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Im Gespräch: William Poole „Die amerikanische Zentralbank will Inflation schaffen“

 ·  Die Europäische Zentralbank hat am Donnerstag den Leitzins erhöht. Folgt ihr die Fed in Amerika? Nicht zu rasch, glaubt William Poole. Der amerikanische Geldpolitiker war bis März dieses Jahres Präsident der Notenbank Federal Reserve of St. Louis.

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Der Euro ist in den vergangenen Wochen gegen den Dollar unter anderem aufgrund unterschiedlicher Zinserwartungen nach oben gelaufen. Tatsächlich hat die Europäsiche Zentralbank (EZB) am Donnerstag den Leitzins um einen Viertelprozentpunkt auf 4,25 Prozent erhöht, während die Erwartungen einer Zinserhöhung in Amerika in den vergangenen Tagen abgenommen haben.

Tatsächlich dürfte die amerikanische Zentralbank (Fed) beim nächsten Treffen des Gremiums, das für die Zinspolitik verantwortlich ist, den Leitzins unverändert lassen. Aufgeschoben ist jedoch nicht aufgehoben, meint William Poole. Er war bis März dieses Jahres Präsident der Notenbank Federal Reserve of St. Louis. Jetzt arbeitet er als Berater für Merk Investments in Kalifornien.

Die Europäische Zentralbank hat am Donnerstag den Leitzins wie erwartet um einen Viertelprozentpunkt auf 4,25 Prozent erhöht. War dieser Schritt angesichts der Konjunkturrisiken richtig?

Es ist klar, dass die amerikanische Notenbank und die Europäische Zentralbank (EZB) leicht unterschiedliche Kurse einschlagen. Die EZB senkte die Zinsen nicht, als die Sorgen in den Kreditmärkten eskalierten, während die Federal Reserve (Fed) den Leitzins ziemlich aggressiv senkte. Ich persönlich habe große Sorgen über die inflationäre Entwicklung weltweit und sicherlich auch in den Vereinigten Staaten. So sympathisiere ich eher mit der EZB als mit der Fed.

Wird nun auch die amerikanische Zentralbank die Zinsschraube fester drehen?

Ich gehe nicht davon aus, dass die Fed beim nächsten Treffen des Zins bestimmenden Gremiums Anfang August den Leitzins erhöhen wird. Die Entscheidungen der Fed hängen von den Konjunkturdaten ab, die in der Zukunft veröffentlicht werden werden. Sollten die Arbeitsmarktdaten nicht allzu schlecht ausfallen und gleichzeitig die Inflationsdaten höher liegen als erwartet, so nähme die Wahrscheinlichkeit für einen Zinserhöhungszyklus allerdings zu.

Was bedeutet das für den Dollar? Immerhin argumentieren inzwischen einige, die amerikanische Zentralbank müsse den Zins erhöhen, um den Wechselkurs zu stabilisieren.

Ich betrachte die Entwicklung des Dollar als ein wichtiges Symptom für den Inflationsdruck in den Vereinigten Staaten, angesichts der unterschiedlichen Strategien von Fed und EZB. Es wäre sicherlich falsch, den Wechselkurs zum Ziel der Geldpolitik zu machen. Allerdings sollte ihn die Fed als einen wichtigen Faktor bei der Beurteilung der Inflation berücksichtigen.

Der Dollar beeinflusst stark die amerikanischen Importpreise und besonders die Rohstoffpreise. Manche argumentieren, die Rohstoffe seien so teuer, weil der Dollar so schwach sei.

Keine Frage, die Rohstoffpreise sind sicherlich durch den schwachen Dollar beeinflusst worden. Abgesehen vom Öl haben die Rohstoffpreise jedoch keinen größeren Einfluss auf die amerikanischen Preisindizes direkt. Rund zwei Drittel des amerikanischen Sozialprodukts kommen aus dem Dienstleistungsbereich. So ist die Lohnentwicklung wichtiger - und die Lohnsteigerungen in den Vereinigten Staaten sind bisher moderat.

Wichtig ist nicht so sehr der Inflationsdruck allgemein, sondern die Veränderung der relativen Preise. Aufgrund der stark steigenden Preise für Energie und Nahrungsmittel muss sich die Wirtschaft anpassen. Genau diese Anpassungen können wir zum Beispiel bei den Energieverbrauchern längst klar beobachten: Die Fluglinien stehen unter Druck, und die Verbraucher kaufen keine Pick-Ups und keine schweren Geländewagen (SUV) mehr, sondern Wagen, die weniger Sprit verbrauchen. Das heißt, die Autohersteller haben in diesen Bereichen große Schwierigkeiten.

Sie sprachen über einen möglichen Zinserhöhungszyklus. Was bedeutet das konkret?

Es unsicher, wie sich die Wirtschaft entwickeln wird. Bei einer Wachstumsprognose für vier Quartale im Voraus liegt die Standardabweichung bei etwa 1,5 Prozentpunkten. Geht man von einem Wachstum von einem Prozentpunkt aus, so ist es für die Politik entscheidend, ob man letztlich bei einem Wachstum von 2,5 Prozent oder von minus 0,5 Prozent liegt.

Das Grundszenario geht gegenwärtig von einem Wachstum zwischen null und einem Prozent auf Sicht eines Jahres aus, bei einer unveränderten Inflationsrate. Danach werde sich die Wirtschaft erholen und die amerikanische Zentralbank zu Zinserhöhungen bringen. Meine persönliche Inflationserwartung ist etwas pessimistischer. Sollten die Inflationsdaten enttäuschen, würde die Fed geldpolitisch restriktiver werden.

Der schwache Dollar bringt jene Staaten in Bedrängnis, die ihre Währungen an den Dollar gekoppelt haben. Besonders in Asien führt er zu deutlich steigenden Inflationsraten!

Die expansive Geldpolitik der Vereinigten Staaten hat die inflationären Impulse weltweit gestreut. Ich denke, die Chinesen zum Beispiel wünschten heute, sie hätten früher damit begonnen, ihre Währung gegen den Dollar aufwerten zu lassen. Sollten Länder ihre Währungen vom Dollar abkoppeln oder kontrolliert aufwerten lassen, könnte das dazu beitragen, die lokalen inflationären Impulse zu dämpfen. Dagegen würde der Preisdruck in den Vereinigten Staaten zunehmen.

Widerspricht das nicht den Interessen der amerikanischen Zentralbank?

Fallende Hauspreise und die zunehmende Zahl an Insolvenzen von Konsumenten bringt die amerikanischen Banken in Schwierigkeiten. Nicht nur die großen, sondern auch die kleineren, die viele Kredite an Bauunternehmen und Landentwickler vergeben haben. Historisch betrachtet ist Inflation ein Mittel, um den Stress zu mindern, den Schuldner fühlen. Die Politik der amerikanischen Zentralbank ist darauf angelegt, Inflation zu kreieren, um diesen Stress zu reduzieren. Sie war, ist und wird so lange geldpolitisch „locker“ bleiben, bis sich die wirtschaftliche Lage und die der Finanzunternehmen verbessert hat. Insgesamt wird das zu einer inflationären Entwicklung führen, auch wenn diese in drei bis vier Jahren zu einem Bündel neuer Probleme führen wird.

Was bedeuten die Schwächen am Häusermarkt und im Kreditbereich für die amerikanische Wirtschaft? Ist eine Kettenreaktion zu befürchten, die nach und nach sämtliche Bereiche erfasst?

Viele amerikanische Haushalte haben in den vergangnen Jahren hohe Schulden aufgehäuft. Das gilt nicht nur für Immobilien, sondern indirekt über die mögliche Kaufkraftschöpfung aufgrund der Preise, die lange gestiegen sind, auch für den Kauf von Automobilen und anderen Gütern. Da die amerikanischen Verbraucher nun finanziell gestresst sind und da Hypotheken nicht mehr so einfach zu erhalten sind, werden sie das Konsumniveau der vergangenen Jahre nicht mehr halten können. Der Anpassungsprozess wird längere Zeit dauern. Ähnliches dürfte auch für Großbritannien und Spanien gelten.

Manche Ökonomen argumentieren, die restliche Welt könne sich von den wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Vereinigten Staaten abkoppeln. Was halten Sie von diesen Thesen?

Die Abkopplung ist alles andere als vollkommen. Die Vereinigten Staaten importieren sehr viele Produkte aus der restlichen Welt. Und soweit ich es überblicken kann, sind die Folgen in China längst zu spüren.

Manche behaupten, die ökonomische Lage in den Vereinigten Staaten sei vergleichbar mit der Krise in den 30er und 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Was sagen Sie dazu?

Soweit wir bisher wissen, ist die Lage auf dem Kreditmarkt die schwierigste seit der Großen Depression. Die Realwirtschaft dagegen befindet sich in einer besseren Verfassung als selbst während der Rezession der Jahre 1981/82. Die Arbeitslosigkeit war damals auf mehr als zehn Prozent gestiegen - heute liegt sie bei etwa 5,5 Prozent. Konjunkturbeobachter rechnen nicht mit einer tief gehenden Rezession. Ich selbst rechne nicht einmal mit einer Rezession nach offiziellen Maßstäben - und wenn, dann wird sie nur leicht.

Die Unternehmen außerhalb des Finanzbereichs haben sehr solide Bilanzen, mit Ausnahme der Automobilhersteller und der Fluglinien. Viele Technologieunternehmen wie Microsoft sitzen sogar auf großen Liquiditätsreserven. Dagegen ist der Bereich der privaten Haushalte schwächer als in vergangenen Krisenepisoden.

Letztlich stellt die Realwirtschaft doch Produkte für den Konsumenten her?!

Die Vorhersagen gehen von einem schalen Wachstum aus. Der Arbeitsmarkt jedoch zeigt sich bisher robust. Das dürfte den Konsum resistent machen können. So könnten die realen Anpassungen im Automobil- und Luftfahrtbereich aufgrund der hohen Energiepreise ablaufen, ohne zu einem dramatischen wirtschaftlichen Abschwung zu führen. Genau das ist meine Erwartung.

Hat der Immobilienmarkt den Boden gefunden?

Nein, ich denke er wird noch weiter korrigieren. Möglicherweise werden die Preise noch nach unten überschießen. Das Immobilienproblem in den Vereinigten Staaten ist zwar ausgeprägt, allerdings nicht durchgängig. Manche Märkte wie Kalifornien, Südflorida, Phoenix oder auch Detroit sind extrem schwach, während andere in Ordnung sind. Der Häusermarkt ist immer lokal - und ich gehe davon aus, dass sich viele dieser lokalen Märkte bald fangen werden.

Wie beurteilen Sie die Lage der Finanzbranche?

Ich bin nicht sehr nahe dran an diesem Thema. Grundsätzlich betrachtet werden die Unternehmen der Branche nun seit einem Jahr mit den Problemen konfrontiert. Inzwischen dürften die meisten den Ernst der Lage erkannt haben. Sie sind nicht nur dabei, sich anzupassen, sondern wollen ihre Lage verbessern. Ich würde zwar solche Schocks wie den Bear-Stearns-Fall nicht vollständig ausschließen, aber die Wahrscheinlichkeit für so etwas ist deutlich zurückgegangen.

Das Gespräch führte Christof Leisinger

Quelle: @cri
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