Wert bei Faktor 4 gelegen. Selbst der Preiseinbruch von etwa 25 Prozent am britischen Häusermarkt hat diesen Superlativen nur die Spitze genommen. Britische Immobilien sind für die Bevölkerung immer noch weniger erschwinglich als in früheren Jahren.

Hoffnungsvoll den Lottoschein einlösen

Die bittere Erkenntnis für die ärmere Bevölkerungsschicht in Großbritannien ist, dass der hochverschuldete Staat in den kommenden Jahren noch weniger Mittel als bisher in den Bau von Sozialwohnungen stecken wird. Die schleppende Kreditvergabe der Banken wird ebenfalls dazu führen, dass auf Jahre hinaus der Wohnungs- und Häuserbedarf der wachsenden Anzahl britischer Haushalte nicht gedeckt werden wird, warnt das Royal Institute of Chartered Surveyors (Rics).

Die Briten sparen in dieser Rezession, aber es spart nur der, der es sich leisten kann, und selbst dann ist es oft nicht genug. Nach einer Umfrage von National Savings & Investments gaben 32 Prozent der befragten britischen Sparer an, dass sie in einer Notsituation mit ihrem Geld nicht zurechtkommen würden. Das sind über 15 Millionen Briten. Die Hälfte der Bevölkerung sagt, dass sie nicht mehr sparen könne, weil es vorn und hinten nicht reiche. Fast 40 Prozent der Bevölkerung meinen angesichts der derzeit schwierigen Wirtschaftslage, dass sie sogar in den kommenden Monaten eher weniger sparen werden. Der Anteil der Briten, die regelmäßig Erspartes zurücklegen, blieb daher in dieser Krise bei 47 Prozent konstant. So dramatisch diese Finanzkrise und Rezession auch war, sie hat nur bei 2 Millionen Briten den Vorsatz ausgelöst, in Zukunft mehr zu sparen. Der durchschnittliche Sparbetrag der Briten beläuft sich nach Angaben von National Savings and Investments auf 18.443 Pfund, also gut 21 000 Euro.

Im Schnitt legt jeder Brite statistisch etwa 92 Pfund auf die Seite. Aber diese Zahl ist wenig aussagekräftig, da der Unterschied in der Bevölkerung erheblich ist. Die Divergenz von Einkommen und Sparen ist vor allem in London erschreckend. Ein Teil der Bevölkerung scheint selbst in der jetzigen Rezession kaum zurückstecken zu müssen. Von der „working class“ stehen die Frauen und Männer hingegen nach wie vor an der Kasse, kaufen für ihre Kinder Chips, für sich selbst Zigaretten und lösen hoffnungsvoll ihren Lottoschein ein.

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Wirtschaftskorrespondentin in London.

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