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Im Gespräch: Lakshman Achuthan, ECRI „Die Abwärtsdynamik ist noch nicht gebrochen“

16.01.2009 ·  Vorlaufende Indikatoren zeigen: Die Weltwirtschaft wird noch schwächer, so Lakshman Achuthan, vom New Yorker Economic Cycle Research Institute. Drehen sie jedoch nach oben, wird‘s für Anleger interessant.

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Vorlaufende Indikatoren zeigen: Die Weltwirtschaft wird noch schwächer, so Lakshman Achuthan, vom New Yorker Economic Cycle Research Institute (ECRI). Drehen sie jedoch nach oben, wird‘s für Anleger interessant.

Sobald vorlaufenden Indikatoren, die auf eine inflationäre Entwicklung hindeuten, nach oben drehen, ist es Zeit, Anleihen zu verkaufen und sich Rohstoffe, Immobilien sowie Aktien von Unternehmen mit Preissetzungsmacht ins Depot zu legen.

Die hereinkommenden Konjunkturdaten sind recht schwach. Wie würden Sie die konjunkturelle Situation in den Vereinigten Staaten beschreiben?

Wir befinden uns in einer schweren Rezession. Die jüngsten Zahlen vom Arbeitsmarkt, die Einzelhandelsumsätze und das Beige Book der amerikanischen Zentralbank Fed zeigen, was in der Wirtschaft im Moment abläuft. Faktisch beschleunigt sich im Moment die Entwicklung nach unten.

Viele Marktteilnehmer wurden von der Intensität dieser Entwicklung überrascht. Sie auch?

Nein. Verschiedene vorlaufende Indikatoren deuteten sie rechtzeitig an. Die Entwicklung und die Beobachtung von Indikatoren dieser Art, den so genannten Leading Indicators, die volkswirtschaftlichen Zyklen vorweg laufen, ist der Kern unserer Tätigkeit hier am Economic Cycle Research Institute.

Was lassen sie erwarten?

Unsere Indikatoren sind in den vergangenen Monaten so stark und so schnell gefallen, wie nie zuvor in ihrer gesamten Historie. Und die reicht immerhin 60 Jahre zurück in die späten 40er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Wir verfolgen einen wöchentlichen Index, der Anfang Dezember des vergangenen Jahres um 30 Prozent fiel. Diese Zahl lässt sich in der Dimension zwar nicht eins zu eins auf die Wirtschaftsentwicklung übertragen, aber sie zeigt, dass wir uns in einer ausgeprägten, allumfassenden Konjunkturschwäche befinden. Der Indikator hat sich inzwischen minimal auf minus 27 Prozent erholt.

Welchen zeitlichen Vorlauf haben solche Indikatoren?

Im Durchschnitt laufen sie der realwirtschaftlichen Entwicklung um drei Quartale vorweg. Auf dem Weg nach unten ist die Vorlaufzeit etwas länger, auf dem Weg nach oben beträgt sie etwa zwei Quartale.

Wie lautet ihre Kernaussage im Moment?

Die Rezession wird mindestens noch sechs Monate dauern. Was danach kommt, lässt sich nicht verlässlich prognostizieren. Es hängt zu stark davon ab, wie wir uns alle morgen verhalten werden und wie genau das die Wirtschaft in ihrer Entwicklung beeinflussen wird.

Der von Ihnen zitierte Indikator hat sich von minus 30 auf minus 27 verbessert. Ist das ein Anzeichen für eine Wende zum Besseren?

Nein. Indikatoren dieser Art beziehen auch die Stimmungen von Anlegern und Konsumenten ein. So zeigt die leichte Aufhellung der schlechten Stimmung die aufkeimende Hoffnung, die sich auch an den Börsen zeigte, möglicherweise einfach nur den Beginn eines neues Jahres oder optimistische Erwartungen in Bezug auf die neue amerikanische Regierung sowie die Stimulierungspläne.

Befinden wir uns in einem normalen Konjunkturzyklus oder ist es eher ein extremer?

Kommt darauf an. Blickt man auf die vergangenen 60 Jahre, so ist das, was wir im Moment erleben, extrem. Geht der Rückblick jedoch über mehrere Jahrhunderte, so ist es nicht so außergewöhnlich, da es einige schwere Rezessionen, Kreditkrisen, in- und deflationäre Phasen sowie wirtschaftliche Depressionen gab.

Für unsere Generation ist es jedoch eine neue Erfahrung!

Ja, unbedingt. In diesem Umfeld ist es hilfreich, den Standpunkt mit unseren Indikatoren bestimmen zu können. Sie wandeln verlässlich Daten seit dem amerikanischen Bürgerkrieg in Signale um und sie sind zuverlässiger, als viele strukturelle Modelle moderner Art.

Lässt sich die Entwicklung der vergangenen Monate mit bestimmten Phasen der Vergangenheit vergleichen?

Alles deutet bisher auf die schwerste Rezession seit den 40er-Jahren hin und nicht auf eine Depression. Auch wenn ich den Sinn historischer Vergleiche etwas bezweifle, so scheint der Anfang der 80er-Jahre ähnlich gewesen zu sein. Damals gab es in den Vereinigten Staaten über 16 Monate eine schwere Rezession, während gleichzeitig auch andere Länder weltweit wirtschaftlich schwächelten.

Was sollte die Weltwirtschaft daran hindern, weiter abzugleiten?

Erstens die monetären und fiskalischen Impulse weltweit. Zweitens gibt es heute in vielen entwickelten Staaten „automatische Stabilisatoren“. So führt die Zahlung von Arbeitslosengeldern dazu, dass der Konsum aufgrund der Schwäche am Arbeitsmarkt nicht völlig einbricht.

Wird die Wirkung der Stimuli durch ihre Indikatoren erfasst werden?

Ja. Unsere Indizes setzen sich zusammen aus verschiedenen Schlüsselgrößen, die die volkswirtschaftliche Entwicklung eines Staates beschreiben. Dazu zählen beispielsweise das Gewinnwachstum der Unternehmen, die Lage an den Immobilien- und Arbeitsmärkten, die Lagerhaltung und die Kapazitätsauslastung der Unternehmen, die Stimmung unter Anlegern und Konsumenten et cetera. Sobald sich hier etwas ändert, zeigt sich das - unabhängig von großartigen Ankündigungen oder analytischen Einschätzungen - objektiv in den Indikatoren.

Lassen sich irgendwo erste, „zarte“ Anzeichen für eine Stabilisierung ausmachen?

Ja, möglicherweise in den Kursgewinnen an den Börsen gegen Ende des vergangenen Jahres. Außerdem schienen die Zinsen, die für Unternehmenskredite und -anleihen verlangt werden, langsam zu fallen. Das zeigt, dass zumindest kurzzeitig die Risikobereitschaft der Anleger etwas zunahm. Inzwischen hat sie zwar wieder etwas abgenommen. Das kann jedoch damit zusammenhängen, dass die fiskalischen Stimuli in den vergangenen Tagen zerredet wurden.

Lassen sie uns über die internationale Wirtschaft reden. Die Abkoppelungstheorie, nach der sich Schwellenländer von der Schwäche in den Industriestaaten abkoppeln könnten, war wohl ein Irrtum?

Ja, sie wurde entlarvt. Immerhin sehen wir den umfassendsten wirtschaftlichen Abschwung weltweit seit 60 Jahren. Neben den amerikanischen haben wir vorlaufende Indikatoren für 19 andere Länder. Sie begannen Anfang des vergangenen Jahres simultan zu fallen und hatten im Sommer eine negative Dynamik, wie zuletzt in den 80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Wir rechneten deswegen schon mit einer starken globalen Rezession, bevor die Kreditmärkte nach der Pleite von Lehman Brothers im September einfroren und die Entwicklung noch verschlimmerten.

Die Vereinigten Staaten gerieten zuerst in die Krise und würden deswegen auch zuerst wieder aus ihr hervorkommen, heißt es nun. Lässt sich das untermauern?

Das einzige Land, in dem sich eine Verbesserung der Indikatoren zumindest erahnen lässt, sind im Moment die Vereinigten Staaten. Und hier muss sich die Ahnung erst noch bestätigen. Historischer und statistisch lassen sich solche Hoffnungen nicht beweisen.

Auf was würden Sie als Anleger achten?

Auf die vorlaufenden Indikatoren, die auf eine inflationäre Entwicklung hindeuten. Im Moment fallen sie weltweit. Sobald sie jedoch nach oben drehen, ist es Zeit, Anleihen zu verkaufen und sich Rohstoffe, Immobilien und Aktien von Unternehmen mit Preissetzungsmacht ins Depot zu legen.

Gibt es langfristig eine Korrelation zwischen vorlaufenden Indikatoren und Wechselkursen?

Wenn ein Land ein starke Wachstumsdynamik entwickelt, während der Preisauftrieb weniger dynamisch ist, zeigt die Währung in der Regel relative Stärke.

Das Gespräch führte Christof Leisinger

Quelle: @cri
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