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Im Gespräch: Sean Corrigan „Der G-20-Gipfel wird nichts bringen“

02.04.2009 ·  Die Führer der 20 wichtigsten Wirtschaftsmächte haben sich in London versammelt, um „globale Lösungen für globale Probleme“ zu finden. Kann daraus mehr werden als eine symbolische Geste? Sean Corrigan, Chefstratege von Diapason Commodities, ist skeptisch.

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Die Führer der 20 führenden Wirtschaftsmächte haben sich in London versammelt, um „globale Lösungen für globale Probleme“ zu finden, wie es heißt. Kann daraus mehr werden als eine symbolische Geste?

Sean Corrigan, Chefstratege von Diapason Commodities, ist skeptisch. Kann wirklich jemand erwarten, dass mehr als eine wachsweich formulierte Verlautbarung herauskommen kann, auf deren Basis die Akteure heimkehren und tun können, was sie sowieso zu tun beabsichtigten, fragt er provozierend?

Es könne nicht sinnvoll sein, ein zerbrochenes System wiederbeleben zu wollen, erklärt er weiter. Die Diskussionen über Regulierung und Steueroasen seien im Kern Ablenkungsmanöver. Es gehe nur darum, Sündenböcke für eigenes Versagen zu finden. Zu viele Staaten hätten sich zudem vom Idealbild als Diener seiner Einwohner entfernt. Längst sei das Gegenteil der Fall: Die Arbeitsnehmer seien zum Lehnsgut des Großen Kollektivs verkommen.

Die Finanz- und Rohstoffmärkte scheinen einen Boden auszubilden. Was machen Sie daraus, würden Sie jetzt kaufen?

In den letzten Monaten des Jahres 2008 haben sich die Rohstoffpreise im Verhältnis zum Welthandelsvolumen stärker unterentwickelt, als sie im Rahmen der extremen Preissteigerungen bis zum Juli des vergangenen Jahres nach oben „übergeschossen“ waren. Seitdem haben sie sich im Kern seitwärts entwickelt. Die erste große Preisbewegung wird jedoch dann kommen, wenn die Stimmung umschlägt in Sorgen über die mittelfristigen Konsequenzen der enormen monetären und fiskalischen Überreizung für den realen Wert des Geldes.

Es klar, dass jeder nach guten Gründen sucht, die für Aktien sprechen. Zum Beispiel Bedenken, die offizielle Wirtschafts- und Finanzpolitik könnte den Wert von festverzinslichen Wertpapieren belasten. Ähnlich wie bei Rohstoffen lässt sich der Kauf im Moment jedoch nur mit der Vorwegnahme von klaren Signalen erklären, die auf eine Verbesserung der realwirtschaftlichen Aktivitäten hinweisen könnten.

Die Führer der 20 führenden Wirtschaftsmächte haben sich in London versammelt, um „globale Lösungen für globale Probleme“ zu finden, wie es heißt. Kann daraus mehr werden als ein symbolische Geste?

Es ist schwer, nicht zynisch zu werden. Denn die ganze Übung dürfte vor allem aufgrund einfacher, innenpolitischer Gründe durchgeführt werden. Das gilt speziell für den übereifrigen Herrn Brown. Kann wirklich jemand erwarten, dass mehr als eine wachsweich formulierte Verlautbarung herauskommen kann, auf deren Basis die Akteure heimkehren und tun können, was sie sowieso zu tun beabsichtigten?

Kann es sinnvoll sein, ein zerbrochenes System wiederbeleben zu wollen, das im Kern das Resultat leicht verfügbaren Geldes, Gier, Verschuldung, Preisblasen, Überkonsums, asymmetrischer Anreizsysteme, manipulierter Wechselkurse, fehlgeleiteter Regulatoren und verschlafener Politiker war?

Nicht wirklich. Niemand will der schrecklichen Wahrheit ins Auge sehen, dass sowohl unsere monetären Systeme als auch ihre Interaktionen mit den populistischen Staatsgebilden die Ursachen für unsere gegenwärtigen Leiden sind. Es ist kaum möglich, redliche Geschäfte zu tätigen und eine anständige Politik zu machen, wenn beide ihre Verbindlichkeiten mit unlauteren Geldern bezahlen können.

Die Krise könne gelöst werden mit tiefen Zinsen, unkonventionellen geldpolitischen Maßnahmen und der Ausgabe Kredit finanzierte öffentlicher Gelder, erklären viele Ökonomen. Kaufen Sie solche Argumente?

Selbst wir Anhänger der Österreichischen Schule, die wir oft als „Liquidatoren“ verhöhnt werden, sehen wenig Sinn in einer destruktiven, vom Finanzbereich angeführten Deflationsspirale. Allerdings ist es in unseren Augen gefährlicher Unsinn, die Bewahrung des Bankensystems mit der Rettung der größten, der bestechlichsten und der unverantwortlichsten Banken gleichzusetzen und die Folgen des Überkonsums sowie der Überschuldung mit mehr von demselben kurieren zu wollen.

Solche Ansätze mögen zur Lösung einer Liquiditätskrise beitragen können. Haben wir es jedoch nicht mit einer Bonitätskrise zu tun?

Ja, so ist es. Banken, die nur einen kleinen Teil der Einlagen als Reserve halten, sind inhärent insolvent.

Führen Versuche, die Restrukturierung von Schulden zu vermeiden, indem man Billionen an öffentlichen Mitteln ausgibt, nicht dazu, dass sich der wirtschaftliche Abschwung verlängert?

Das Risiko ist sehr groß. Wenn sich der Staat zu stark in das wirtschaftliche Geschehen einmischt, sei es in Form des Zugriffs auf die Ersparnisse der Bürger oder indem er Gewinner und Verlierer im wirtschaftlichen Überlebenskampf auf Basis opportunistischer politischer Argumente wählt, riskiert er, wahre Unternehmer zu demotivieren. Dagegen wird ein ganzer Stall saugender Kälber genährt, die nie wieder richtig von der Muttermilch - dem Geld anderer - entwöhnt werden können.

Das Risiko bestehe im Moment eher darin, dass Notenbanken und Regierungen zu wenig täten und „eine kleine fiskalische Expansion zeigt auch nur eine kleine Wirkung“, heißt es allgemein. Wie sieht es jedoch aus mit einem fiskalischen und monetären Overkill?

Ich denke, das ist das größere Risiko. Das Geldangebot wächst schon mit unglaublichen Raten in China, den Vereinigten Staaten und in ganz Westeuropa, bevor die Effekte der unkonventionellen monetären Maßnahmen - sprich: dem Drucken von Geld - spürbar werden. Auf diese Weise bauen sich möglicherweise gewaltige Probleme für die Zukunft auf.

Kann es sinnvoll sein, die Verschrottung von Autos zu subventionieren - oder ist es populistischer Unsinn, in dessen Rahmen öffentliche Gelder kurzfristig für eine reife Industrie verschwendet werden, die sich durch riesige Überkapazitäten auszeichnet und die bald danach mit deutlichen Nachfrageausfällen konfrontiert sein wird?

Diese Maßnahme zeigt doch vor allem eines: Wenn der Preis für ein Produkt stimmt, so gibt es dafür eine ernorme Nachfrage - was nur Keyensianer bezweifeln könnten. Das heißt, die Wirtschaft würde sich rasch beleben, wenn man Preisrückgänge zuließe. Dann würden sich Auto-, Häuser-, Klamotten-, Erz- und Maschinenbaumärkte rasch selbst bereinigen.

Verzerren fiskalische und monetäre Stimuli, sofern sie den Weg in die Realwirtschaft tatsächlich finden, nicht die effiziente Allokation von Kapital?

Natürlich. Der Abwurf von Geld aus dem Helikopter ist ein Mythos. Entscheidend ist, wer das Geld zuerst erhält und wie er es verwendet, wie Richard Cantillon schon vor 300 Jahren erklärt hatte. Regierungen können nicht einfach den Zustand vor der Krise wiederherstellen - etwas, was sowieso nicht ratsam wäre.

Offensichtlich ist mehr Regulierung nötig. Wer aber sollte genauer überwacht werden: Banken, Versicherungen, Hedge-Funds, Ratingagenturen …?

Die Diskussionen darüber sind im Kern Ablenkungsmanöver. Man muss Banken und Finanzunternehmen lediglich denselben Eigentumsrechten unterwerfen wie sie für andere Unternehmen oder Privatpersonen gelten. Außerdem sollte man ihnen das bisher legale Privileg wegnehmen, unser Geld über die Vergabe ungesicherter Kredite zu panschen. Ferner sollten alle staatlichen Stützungsmaßnahmen abgeschafft werden. Das würde Unternehmen dazu zwingen, ihre Kunden alleine durch Vertrauenswürdigkeit sowie gute Produkte und Dienstleistungen zu überzeugen - gerade so, wie BASF oder BMW es tun. Sollte man sich dazu durchringen, würden die Torheiten der vergangenen 25 Jahren von selbst verschwinden.

Wer sollte das tun und wie? Supranationale Einheiten wie der Internationale Währungsfonds (IWF), die Weltbank oder die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ)?

Das klingt idealistisch. Das Problem ist jedoch erstens, dass sich das Personal solcher Institutionen aus der etablierten politischen Elite rekrutiert wie der Rest. Zweitens hätten sie keine effektiven Mittel, um disziplinierend wirken zu können.

Und wer wird dafür sorgen, dass die öffentlichen Schulden nicht weiter explodieren?

Die Politiker und ihre Kernunterstützer profitieren am meisten davon. Der Rest von uns wird die Zeche zahlen müssen, da können der IWF oder die BIZ noch so deutlich mit den Fingern wackeln.

Es wird auch viel und prägnant über Steueroasen geredet. Wäre nicht gerade der Steuerwettbewerb zwischen Staaten die effizienteste Methode, um für Disziplin in den öffentlichen Finanzen zu sorgen?

Diese Diskussion ist einfach nur populistisch. Es geht nur darum, einen Sündenbock für das eigene Versagen zu finden. Viel zu wenige Staaten vertrauen darauf, dass Unternehmen bei erfolgreichem, profitablem Wachstums nicht nur den Lebensstandard der Anteilseigner verbessern, sondern auch den der Allgemeinheit. Die Argumentation, es gebe keine legalen Möglichkeiten, um die Verpflichtung der Bürger zur Zahlung von Steuern und Abgaben zu minimieren, zeigt nur, wie weit wir uns vom Idealbild des Staates als Diener seiner Einwohner entfernt haben. Längst ist das Gegenteil der Fall: Unsere Arbeitskraft ist längst zum Lehnsgut des Großen Kollektivs geworden.

==>> “G20-Meeting - not more than symbolism“

Das Gespräch führte Christof Leisinger

Quelle: @cri
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