Herr Stephan, Aktien, Gold oder Rohstoffe - wo lockt 2013 der höchste Gewinn?
Ich würde auf Aktien setzen, und dabei besonders auf Werte, die vom Konjunkturverlauf abhängen. Chemie- und Bauwerte sind interessant, Finanztitel finde ich am attraktivsten.
Ausgerechnet Bankaktien. Die will doch keiner mehr anfassen.
Gerade deswegen könnten sie interessant sein. Zudem gehören auch Versicherungen in diesen Sektor. Finanztitel sind wegen der Finanz- und Schuldenkrise noch günstig. Und jede weitere Entspannung in der Euro-Krise wird ihre Kurse treiben, wie man in den vergangenen Monaten schon gesehen hat.
Wird sich denn die Krise weiter entspannen? Bisher haben die Südländer ja kaum Fortschritte gemacht.
Da widerspreche ich. Sie sind - mit Ausnahme von Griechenland - schon weit mit den Reformen vorangeschritten und haben auch schon viel gespart. Das klare Bekenntnis der Politik und der Europäischen Zentralbank (EZB), den Euro um jeden Preis mit allen Mitgliedern zu erhalten, hat die Lage entspannt. Und sie wird sich weiter entspannen. Denn die Rezession wird 2013 schwächer ausfallen als 2012. Die Renditen der Staatsanleihen werden noch stärker fallen, das heißt, es könnte sich lohnen, Staats- und Unternehmensanleihen aus diesen Ländern zu kaufen.
Dann braucht Spanien auch keinen Hilfsantrag beim Euro-Rettungsfonds ESM zu stellen?
Im ersten Quartal wird hier die Entscheidung fallen. Ich denke, am Ende wird Spanien einen Antrag stellen. Dann kann die Europäische Zentralbank spanische Staatsanleihen kaufen und damit die Finanzierung für die Regierung in Madrid verbilligen. Denn das Refinanzierungsvolumen wird 2013 im Vergleich zu 2012 steigen.
Und was passiert in Italien nach den Wahlen?
Wenn Silvio Berlusconi gewinnen würde, müsste man befürchten, dass die wenigen bisher erreichten Reformen zurückgedreht werden. Bei allen anderen Ergebnissen dürfte das nicht passieren.
Das klingt alles für Europa ganz gut. Sind denn dann auch europäische Bankaktien Ihr Favorit?
Zunächst würde ich noch auf amerikanische Unternehmen setzen mit den Schwerpunkten Industrie, Technologie und besonders auch Finanzwerte. Sie haben ihr Eigenkapital konsequenter und ausreichend aufgebaut, und die Regulierung ist klarer. Da muss in Europa noch einiges passieren. In der zweiten Jahreshälfte könnten dann europäische Finanzwerte interessanter werden, wenn sich in den Südländern eine Besserung der Konjunktur andeutet. Dann werden auch konjunkturabhängige Titel wie Automobil, Einzelhandel, Bau- oder Chemieunternehmen interessanter.
Aus Deutschland?
Deutsche Firmen bleiben weiter interessant. Sie sind weltweit gut positioniert und werden nicht durch Sparzwänge in der Heimat belastet. Ich rechne damit, dass der Dax in einem Jahr bei gut 8000 Punkten stehen wird.
In Aktien aus aller Welt investieren
Aktien werden derzeit von fast allen Analysten für dieses Jahr empfohlen. Aus Mangel an Alternativen, weil die Zinsen so niedrig sind. Und weil die Kurse zwar zuletzt gestiegen sind, aber die Aktien immer noch nicht teuer sind. Die Deutsche Bank empfiehlt Finanzwerte, die von einer weiteren Erholung der Euro-Krise profitieren würden. Wer darauf setzen will, sollte sich mehr als einen Finanzwert aussuchen. Denn das Risiko bei diesen Papieren ist noch groß. Niemand weiß genau, welche faulen Papiere noch in den Bilanzen der Finanzhäuser schlummern und wer wie stark unter der Schuldenkrise leidet. Weniger riskant ist es da, auf die ganze Branche zu setzen. Kostengünstig geht das mit einem Indexfonds auf einen Bankenindex. Der Stoxx Europe 600 Banks zum Beispiel beinhaltet britische Finanzhäuser und solche aus dem Euroraum. Der iShares Euro Stoxx Banks konzentriert sich auf die Banken des Euroraums.
Wer einen möglichen weltweiten Konjunkturaufschwung im Laufe dieses Jahres erwartet, kann das billig mit einem Indexfonds auf den MSCI All Country World abbilden. Der Index umfasst Aktien aus den wichtigsten Industrie- und Schwellenländern. Etwas teurer, aber mit der Chance auf eine höhere Rendite, sind aktiv verwaltete Fonds, bei denen ein Fondsmanager aussichtsreiche Aktien weltweit sucht. Die besten Fonds stammen von ausländischen Gesellschaften, sind aber in Deutschland zu kaufen.
Alle - Sie auch - empfehlen derzeit Aktien. Da kündigt sich doch schon die nächste Blase an, die wieder viel Frust unter den Anlegern auslösen wird, wenn sie platzt.
Ich sehe derzeit überhaupt keine Anzeichen für eine Blase. Die Bewertung von Aktien liegt noch immer unter dem langjährigen Durchschnitt. Und wenn sich das ändert, können die Anleger ja wieder verkaufen. Bis dahin sollten sie daran mitverdienen. Ich sehe die Blasen ganz woanders.
Wo denn?
Bei den sogenannten sicheren Häfen. Also Anleihen aus soliden Ländern wie Deutschland, Großbritannien oder Amerika. Da drohen auf jeden Fall Kursverluste, wenn sich die Euro-Krise wie erwartet entschärft. Sicher ist der Hafen also nicht mehr.
Und die Schweiz? Wird der Franken wieder abwerten und der Urlaub im Nachbarland dadurch billiger?
Das glaube ich nicht. Aus Sicherheitsgründen werden viele noch dort anlegen. Der Franken dürfte das ganze Jahr noch um 1,20 je Euro schwanken.
Gibt es andere sichere Häfen, wo keine Verluste drohen?
Viele Anleihen von Industrieunternehmen sind interessant. Und es mag paradox klingen, aber Anleihen aus Schwellenländern betrachte ich als sicher. Die Verschuldung vieler dieser Staaten ist sehr gering. Es winken zudem Währungsgewinne, wenn Anleihen in lokaler Währung gekauft werden. Unter den Industrieländern wird man in Norwegen und Schweden wohl nichts verlieren, aber auch nichts verdienen. Das gelingt vielleicht noch mit dem australischen Dollar. Denn Australien könnte durch die Verbesserung der Konjunktur in China profitieren, weil es die Rohstoffe für das Wachstum liefert.
Unternehmensanleihen aussuchen
Unternehmensanleihen haben den Vorteil, dass sie noch halbwegs ordentliche Renditen bieten, ohne dass die Anleger hohe Risiken eingehen müssen. Bei Staatsanleihen, die in Euro notieren, gibt es davon nur noch ganz wenige. Und die werden dann von Kroatien oder Marokko ausgegeben - soliden Staaten, aber längst nicht so sicher wie Deutschland.
Bei Unternehmensanleihen mit gutem bis durchschnittlichem Rating (mindestens BBB-, Experten sprechen von „investment grade“) bieten vor allem die Firmen in den Euro-Krisenländern noch Zinsen zwischen vier und sechs Prozent. Sie leiden unter der negativen Stimmung gegenüber ihren Heimatländern, stehen aber in der Regel besser da als die Staaten.
Höhere Zinsen bieten Anleihen aus dem Risikosegment, das die Fachleute „non-investment-grade“ nennen. Das Spektrum reicht von ausreichendem bis hochspekulativem Rating. Hier sollte ein Anleger keine einzelnen Anleihen kaufen, sondern das Risiko besser über einen Fonds streuen, zumal das Ausfallrisiko in der aktuellen Konjunkturflaute zunimmt.
Es gibt Fonds, die nur in Euroanleihen investieren. Dann entfällt das Währungsrisiko. Mehr Auswahl bei höherer Rendite, aber auch größerem Risiko bieten Fonds, die weltweit anlegen. Dann liegt der Schwerpunkt auf amerikanischen Titeln. Auch für Papiere mit guter bis mittlerer Bonität gibt es gute Fonds, die für Europapiere zwischen acht und elf Prozent im Jahr erzielen.
Würden Sie chinesische Aktien wieder kaufen?
Auf jeden Fall. Sie sind unter den Schwellenländern mit am attraktivsten. 2012 litten sie unter dem Regierungswechsel und der schwächeren Konjunktur. Nun, nach den politischen Weichenstellungen, hat der Aktienmarkt viel aufzuholen.
Und die anderen Schwellenländer?
Russlands Aktien sind günstig und könnten von steigenden Rohstoffpreisen profitieren, aber die Anleger meiden das Land wegen der politischen Unsicherheit. Der indische Aktienmarkt hat im vergangenen Jahr die höchsten Gewinne unter den großen Schwellenländern erzielt, aber der Staat hat viele Probleme und steckt im Reformstau. Dafür gibt es interessante Märkte in der zweiten Reihe der Schwellenländer, wie etwa Indonesien, Mexiko oder auch die Türkei.
Viele Schwellenländer profitieren von steigenden Rohstoffpreisen.
Das wird auch 2013 so sein. Die Nachfrage nach Industriemetallen wie Kupfer, Zink oder Aluminium und natürlich nach Öl steigt. Eisenerz ist hingegen schon stark geklettert. Ursache ist die Erholung in China. Das wird sich noch verstärken, wenn das Wachstum in Amerika und später auch Europa wieder anzieht.
Ja, aber nur wenn! Amerika droht durch den Haushaltsstreit, der mit massiven Ausgabenkürzungen beendet werden könnte, die Rezession.
Solche starken Kürzungen erwarte ich nicht. Die nächsten zwei Monate werden sich Kongress und Präsident auf moderate Ausgabensenkungen einigen. Amerika wird dann noch mit zwei Prozent wachsen können und damit keine Gefahr für die Weltwirtschaft darstellen.
Anleihen aus Schwellenländern kaufen
Schwellenländer haben ein deutlich höheres Wirtschaftswachstum als die etablierten Industrienationen. Das wirkt sich positiv für die Aktien aus diesen Ländern aus. Aber auch deren Anleihen sind attraktiv. Denn das hohe Wachstum führt dazu, dass die Schuldenstände deutlich niedriger liegen als in West- und Südeuropa oder in Amerika. Die Bonitätsratings verbessern sich seit Jahren, während sie in der westlichen Welt schlechter werden.
Das heißt: Staatsanleihen der Schwellenländer sind sicherer vor einem Ausfall als die meisten denken. Sie werfen höhere Zinsen ab, denn sie bergen noch politische Risiken - etwa die Gefahr eines Regierungswechsels, der zu autoritären oder sozialistischen Regimen führt. Und ihre Wirtschaftsstruktur ist manchmal zu einseitig auf Rohstoffe fokussiert.
Die Schwellenländer geben ihre Anleihen teils in Hartwährung aus. Osteuropa und Nordafrika emittieren viel in Euro. Deutsche Anleger haben dann kein Währungsrisiko. Andere Länder geben ihre Papiere vor allem in Dollar aus. Dann hängen die Anleger auch von der Stärke der amerikanischen Wirtschaft ab, die sich im Dollar zeigt. Attraktiver ist es, Anleihen zu kaufen, die die Schwellenländer in ihrer eigenen Währung ausgeben. Sie wird wegen des höheren Wachstums tendenziell aufwerten. Anleger erzielen dadurch neben höheren Zinsen auch noch Währungsgewinne. Nicht jede Anleihe können Privatanleger kaufen. Fonds bieten einen breiteren Marktzugang.
Kann man mit Gold in diesem Jahr Geld verdienen?
Ja, der Goldpreis kann von heute 1700 auf bis zu 2100 Dollar je Unze steigen, vor allem im ersten Halbjahr. Zum Jahresende wird er bei etwa 2000 Dollar liegen. Denn die Notenbanken kaufen weiter Gold, und die Zinsen sind so niedrig, dass der Nachteil des Edelmetalls, keine Zinsen einzubringen, nicht so schwer wiegt.
Gold kaufen die Deutschen gerne, Aktien nicht. Wie kann man das ändern?
Das wüsste ich auch gerne! Die Deutschen sind leider ängstlich bei der Geldanlage. Sie sollten Aktien nicht als Spekulation sehen, sondern als langfristige Geldanlage. Wenn sie nicht ständig ins Depot schauen, kann es ihnen egal sein, wenn die Aktie zwischenzeitlich um einige Prozentpunkte schwankt. Über einen längeren Zeitraum betrachtet war die Aktienentwicklung immer positiv, und außerdem profitieren Anleger in der Zwischenzeit von den Dividenden, die über den derzeitigen Zinsen liegen. Es würde auch helfen, wenn die Öffentlichkeit Aktien nicht in eine „Zockerecke“ stellt, sondern als völlig normales und lohnendes Investment betrachtet. Schließlich handelt es sich bei Aktien um Sachwerte, die auch einen Inflationsschutz bieten.
Und fast alles wird gut, da kann man ja beruhigt sein.
Martin Enzinger (FlorianGeyer)
- 08.01.2013, 23:35 Uhr
Politik macht die Aktienanlage durch ständige Steuererhöhungen
für Deutsche weniger attraktiv
Klaus Weiss (weissk)
- 07.01.2013, 18:56 Uhr